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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 16.11.2012

Oman: Konservativ und zugleich modern

Im Sultanat gibt es viele positive Ansätze

Von Annette Rollmann

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Der omanische Sultan Qaboos bin Said ist der dienstälteste Herrscher der arabischen Welt (picture alliance / dpa / Albert Nieboer)
Der omanische Sultan Qaboos bin Said ist der dienstälteste Herrscher der arabischen Welt (picture alliance / dpa / Albert Nieboer)

Im Sultanat Oman gilt die Scharia und Emanzipation würden westliche Feministinnen hier nicht finden. Doch das Land hat sich der Moderne innerhalb weniger Jahrzehnte geöffnet. Es könnte ein Vorbild für seine vom Krieg gebeutelten Nachbarn sein.

Sie spricht mich an. Ihre Augen leuchten. Dalia trägt eine schwarze Abaja, die dem Schador gleicht, dem Frauengewand im sittenstrengen Iran. Sie habe mich beobachtet und wolle mich durch die Ausstellung führen, die sie gemeinsam mit anderen Fotografinnen nun schon zum dritten Mal in der omanischen Hauptstadt Muskat organisiert hat.

Die Bilder zeigen Landschaften oder Menschen, transportieren politische Botschaften. Das sei kein Problem im Oman, erläutert die junge Frau in perfektem Englisch. Hauptberuflich arbeitet sie im Sozialministerium des Sultanats. Zur Vernissage ist sie mit ihrer Familie gekommen. "Wir werden von unseren Vätern und Brüdern getragen", sagt sie und lächelt fein. Mit ihnen und nicht gegen sie führe sie ein selbstverantwortliches Leben.

Der Oman ist ein konservatives Land, das die Moderne dennoch nicht ablehnt. Im wesentlichen lebt das Land vom Ölgeschäft. Vieles ist vorbildlich geregelt - es gibt ein Sozialsystem, das Gesundheitswesen ist ausgebaut, man legt Wert auf Umweltschutz. Die Arbeitslosenquote liegt bei geringen sieben Prozent. Frauen bekommen in dem streng islamischen Land den gleichen Lohn wie Männer und dürfen anders als in Saudi-Arabien Auto fahren, und das sogar allein.

Lange verlief das Leben im Oman anders. Innerhalb von nur vierzig Jahren hat sich der Nachbar Saudi-Arabiens vom Mittelalter in die Neuzeit katapultiert. Heute hätte sie hier alle Möglichkeiten, versichert Dalia. Ganz anders als die Menschen in einigen anderen arabischen Staaten. Gerade ist sie von einer Reise durch die Region zurückgekehrt, hat auch Syrien besucht.

Ein großformatiges Foto in der hellen, modernen Ausstellungshalle zeigt ein Mädchen, vielleicht vier, fünf Jahre alt, mit einem irrem Blick, das Haar ungekämmt und wild. Als Dalia sie fotografiert hatte, habe die Kleine zu ihr gesagt: "Ich will kein Geld." Dann habe das Mädchen mit der Eisenstange in der Hand auf ihr Gesicht gedeutet: "Ich will deine Augen. Ich will sie essen." Während Dalia an die Grausamkeit des verlorenen kleinen Kindes zurückdenkt, füllen sich ihre Augen mit Tränen.

Die Omanis beobachten sehr genau, was sich bei ihren muslimischen Nachbarn abspielt. Sie leben in einem stabilen Land, wenn auch ohne Demokratie. Der Sultan führt den Oman in einer absolutistischen Monarchie. Es gilt die Scharia. Meinungs- und Pressefreiheit gibt es nicht. Emanzipation, wie sie eine Frauenrechtlerin verstehen würde, auch nicht. Dennoch treten viele Frauen sehr selbstbewusst auf, gerade wenn es um ihren Beruf geht. Unterdrückt scheinen sie nicht zu sein, auch wenn sie Schleier tragen.

Die Omanis halten an ihren Bräuchen fest, leben in ihren Großfamilien, haben klare Rollenvorstellungen. Doch sie tun es, ohne Tradition und Religion aggressiv zu verteidigen. Sie öffnen sich dem Neuen und erhalten das Alte. Sie diskutieren über die Vorzüge von Sonnenenergie, während überall der Duft von Weihrauch die Menschen einhüllt. Sie haben in Muskat das erste Opernhaus der Golfstaaten gebaut und hören dort an einem Abend islamische Sakralmusik, am nächsten Verdi und Puccini.

Dalia wippt auf ihren donnerhohen Pumps hin und her: "Ich habe meine Prinzipien und ich bin in mir frei. Ich akzeptiere meine Kultur und meine Familie, die mich aufgezogen hat. Der Islam beschützt uns und wir sind sehr erfolgreich." Das Land des Weihrauchs entwickelt sich friedlich, sanft und dabei sehr bestimmt. So könnte der Oman ein Modell für die aufgewühlte, von Krieg zersetzte Region werden.

Die Journalistin Annette Rollmann (privat)Die Journalistin Annette Rollmann (privat) Annette Rollmann, Journalistin, wurde 1965 in Hamburg geboren. Sie war Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Korrespondentin im Hauptstadtbüro des Rheinischen Merkurs. Die Politologin lebt als freie Autorin in Berlin.

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