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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.07.2015

Online-Buchhandel Wie filtert Amazon gekaufte Rezensionen heraus?

Johannes Haupt im Gespräch mit Joachim Scholl

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Kundenrezensionen für ein Amazon-Produkt sind auf einem Smartphone zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Kundenrezensionen werden häufig manipuliert (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Rund um die Amazon-Rezensionen ist viel Geld zu machen, sagt der E-Book-Experte Johannes Haupt. Für die Kaufentscheidung der Kunden seien sie oft ausschlaggebend. Doch die große Frage sei, auf welche Daten Amazon bei der Suche nach fingierten Kritiken zugreife.

Ein Fall in den USA, bei dem die Rezension eines Indie-Autoren von Amazon gelöscht worden war, sorgt gerade für Empörung. Dabei handelt es sich um Autoren, die im Selbstverlag Bücher herausgeben und ganz besonders auf Online-Rezensionen angewiesen sind. Im vorliegenden Fall hatte der Autor ein Buch besprochen, das ihm gefallen hatte und dessen Verfasser er persönlich nicht kannte. Allerdings war er ihm bei Facebook als "Freund" verbunden. Amazon hat aber eine Richtlinie erlassen, die besagt, dass Freunde und Bekannte von Autoren nicht als Rezensenten tätig werden dürfen.

Von Amazon kein Kommentar

Seither stelle sich nun die "Gretchenfrage", wie Amazon solche Freundes-Rezensionen eigentlich herausfiltert, sagte der Experte Johannes Haupt, der eine Nachrichtenseite über E-Books betreibt, im Deutschlandradio Kultur. Amazon habe sich zu dem Fall derzeit nicht äußern wollen. Empörte Kunden haben eine Online-Petition gestartet.

"Natürlich ist es völlig legitim, auch aus der Sicht der Leute, dass Amazon überwacht, wenn unrechtmäßige Rezensionen publiziert werden", so Haupt. Auf die Online-Rezensionen werde bei der Bewertung eines Produktes schließlich viel Wert gelegt. "Gerade bei Indie-E-Books, die ja nicht im Feuilleton rezensiert werden, sind es häufig die einzigen Indizien dafür, was das Buch taugt." Online-Rezensionen seien für die Kaufentscheidung überragend wichtig, erklärte Haupt. Studien besagten, dass sie sogar eine größere Rolle spielten als die Selbstbeschreibungen oder die Leseproben von E-Books.

"Ein großes Geschäft"

Deshalb gebe es inzwischen eine regelrechte Bewertungsindustrie und bei Agenturen könnten positive Bewertungen gekauft werden. "Das ist schon ein großes Geschäft", sagte Haupt über Self-Publisher, die positive Rezensionen einkauften oder Konkurrenten mit negativen Kritiken bekämpften. "Die Frage ist aber, wie Amazon diese Spreu vom Weizen trennt."

In letzter Zeit sei es häufiger vorgekommen, dass Rezensionen einfach nur von Fans geschrieben worden seien, die Amazon für gekaufte Kritiken gehalten habe. Wenn jemand aber immer wieder fünf Sterne an den gleichen Autor vergebe oder die IP-Adresse von Autor und Rezensent identisch seien, sei das natürlich verdächtig, räumte Haupt ein. "Und die große Frage und der große Aufreger ist, ob Amazon da nicht nur auf sein eigenes System und  auf seine eigene Website zugreift." Die Leute hätten Sorge, dass der  Anbieter auf der Suche nach möglichen Betrügern gezielt Facebook-Seiten, Twitter oder Google absuche.

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