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Sein und Streit | Beitrag vom 17.11.2019

Olaf Scholz: Keine Gemeinnützigkeit für MännervereineKulturwandel lässt sich nicht verordnen

Von David Lauer

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In der Komödie "Komplexe Väter", stoßen die Schauspieler (l-r) Jochen Busse, Rene Heinersdorff, Hugo Egon Balder mit einem Sekt an. (dpa / Horst Ossinger)
Auf die Männerfreundschaft - gut, wenn es Männervereinigungen gibt, deren Ziel die Kultivierung einer besseren Form von Männlichkeit ist. (dpa / Horst Ossinger)

Vereine, die keine Frauen aufnehmen, sollen keine Steuervorteile genießen, so sieht es Finanzminister Olaf Scholz. Er will ihnen daher die Gemeinnützigkeit aberkennen. Ein Vorhaben, das sein Ziel verfehlt, meint David Lauer.

In einem liberalen Staat darf jeder Mensch selbst entscheiden, mit wem er sich in seiner Freizeit umgibt. Und wenn nun Menschen – Männer, Frauen, Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle – der Auffassung sind, dass sie zumindest gelegentlich nur mit Menschen ihrer eigenen Geschlechtsidentität zusammen sein wollen, dann dürfen sie Vereinigungen gründen, die genau diesem Zweck dienen. Das ist nicht diskriminierend, solange es denen, die von solchen Vereinigungen ausgeschlossen sind, frei steht, eigene Vereinigungen zu gründen oder solchen beizutreten, deren soziale Zusammensetzung ihren Vorlieben entspricht.

Exklusivität ist manchmal gut

Der Vorschlag von Olaf Scholz stellt all dies nicht in Frage. In Frage steht vielmehr, unter welchen Bedingungen derartige Vereinigungen den Anspruch erheben dürfen, einem höheren Zweck zu dienen als der Befriedigung von Privatinteressen. Laut Abgabenordnung darf sich ein Verein "gemeinnützig" nennen, wenn seine Tätigkeit darauf gerichtet ist, "die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern". Da liegt es nahe, zu sagen: Zur Allgemeinheit gehören Männer und Frauen. Also kann ein Verein, der Frauen von der Mitgliedschaft ausschließt, logischerweise nicht der Allgemeinheit dienen. Diese Begründung greift allerdings zu kurz.

David Lauer steht für ein Porträt-Bild vor einem grauen Hintergrund. (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)Neue Männer braucht das Land - aber aus freien Stücken, meint der Philosoph David Lauer. (© Fotostudio Neukölln / Gunnar Bernskötter)

Denn es ist durchaus möglich, dass auch Vereinigungen, die sich der exklusiven Förderung bestimmter Gruppen widmen, indirekt einen Dienst für die Allgemeinheit leisten. Charles Taylor hat in seinen Schriften zum Multikulturalismus in diesem Sinne argumentiert. Nach Taylor gehört es zu den Bedingungen eines gelungenen Lebens, sich als Mitglied von Kollektiven begreifen zu dürfen.

Die Kultivierung kollektiver Identitäten kann daher einen positiven Beitrag zur Herausbildung der persönlichen Identität der Einzelnen leisten. Damit kommt sie aber indirekt auch dem Gemeinwesen zugute, dessen Bürgerinnen und Bürger diese Einzelnen sind. Es ist beispielsweise für alle – auch für Frauen – gut, wenn es exklusive Männervereinigungen gibt, deren Ziel die Kultivierung einer besseren Form von Männlichkeit ist.

Widerspricht das alte Männerbild dem Allgemeinwohl?

Aus diesem Grund ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob männliche Exklusivität einem förderungswürdigen Zweck dient. Offensichtlich kann dies bei Väter-Selbsthilfegruppen und Shantychören der Fall sein. Im Gegenzug hat der Ausschluss von Frauen bei einem Kegelverein mit dem gemeinnützigen Vereinszweck – der Pflege des Kegelsports – offensichtlich nichts zu tun. Hier dient sie nur sich selbst.

Von politischer Brisanz ist die Beurteilung von Männerbünden wie Burschenschaften, deren Hauptzweck gerade die Kultivierung einer aggressiv konservativen Idee von Männlichkeit ist. Will man ihnen die Gemeinnützigkeit entziehen, muss man behaupten, dass die Kultivierung dieser spezifischen Form von Männlichkeit – im Unterschied zu kritischen, progressiven Formen – für die Allgemeinheit des Jahres 2019 keinerlei Mehrwert mehr besitzt.

Gut gemeint, schlecht gemacht: Ressentiment statt Fortschritt

Ich persönlich bin tatsächlich dieser Auffassung. Die Frage ist jedoch, erstens, wie parteiisch ein liberaler Staat in dieser Frage sein sollte. Und zweitens stellt sich die Frage nach den Folgen der von Olaf Scholz vorgeschlagenen Maßnahme. Vielleicht kann durch die Drohung mit dem Entzug der Gemeinnützigkeit die zähneknirschende Öffnung mancher traditioneller Männerbünde erzwungen werden, da viele Vereine ohne die entsprechenden Vergünstigungen finanziell nicht überleben können. Solange dieser Wandel aber nicht von den Betroffenen selbst bejaht wird, bezweifle ich, dass dadurch etwas anderes gefördert wird als neues Ressentiment.

Das eigentliche Ziel muss es sein, durch geduldige politische Bildungsarbeit auf eine gelebte Alltagskultur hinzuwirken, in der die Mitgliedschaft in derartigen Verbindungen keinen Mann mit Selbstachtung mehr interessiert.

David Lauer ist Philosoph und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Philosophie des Geistes und der Erkenntnistheorie. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.

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