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Lesart | Beitrag vom 13.04.2019

Oliver Georgi: "Und täglich grüßt das Phrasenschwein"Warum Politiker Angst vor Inhalten haben

Von Alexander Kissler

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Das Buchcover von Oliver Georgi, "Und täglich grüßt das Phrasenschwein", Bildhintergrund zeigt ein rosa Spielzeugschwein auf hellem Grund. (Duden Verlag/Unsplash/Fabian Blank/Deutschlandradio)
Autor Oliver Georgi beschreibt, wie Politiker ihre Phrasen hegen und pflegen. (Duden Verlag/Unsplash/Fabian Blank/Deutschlandradio)

Ein weiteres Buch über die verhängnisvolle Liebe von Politikern zu Worthülsen: FAZ-Journalist Oliver Georgi entlarvt den Hang zu vorgestanzten Phrasen als Angst, auf Inhalte festgelegt zu werden. Phrasen seien aus Hilflosigkeit geborene Abwehrbegriffe.

Zwei Publizisten haben – unabhängig voneinander – ein Buch mit politischer Phrasenkritik veröffentlicht und rezensieren im Deutschlandfunk Kultur gegenseitig ihre Werke. Hier der "Cicero"-Redakteur Alexander Kissler über seinen Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ):

Der FAZ-Journalist Oliver Georgi hat ein Buch geschrieben über die fatale Neigung vieler Politiker zu Phrasen. Das Buch besteht aus zehn Kapiteln, das letzte heißt "Klartext: Was tun?", in der Unterzeile lesen wir: "Warum es keine Phrase bleiben darf, dass Schluss mit den Phrasen sein muss."

Oh, wie recht hat Oliver Georgi! Hätte ich sonst zur selben Zeit wie er und ohne es zu wissen ein Buch geschrieben mit der Unterzeile "Warum mit Phrasen Schluss sein muss"? Georgi und ich teilen die Diagnose: Das gegenwärtige Regiment der Phrase schadet der Demokratie. Doch teilen wir die Therapie?

Phrasenkönigin Angela Merkel

Bei Georgi wie bei mir ist Angela Merkel die Phrasenkönigin. Georgi nennt sie "Großmeisterin der alternativlosen Worthülse" und wirft ihr – ebenso wie ich – die Entleerung der politischen Sprache vor, etwa durch die Floskelsätze "Das ist alternativlos" und "Wir schaffen das". Ihnen widmet Georgi sich in Kapitel eins, in dem er das Wortfeld "Vertrauen" untersucht, und in Kapitel sieben, der vom rhetorischen Missbrauch des Begriffs "Mut" handelt.

Bei Georgi lerne ich: Bereits eine Woche vor Angela Merkel, im August 2015, sagte Vizekanzler Sigmar Gabriel: "Wir schaffen das." Erst die Kanzlerin freilich machte aus der einmaligen Mutansage eine mehrfach wiederholte Trotzformel, zum Nachteil des Diskurses.

Der Gang zu den Phrasen ist verführerisch. Wer auf vorgestanzte, vage Sprache zurückgreift, kann nicht widerlegt werden, wenn sich die Dinge in eine andere Richtung entwickeln. Georgi zählt mit Wonne die steigende Häufigkeit des Wortes "Vertrauen" in den stets dicker werdenden Berliner Koalitionsverträgen und urteilt, die Politik werde "immer nebulöser, unkonkreter und phrasenhafter".

Sozialdemokratische Wortfindungsstörungen

Zum Running Gag taugt ihm das erfolglose Bemühen der SPD um eine griffige Sprache, eine sozialdemokratische "Wortfindungsstörung", vorgeführt am Radebrechen des damaligen hessischen Spitzenkandidaten Schäfer-Gümbel. Das alles stimmt – doch soll man Parteien auf dem Sterbebett ihre Verfehlungen hinterherrufen?

Verdienstvollerweise enttarnt Georgi die inflationäre Rede von "Nachhaltigkeit" als hohl. Warum findet er dann nur lobende Worte für Grünen-Chef Robert Habeck und dessen Buch "Wer wir sein könnten"?

Habeck ist ein großer Nachhaltigkeitsschwätzer vor dem Herrn und verdiente in all seiner Ego-Apokalyptik ein eigenes Kapitel in der Nachkriegsgeschichte der Phrase. Auch Georgis Begeisterung für die "Framing"-Theorie der Linguistin Elisabeth Wehling vermag ich nicht zu teilen.

Das Buch nimmt uns alle in die Pflicht

Und kann man, wie Georgi es tut, gegen Phrasen zu Felde ziehen und unironisch schreiben, jemand sei "in der Politik unterwegs" und ein anderer müsse "die Komfortzone verlassen"? Da schüttelt's mich. Auch die stete Dreingabe des Adjektivs "rechtspopulistisch", sobald die wegen ihrer "Provokationsrhetorik" gescholtene AfD genannt wird, ermüdet auf die Dauer.

Das große Verdienst des Buchs liegt an anderer Stelle. Georgi nimmt die "Dreiecksbeziehung zwischen Politikern, den Wählern und den Medien" ernst und damit uns alle in die Pflicht.

In Georgis Worten: "Wir beobachten immer mehr moralisierende Generaldebatten, die durch die immer aufgeregtere Berichterstattung der Medien binnen Minuten losbrechen können und in denen kaum noch differenziert wird. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Gleichzeitigkeit der Argumentationsstränge, der Aktionen, Reaktionen und widerstreitenden Thesen uns überfordert – und wir alle deshalb zu schnellen Gut-Böse-Rastern neigen, um das Informationschaos überhaupt noch beherrschbar zu machen."

Gelesen, genickt, manchmal gelacht

So ist es. Phrasen sind Abwehrbegriffe und Ordnungsversuche, aus Hilflosigkeit geboren. Das Bewusstsein für die Bedeutung von kraftvoller, präziser, unverbogener Sprache wird wachsen, wenn wir uns des Schatzes neu bewusst werden, den wir in Händen halten und der Republik heißt. Georgis wichtiges Buch hilft bei dieser inneren Republikanisierung. Ich habe es gern gelesen, oft genickt und manchmal gelacht.

Oliver Georgi: "Und täglich grüßt das Phrasenschwein.
Warum Politiker keinen Klartext reden - und wieso das auch an uns liegt"
Duden Verlag, 2019
224 Seiten, 18 Euro

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