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Interview | Beitrag vom 17.05.2021

"Omas gegen Rechts" in ErfurtKeine Angst vor Neonazis

Renate Wanner-Hopp im Gespräch mit Ute Welty

Die Zahl der Unterschriften unter einer Petition der "Omas gegen Rechts" wird vor dem Justizministerium präsentiert, wo die Unterschriftensammlung übergeben wird.  (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Martin Schutt)
Die "Omas gegen Rechts" in Erfurt sammelten Unterschriften gegen Absprachen vor Gericht. Diese wären "fatal", sagt Renate Wanner-Hopp. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Martin Schutt)

In Erfurt engagiert sich Renate Wanner-Hopp im Verein "Omas gegen Rechts". Geprägt von den Kriegserlebnissen der eigenen Mutter, fühlt sie ein "Sendungsbewusstsein" gegen Neonazis. Sorgen bereitet ihr der so genannte "Ballstädt-Prozess".

Im Februar 2014 stürmten Neonazis die Feier der Kirmesgesellschaft in dem Ort Ballstädt in Thüringen. Mehrere Menschen erlitten Verletzungen. Mehrere Angeklagte wurden 2017 vom Landgericht Erfurt zu Haftstrafen bis zu dreieinhalb Jahren verurteilt. 

Doch 2019 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf: Die Beweisführung sei "durchgreifend rechtsfehlerhaft" gewesen. 

Blick in den Gerichtssaal im "Ballstädt-Prozess" am 24. Mai 2017 im Thüringer Landgericht. (imago / Jacob Schröter)Der "Ballstädt-Prozess" im Mai 2017: Zwei Jahre später hob der Bundesgerichtshof die Urteile auf. (imago / Jacob Schröter)

Von diesem Montag an wird der Prozess nun wieder aufgenommen. Renate Wanner-Hopp von den "Omas gegen Rechts" in Erfurt befürchtet, dass die mutmaßlichen Täter durch Absprachen zwischen Anklage und Verteidigung mit deutlich milderen Strafen davonkommen könnten.

"Ich vertraue der Justiz durchaus", unterstreicht Wanner-Hopp. Doch Absprachen seien "fatal", wie sie sagt. Sie seien ein "Signal in die rechte Szene, dass gewaltbereite extreme Gruppen sich schon jetzt vor Strafen sicher fühlen und dass ihre Gewalttaten einfach nicht sanktioniert" würden. 

Bedrohung durch Neonazis ist Alltag

In Erfurt beobachtet die 60 Jahre alte Mediatorin eine aktive Neonaziszene, auf deren Konto beispielsweise Überfälle auf Geflüchtete gehen. "Das passiert im öffentlichen Raum in Erfurt", sagt sie. "Es ist Alltag da, dass ständig direkt und indirekt Bedrohung durch Neonazis stattfindet."

Dass sich Wanner-Hopp, die vor zwei Jahren von München in die Heimatstadt ihrer Mutter zog, bei den "Omas gegen Rechts" engagiert, ist eher einem Zufall zu verdanken. Bei einer Kundgebung zum 1. Mai 2019 entdeckte sie entsprechende Schilder: "Da habe ich mir gedacht – ich bin Oma, ich bin gegen Rechts und da gehöre ich hin."

Für ihre Entscheidung spielten aber auch die Kriegserlebnisse ihrer Mutter eine große Rolle: "Davon war meine ganze Kindheit geprägt", erzählt sie. Sie musste "überlebenswichtige Regeln im Falle eines Krieges" beachten: 

"Ich musste jeden Abend meine Kleidung über einen Stuhl in solcher Weise legen, dass ich mitten in der Nacht, in Dunkelheit, ohne zu sehen, mich ankleiden konnte und das Haus verlassen konnte."

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Später habe sie die Angst transformieren können. Angst habe sie nun nicht mehr vor dem eigenen Leid, vielmehr wolle sie sich "für ein friedliches Miteinander und gegen Leid und Zerstörung" einsetzen:

"Mir ist es total wichtig, dass meine Enkelkinder mich als eine engagierte Frau erleben, die sich gegen rechte Gewalt und aufkommenden Faschismus stellt. Sie werden später sagen: Meine Oma war dabei und hat uns gemahnt. Sie können nicht sagen: Wo waren die denn, als das alles wieder angefangen hat?"

Von der stark vertretenen AfD-Wählerschaft in Thüringen fühlt sich Wanner-Hopp nicht abgeschreckt: "Mein Sendungsbewusstsein ist einfach viel größer." Größer als ihre Angst.

(bth)

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