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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.06.2016

Olafur Eliasson in VersaillesWasserfall als Wahrnehmungsschulung

Von Kathrin Hondl

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Der Künstler Olafur Eliasson hat einen künstlichen Wasserfall im Park von Versailles auf einem Baukran errichtet. (Kathrin Hondl)
Der Künstler Olafur Eliasson hat einen künstlichen Wasserfall im Park von Versailles auf einem Baukran errichtet. (Kathrin Hondl)

Mit sanften Interventionen durchbricht der Künstler Olafur Eliasson die Strenge der durchkomponierten Parkanlagen von Versailles. Zugleich wünscht er sich die Zuschauer als Ko-Produzenten seiner Kunst. Deshalb offenbaren seine Installationen auch das Sehen selbst.

Alles dreht sich um das Element Wasser in den drei Installationen von Olafur Eliasson für die Schlossgärten von Versailles: Im zentralen Grand Canal stürzt ein Wasserfall von einem gigantischen gelben Krangerüst hinab. Und auch im Bosquet de la Colonnade plätschert das Wasser in den 32 kleinen Springbrunnen unter den Marmorarkaden der runden Anlage, die ursprünglich als Salon unter freiem Himmel gedacht war.

Doch in der Mitte der Colonnade ist das Wasser erstarrt: Dort hat Eliasson grünlich-blaue Rückstände eines grönländischen Gletschers installiert. Im Bosquet de l'Etoile wiederum verwandelt er das Wasser in einen feinen Sprühnebel, der aus zahllosen Düsen eines kreisrunden Gestells kommend Wiese und Wald in ein diffuses Wolkenlicht taucht. Der Barockgarten verliert an Strenge in der Regie von Olafur Eliasson.

"Die Gärten sind wirklich sehr interessant, und ich habe mich dafür interessiert: Wie kann ich das auflockern? Wie kann ich die Gärten weicher machen? Eigentlich komme ich ja aus einer Tradition, wo ich mich sehr stark von den englischen Gärten habe inspirieren lassen und weniger von diesen sehr organisierten und man könnte sagen leicht militarisierten Anlagen. Meine Arbeiten sind alle sehr weich, verhandlungsfähig. Die sind mal nicht da, wenn der Wind sehr stark ist, wird wohl wenig zu sehen sein. Der Wasserfall geht auch nicht immer an, der ist mal an und mal aus."

Der Künstler Olafur Eliasson hat einen künstlichen Wasserfall im Park von Versailles auf einem Baukran errichtet. (Kathrin Hondl)Der Künstler Olafur Eliasson hat einen künstlichen Wasserfall im Park von Versailles auf einem Baukran errichtet. (Kathrin Hondl)

Anti-illusionistische Intervention

Olafur Eliassons Wasser-Triptychon ist tatsächlich eine sehr sanfte Intervention in den durchkomponierten Parkanlagen von Versailles. So ist der Wasserfall im Grand Canal zwar beeindruckend gigantisch, gleichzeitig aber auch "anti-illusionistisch" – schließlich ist das banale gelbe Krangerüst hinter den herabstürzenden Wassermassen gut sichtbar.

"Die grundsätzliche Idee dahinter ist, gegen die Monumentalität in diesen Garten zu gehen. Gegen diese hierarchische Ordnung dieser Wahrnehmungsmaschine. Also die Idee ist natürlich schon, dass ich den Leuten zutraue, selber ihre eigene Wahrnehmung handzuhaben."

Auch in den Innenräumen des Schlosses wird schnell klar, was er damit meint. Eliasson hat nämlich nicht, wie vor ihm zum Beispiel Jeff Koons, die prunkvollen Säle mit konkurrierend prunkvollen Werken gefüllt. Im Herkules-Saal etwa hat er einfach nur draußen, vor der Fensterfront einen großen Spiegel installiert. "The curious Museum" heißt die Arbeit, die auch schon 2010 im Berliner Martin Gropius Bau zu sehen war. Eine von insgesamt fünf vergleichsweise diskreten Herausforderungen des Künstlers an die Sehgewohnheiten der Schlossbesucherinnen.

"In verschiedenen Ecken, wie auch im Herkules-Saal leicht zu übersehen, habe ich Interventionen gemacht, kleine Interventionen, nicht im traditionellen Sinn Skulpturen oder freistehende Objekte, eher so Eingriffe. Und was man in einem solchen Spiegel dann in diesem Fall auch sieht, ist natürlich nicht nur sich selber im Spiegel gucken. Man sieht sich selber durch ein Fenster in dem Spiegel, wo man dann auch das Fenster drin sieht. Das heißt, man sieht auch das Sehen selber."

Die Installation "Solar Compression" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)Die Installation "Solar Compression" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)

Ausstellungsbesucher als Ko-Produzenten

Eliasson wünscht sich die Ausstellungsbesucher nicht als Konsumenten, sondern als Ko-Produzenten seiner Kunst. An der Stirnseite des berühmten Spiegelsaals eröffnet er mit Spiegeln und Lichtkreisen überraschende, fast schon verwirrende Perspektiven auf den geschichtsträchtigen Saal und natürlich seine Besucher aus den demokratischen und postdemokratischen Gesellschaften von heute.

"Your sense of unity" hat Eliasson das Werk genannt, das – so viel dürfte sicher sein – als Selfie-Kulisse in den kommenden Wochen die sozialen Netzwerke überfluten wird.

Die Installation "Sense of Unity" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)Die Installation "Sense of Unity" von Olafur Eliasson im Schloss Versailles. (Kathrin Hondl)

Dass eine Ausstellung in Versailles, auch wenn sie intelligent und diskret ist, dem Risiko des Spektakels kaum entrinnen kann, weiß natürlich auch Olafur Eliasson:

"Wir leben halt in Zeiten, wo das Spektakel natürlich sehr dominierend ist. Und für mich ist das natürlich grenzwertig, aber im Sinne von: Trauen wir den Leuten das zu, selber so eine Ausstellung zu produzieren oder zwingen wir sie in eine Situation, wo sie eher die Ausstellung konsumieren. Aber grundsätzlich bin ich ja Optimist und traue den Leuten das auch zu, sich wieder revolutionär sozusagen davon zu befreien."

Power to the people

"Power to the people" ist die vielleicht revolutionsromantische aber eben auch absolut zeitgemäße Botschaft, die Olafur Eliasson mit seinen Interventionen in Schloss und Park des Sonnenkönigs verbindet.

Zur Vernissage trug er eine gelbe Sonne um den Hals gehängt: "Little sun", eine Solarlampe, die Eliasson zusammen mit dem Ingenieur Frederik Ottesen entwickelt hat – für die über eine Milliarde Menschen auf der Welt, die auch heute noch keinen Zugang zu Elektrizität haben.   

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