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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.10.2015

Olga Grjasnowa am Gorki-TheaterGefühlsachterbahn einer arrangierten Ehe

Von Eva Behrendt

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Taner Sahintürk, Lea Draeger, Mehmet Atesci in "Die juristische Unschärfe einer Ehe" von Olga Grjasnowa im Maxim Gorki Theater Berlin (dpa/ picture-alliance/ Claudia Esch-Kenkel)
Taner Sahintürk, Lea Draeger, Mehmet Atesci in "Die juristische Unschärfe einer Ehe" von Olga Grjasnowa im Maxim Gorki Theater Berlin (dpa/ picture-alliance/ Claudia Esch-Kenkel)

Olga Grjasnowas "Die juristische Unschärfe einer Ehe" über die arrangierte Ehe einer Lesbe und eines Schwulen aus Aserbaidschan liefert viel Erzählstoff. Nurkan Erpulat zieht bei seiner Inszenierung des Stücks in Berlin ästhetisch alle Register. Vier starke Schauspieler halten die extremen Wechsel darin zusammen.

Dieses Arrangement scheint perfekt zu sein: Der schwule Psychiater Altay und die lesbische Bolschoi-Ballerina Leyla mögen sich und vertrauen einander. Ihre von ihren aserbaidschanischen Eltern gestiftete Ehe schützt beide, und das ist im homophoben Klima Moskaus, wo sie sich kennenlernen, auch bitter nötig. Olga Grjasnowas Roman "Die juristische Unschärfe einer Ehe" erzählt rasant davon, wie diese Schutzgemeinschaft ins Trudeln gerät, wie sie im liberalen Berlin fast gesprengt wird und in der Machogesellschaft der Ölmetropole Baku wieder zusammenfindet.

Gleichzeitig porträtiert eine Generation junger Wanderer zwischen Ost und West, die in dem doppelten Dilemma stecken, sich einerseits von den repressiven Strukturen der Herkunftskultur emanzipieren zu wollen, im Westen aber andererseits zu bemerken, dass ihnen diese Kultur buchstäblich in den Knochen steckt.

Minutenlange Ruhe folgt auf laute Beats

Nachdem zur Eröffnung der Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje Yael Ronen Grjasnowas Debutroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" als melancholisch-komisches Beziehungsspiel zwischen drei Ländern auf die Bühne brachte, inszeniert Hausregisseur Nurkan Erpulat nun seine Theaterfassung der "Juristischen Unschärfe". Und er zieht dazu ästhetisch alle Register: Formstrenge Szenen - etwa die Eröffnung, in der die vier Spielerinnen und Spieler in wadenlangen Tütüs vor einer weißen Trapezwand stehen - gehen über in bildüberflutete Videoclipsettings, von lauten Beats getriebene Clubszenen stehen neben minutenlang ausgehaltener Ruhe, etwa wenn Lea Draeger als Ballettänzerin in der Krise einen kompletten Kuchen verspeist oder wenn die drei anderen Leylas Ausbildungsmaxime "In der größten Disziplin liegt die größte Freiheit" in literweises, sichtlich schmerzhaftes Wassertrinken übersetzen.

Immer wieder singt Mehmet Atesci melancholische Popballaden (Musik: Valentin von Lindenau), flackern Visuals mit Fotografien aus drei Ländern und verschiedenen Zeitschichten über die Bühne von Katrin Frosch, switcht der Abend von Pathos zu Satire zu Melancholie. Zusammengehalten werden diese extremen atmosphärischen Wechsel von den vier starken Gorki Spielern, neben Draeger und Atesci stehen auch noch Mareike Beykirch und Taner Sahintürk auf der Bühne.

Starke Schauspieler, sinnliche Inszenierung

Ihre souveräne, freie Haltung beglaubigt sämtliche Gefühlsachterbahnen, die das Theater hier manchmal etwas oberflächlich behauptet. Zumindest ist nicht ohne weiteres nachvollziehbar, was außer der gemeinsamen Herkunft Leyla und Altay aneinander bindet. Aber auch ihre Affären - etwa mit der israelischen Performance-Künstlerin Jonoun oder dem aserbaidschanischen Politikersohn Farid - ploppen eher kurz auf als dass sie wirklich plausibel wären, sind nur ein weiterer suggestiver Videoclip.

Die Inszenierung gliedert sich in drei Kapitel: auf das homophobe Moskau folgt das liberale Berlin, doch zur wahren Suche nach sich selbst müssen die Eheleute noch mal zurück ins autoritäre, archaische, in den Privaträumen aber oft überraschend freie Baku. In den letzten Dialogen von Altay und Farid wird der Abend deutlich, wenn Farid dem überzeugten Auswanderer vorhält, dass auch der Westen seinen "Diskurs über Homosexualität" nur als Instrument kultureller Überlegenheit inszeniere. Erpulat lässt beide Sichtweisen nebeneinander stehen - und schlägt mit seiner sehr körperlichen und sinnlichen Inszenierung so etwas wie einen dritten künstlerischen Weg vor.

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