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Buchkritik | Beitrag vom 20.07.2020

Omri Boehm: „Israel – eine Utopie“Ein Staat für alle

Von Carsten Hueck

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Das Buchcover, von Omri Boehm: "Israel – eine Utopie", Propyläen Verlag, 2020. (Propyläen Verlag / Deutschlandradio)
Omri Boehm: "Israel – eine Utopie" (Propyläen Verlag / Deutschlandradio)

Der israelische Philosoph Omri Boehm sucht einen Weg aus der verfahrenen Situation des Nahostkonflikts. Er findet ihn in der Idee eines postnationalen Staates.

Seit über siebzig Jahren gibt es einen jüdischen Staat. Erdacht und aufgebaut von europäischen Juden, die Jahrhunderte lang immer wieder Gewalt und Diskriminierung erlebt hatten. Nach der Erfahrung des Holocaust stimmte die Weltgemeinschaft 1947 für eine Teilung des damaligen britischen Mandatsgebiets Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Teil. Die Juden akzeptierten dankbar, die Araber verweigerten ihre Zustimmung, friedliches Zusammenleben oder gut nachbarschaftliches Nebeneinander ist bislang nicht gelungen.

Hoffnung auf eine tragfähige Zweistaatenlösung brachten die Osloer Verträge in den 1990er Jahren. Heute jedoch ist offenbar: Israel wird nicht 700.000 jüdische Siedler aus besetztem palästinensischen Gebiet ins israelische Kernland umsiedeln. Im Gegenteil: die Regierung Netanjahu schickt sich an, mit dem Segen der USA diese Gebiete zu annektieren.

Ein Buch, das weh tut

Der israelische Philosoph Omri Boehm nimmt das zum Anlass, mit seinem neuen Buch all jene und insbesondere die Deutschen, die noch immer von einer Zweistaatenlösung träumen, aus ihrem "dogmatischen Schlummer" zu wecken. "Israel – eine Utopie" ist ein Buch, das weh tut. Denn der Autor räumt in fünf Kapiteln mit vielen Vorstellungen auf, an denen liberale Israelfreunde hierzulande schlafwandlerisch festhalten.

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Omri Boehm, 1979 in Haifa geboren, diente beim israelischen Inlandsgeheimdienst und lehrt Philosophie in New York. Er erweist sich als scharfer Denker, bezieht sich auf Kant, Ernst Renan, Hannah Arendt und die frühen Zionisten Herzl, Achad Ha’am und Jabotinsky. Mit ihnen, tatkräftigen Gründervätern und streitbaren Denkerinnen und Denkern, kritisiert er den gegenwärtigen Zustand der israelischen Demokratie, zeigt ihre veränderte moralische Realität, ihre destruktiven, von Mysterien, Barrieren und Tabus geprägten Grundsätze auf. Dabei ist Boehm kein Antizionist.

Um die festgefahrene und bedrohliche Situation Israels zu ändern, kommt er auf eine binationale Einstaatenlösung zurück, wie sie bereits lange vor Staatsgründung von führenden Zionisten angedacht worden war: Nationale Selbstbestimmung und Autonomie für Juden wie Palästinenser, eine gemeinsame israelische Staatsbürgerschaft, Freizügigkeit und gleiche Rechte für alle.

Eine Idee von 1977

Inspiriert ist Boehms Utopie auch von der "Republik Haifa", Israels drittgrößter Stadt, in der er, anders als in Tel Aviv oder Jerusalem, "Araber und Juden wie selbstverständlich die Liebe, das Gespräch und das Leben miteinander teilen" sieht. Und ebenso, das ist die kleine Sensation dieses Buches, von einem Vorschlag, über den der rechte Ministerpräsident Menachem Begin 1977 im israelischen Parlament bereits abstimmen ließ. Er sieht Autonomie und die israelische Staatsbürgerschaft für die Palästinenser vor und ist ein Absehen von der Forderung nach einem jüdischen Staat.

Für das gedeihliche Zusammenleben der Ethnien fordert Boehm die "Kunst des Vergessens". So nennte er "eine Politik, die daran erinnert den Holocaust und die Nakba zu vergessen, um sie nicht länger als Säulen unserer Politik zu verewigen, sondern abzutragen."

Dass derzeit für solche Überlegungen weder auf palästinensischer noch auf jüdischer Seite eine Mehrheit zu finden ist, spricht nicht gegen das Buch. Es ist klar in der Analyse bestehender Verhältnisse, bestimmt in seiner Argumentation, originell in der Aktualisierung vergangener Diskurse und notwendig hinsichtlich einer demokratischen Perspektive für Israel.

Omri Boehm: Israel – eine Utopie
Aus dem Englischen von Michael Adrian
Berlin, Propyläen Verlag, 2020
256 Seiten, 20 Euro

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