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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.02.2014

Olympia"Sport ist das große Drama unserer Zeit"

Großveranstaltungen als Instrument staatlicher Interessen

Harald Lange im Gespräch mit Katrin Heise

Skifahrer in der Nähe von Krasnaya Polyana in der Olympia-Region um Sotschi (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Skifahrer in der Nähe von Krasnaya Polyana in der Olympia-Region um Sotschi (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)

Russland demonstriere der Welt, dass man Olympische Winterspiele an einem Ort inszenieren könne, der nicht dafür geeignet sei, sagt der Sportwissenschaftler Harald Lange. Auch ihn beeindruckten die Fernsehbilder.

Katrin Heise: Die Hälfte der Deutschen befürwortete einen Olympia-Boykott, und 51 Prozent meinten, dass hochrangige Politiker das Spektakel in Russland lieber nicht besuchen sollten. Das mag sich jetzt, wo Deutschland im Medaillenregen steht, verändert haben. Die Zahlen stammten aus einer repräsentativen Umfrage des Sportinformationsdienstes und des Marktforschungsinstitutes Puls vor der Eröffnungsfeier in Sotschi. Diese Eröffnungsshow schauten dann allein in Deutschland fast neun Millionen Zuschauer. Das ist eine Traumquote, mehr als bei der Eröffnungsfeier in London im Sommer. Und diese Einschaltquoten gab es dann auch immer wieder mal. Also ist die Rechnung Putins aufgegangen, Imagegewinn für Russland?

Professor Doktor Harald Lange ist Leiter des Institutes für Sportwissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und Direktor des Instituts für Fankultur in Frankfurt. Schönen guten Tag, Herr Lange!

Harald Lange: Guten Tag, hallo!

Heise: Die Kritik im Netz, die ist ja wohl manchmal ein bisschen ungeschminkter als in anderen Medien, diese Netzkritik beklagt Unterdrückung von Kritik, viele technische Pannen und Unterbringungsprobleme unter anderem. Wie sieht denn Ihre Zwischenbilanz aus, Herr Lange? Wie ist die Wirkung der Spiele nach neun Wettkampftagen? Sind die TV-Bilder stärker oder die Kritik im Netz?

Lange: Jetzt kann auch ich für mich sagen, dass ich natürlich nicht unbeeindruckt bin von den TV-Bildern und auch bei mir immer wieder feststelle, dass der Sport das große Drama unserer Zeit ist.

Das heißt, die Inszenierungen, die uns da dargeboten werden durch die TV-Anstalten, die sind schon im wahrsten Sinne des Wortes Weltklasse. All das, was ein großes Drama braucht, wird uns da angeboten. Und es gibt kaum etwas, was unterhaltsamer ist als dieser Sport, und deshalb kann man durchaus sagen, dass diese Inszenierung sehr viele Themen, die wir vorher diskutiert haben, sei es jetzt das Problem der Homophobie, das Einhalten von Menschenrechten und so weiter, dass diese Themen jetzt ein Stück weit in den Schatten getreten sind.

Heise: Umweltsünden beispielsweise auch. Aber dieses positive Image, wird das nicht ein bisschen durch die leeren Zuschauerränge oder durch negative Berichte, die dann eben doch in sozialen Medien auftauchen - ja, wenigstens, das klingt jetzt so, als ob ich in alles irgendwie nur Wasser reingießen wollte - also, wird das gestört?

Lange: Ja, das wird in jedem Fall gestört. Das sind natürlich jetzt - das ist gewissermaßen eine Begleitmusik, die wir im Sport auch bei anderen Großveranstaltungen so wahrnehmen, die immer auch mit dazugehört. Und ein Imagegewinn, der lässt sich halt nicht so ganz glatt und ganz astrein durchsetzen. Da gehört es auch dazu, dass bestimmte Kritiken aufkommen. Und da gehört auch dazu, zu beobachten, wie gehen jetzt die Machthabenden, wie geht die Gesellschaft in Russland mit diesen Themen, die da von außen kritisch beleuchtet werden, eben um.

Heise: Aber das ist ja ein ganz schöner Unterschied. Von den Machthabenden, wie gehen die mit der Kritik um oder wie geht die Gesellschaft mit der Kritik um. Wie gehen die denn jetzt miteinander, also damit um.

Lange: Genau. Was man vielleicht in dem Zusammenhang als sehr positiv bewerten muss, ist, dass durch die internationale Öffentlichkeit, durch die Aufmerksamkeit, die da provoziert wird, auch Proteste kundgetan werden, nicht nur im Internet, sondern auch Protest auf den Straßen und bis hin Protest in den Symbolen, die man da trägt. Und man kann ja in diesem Zusammenhang durchaus auch gewisse Assoziationen bilden, wenn man die Kleidung, die offizielle Olympia-Kleidung der deutschen Mannschaft anschaut. Auch das könnte als eine Form von Protest gewertet werden.

Heise: Weil das so bunt ist, oder?

Das deutsche Olympia-Team - angeführt von Maria Höfl-Riesch (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)Das deutsche Olympia-Team - angeführt von Maria Höfl-Riesch (picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Nähe einer Regenbogenfarbensymbolik

Lange: Genau. Da gibt es schon die ersten Stimmen, die das durchaus in die Nähe einer Regenbogenfarbensymbolik bringen, was jetzt nicht wirklich bestätigt ist, aber was ich so als Idee zumindest schon sehr originell finde und was natürlich als Symbol dann sehr offensiv und offensichtlich ist.

Heise: Was würden Sie denn dann sagen? Hat Putin sein Ziel des Imagegewinns, der Imageaufwertung für Russland erreicht, nach innen und nach außen?

Lange: In jedem Fall. Vielleicht nicht ganz so, wie man sich das so erwartet - man hat natürlich immer da Optimal- oder Maximalerwartungen -, aber es ist in jedem Fall ein Imagegewinn dahingehend, dass man es geschafft hat, der Welt demonstriert hat, dass man Olympische Winterspiele an einem Ort inszenieren kann, der eigentlich nicht wirklich für Winterspiele gemacht ist.

Heise: Na, "nicht wirklich" ist gut - 20 Grad, glaube ich, sind es da.

Lange: Ja, in einem subtropischen Klima. Wir haben jetzt auch gesehen, die dann quasi in kurzen Hosen und T-Shirts ihrer Sportart nachgehen, was sie ansonsten aus dem Weltcup her nicht gewohnt sind. Aber trotz allem haben die Wettkämpfe stattgefunden. Die Wettkämpfe waren gekennzeichnet durch die Dramaturgie, wie wir sie im Sport auch in anderen Regionen kennen.

Also, die Rechnung ist trotz dieser Witterungssachen voll aufgegangen, und man der Welt eben gezeigt, wir können sogar das, sprich Winterspiele gewissermaßen aus dem Boden stampfen, was man ja eventuell auch als Kennzeichen dieser Epoche gewissermaßen einordnen könnte.

Heise: Na, angesichts von den sportlichen Ereignissen kommt man sich dann ja auch immer vor wie so ein ewiger Meckerpott, wenn man dann die Sachen wie Umwelt - was man ja anhand der Bilder eigentlich könnte - immer wieder hervorzaubert.

Lange: Ja. Und diese Themen konkurrieren jetzt eben mit den Themen, die uns die Dramaturgie des Sports bringt. Und da muss man sagen, da ist man einfach betroffen, wenn man jetzt beispielsweise gerade eben in den Nachrichten die Meldung gehört hat, dass Felix Neureuther nun doch nicht starten kann am Mittwoch, weil ihm sein Nacken weh tut. Und das Ganze ist so inszeniert wie ein klassisches Drama. Und so leiden wir jetzt mit, und das interessiert uns, und das interessiert jetzt in der Tat weitaus mehr, als es die politischen Probleme im Vorfeld getan haben.

Heise: Inszeniert ja von mehr als einer Person, aber eine Person steht trotzdem sehr im Mittelpunkt, denn um diese Person wird quasi Personenkult betrieben, nämlich Präsident Putin.

Lange: Genau.

Vergleich mit Hitler bei den Olympischen Spielen 1936

Heise: Kasparow, der ehemalige Schachweltmeister, vergleicht ihn ja sogar, die Rolle Putins, mit der Hitlers bei den Olympischen Spielen 1936.

Lange: Solche Vergleiche sind natürlich mit äußerster Vorsicht zu genießen. Die bedürfen einer sehr differenzierten historischen, aber auch sozialwissenschaftlichen Analyse. Das würde ich jetzt in so einem Radiointerview in der Kürze auch gar nicht hinkriegen.

Aber allein die Tatsache, dass solche Vergleiche gezogen werden, dass man in solche Richtungen denkt, diese Tatsache fordert dazu auf, dass man das doch mal ganz genau untersuchen muss, analysieren muss: Welchen Imagegewinn können wir erwarten, wenn wir Olympische Spiele in einem bestimmten Land durchführen?

Was erwarten sich die Machthabenden davon, und wie genau konstituiert sich dann auch letztlich dieser Imagegewinn. Das finde ich gegenwärtig sehr interessant, das genau zu beobachten. Wie verhält sich Putin in der Begegnung mit Athleten? Mit welchen Personen umgibt er sich, mit welchen Personen führt er gemeinsame Interviews, mit welchen Personen geht er Kaffee trinken und lässt sich dabei beobachten, auch medial beobachten?

Das sind alles Themen, die sehr interessant sind. Und in dem Zusammenhang finde ich es auch spannend, welche Politiker ringen sich durch und sagen, okay, meine Mannschaft ist da, wir gewinnen auch viele Medaillen, aber ich besuche ihn bei diesen Spielen nicht.

Heise: Ehrlich gesagt müssten Sie mir da jetzt auch auf die Sprünge helfen. Wer ist es denn, wer da nicht hingeht?

Lange: Ja, einer der ersten, sehr populären, sehr bekannten, der gesagt hat, er geht da nicht hin, war unser Bundespräsident.

Heise: Ja, ja, Herr Gauck, ja.

Lange: Genau. Der hat das schon im letzten Jahr gesagt, dass er da nicht hingehen wird ...

Heise: Hat er aber auch eine Menge Kritik für eingesteckt.

Lange: Ja. Und inzwischen, würde ich sagen, kriegt er auch sehr viel Schulterklopfen für diese Entscheidung, und es sind sehr viele Staatsoberhäupter, die diesem Beispiel gefolgt sind. Zuletzt habe ich die Meldung gelesen, dass der französische Präsident auch nicht kommt, und selbst Angela Merkel fährt nicht hin.

Heise: Herr Lange, lassen Sie uns noch mal bei diesen sportlichen Großveranstaltungen über die direkte Wirkung hinausschauen. Solche Großereignisse wie jetzt auch beispielsweise die Olympischen Spiele in China oder eben jetzt in Russland. Sie sind deshalb so politisch, weil eben der Sport, das haben Sie erwähnt, so eine große gesellschaftliche Rolle spielt.

Jetzt wird auch immer wieder diese friedensstiftende Mission, meistens vom IOC dann betont, und die Möglichkeit, über Missstände breit zu diskutieren. Also, gibt es eine Größenwirkung dieser Großveranstaltungen?

Lange: Das Argument des Frieden-Stiftens, das würde ich als Ente enttarnen nach dem Motto, das ist es ganz sicher nicht. Da strapaziert man den Sport deutlich über. Was man aber in jedem Fall konstatieren kann, ist, dass der Sport bestimmte Problemlagen sehr, sehr sichtbar macht und eben einer breiten Öffentlichkeit zuführt und auch die Diskussion darüber erst so breit möglich macht. Das hat man jetzt gerade am Beispiel Russland sehr deutlich gesehen.

Es stellt sich dann natürlich die Frage, was folgt daraus. Gibt es dann irgendwelche Konsequenzen? Und wird das IOC in dem Sinne auch politisch, was es ja strikt ablehnt.

Heise: Wir könnten das ja ganz gut beobachten, was eigentlich aus diesem Großereignis wird, in Brasilien. Da folgen ja auf die Weltmeisterschaften im Fußball dann zwei Jahre später die Olympischen Sommerspiele. Ob da irgendwas sich gesellschaftlich tut durch die Spiele. Die Kritik, die ja hier sehr massiv jetzt geäußert wird von der brasilianischen Öffentlichkeit.

Olympia 2016 - Sandskulpturen am Strand der Copacabana (picture alliance / dpa /EPA/ Marcelo Sayao)Olympia 2016 - Sandskulpturen am Strand der Copacabana (picture alliance / dpa /EPA/ Marcelo Sayao)

Brasilien kann hochinteressant

Lange: Genau. Genau. Da haben Sie jetzt ein anderes Beispiel, jetzt eben Brasilien, die Aufmerksamkeit dahin gelenkt. Das wird da hochinteressant sein, weil man ja ansonsten immer die Erfahrung hat, da wird so ein Mega-Event vergeben in ein Land, das durchaus Probleme hat. Die Probleme kommen alle hoch und die Machthabenden, die versprechen, na ja, wir haben das jetzt wahrgenommen, wir arbeiten dran, wir setzen Ausschüsse ein und wir werden uns bessern, wenn man so will. Und dann ist es natürlich auch immer für einen Boykott viel zu spät, weil den hätte man ja viel, viel früher machen können, wenn man denn diese Missstände für ernst nimmt.

Aber wenn sich so ein Ereignis wiederholt, sprich ein paar Jahre nach der Fußballweltmeisterschaft plötzlich Olympische Spiele in diesem Land sind, dann hat man natürlich die einmalige Chance, diesen Prozess öffentlich zu begleiten und dann auch zu sanktionieren nach dem Motto, ich will ja auch glaubwürdig sein.

Wenn ich zur WM angemahnt hab, hier stimmt etwas nicht, hier muss sich etwas ändern, aber wir haben es halt jetzt erst gewissermaßen, dadurch, dass die mediale Aufmerksamkeit erst so spät kam, zu spät in den Fokus genommen. Das kann man dann bei diesem Beispiel Brasilien in vier, fünf Jahren nicht mehr sagen.

Heise: Ja. Dann sind wir da mal ganz aufmerksam. Harald Lange ist Leiter des sportwissenschaftlichen Instituts der Würzburger Uni und auch Dozent beim Deutschen Olympischen Sportbund.

Herr Lange, ich danke Ihnen ganz herzlich!

Lange: Ich bedanke mich auch, danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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