Seit 10:05 Uhr Lesart
Montag, 02.08.2021
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 15.06.2021

Olaf Scholz als Kanzlerkandidat"Er ist ein absoluter Kämpfer"

Ulrich Khuon im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Olaf Scholz (SPD), Bundesfinanzminister, Vizekanzler und SPD-Kanzlerkandidat spricht am 1. Mai auf einer Maikundgebung des DGB in Cottbus (picture alliance / Andreas Franke)
Der Theatermacher Ulrich Khuon sagt über Olaf Scholz, dieser sei kein Charismatiker - aber einer, der immer eine starke Politik gemacht habe. (picture alliance / Andreas Franke)

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz wird von vielen als "Scholzomat" ohne Charisma abgetan. Ein Fehler, sagt Theaterintendant Ulrich Khuon, der ihn in seiner Hamburger Zeit als zähen und durchsetzungsfähigen Politiker erlebt hat.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz war in der ARD-Sendung "Farbe bekennen". Sein Auftreten sei pures hanseatisches Understatement gewesen, sagen einige Beobachter nun. Andere dagegen meinen, dass es Olaf Scholz einfach an Charisma fehlt, erst recht im Vergleich mit SPD-Vorgängern wie Gerhard Schröder oder Willy Brandt. Zu glauben, er könne tatsächlich Regierungschef werden, sei vermessen.

An jedem dritten Laternenpfahl

Ulrich Khuon will eine solche Scholz-Abqualifizierung nicht gelten lassen. Der Intendant des Deutschen Theaters in Berlin leitete einige Jahre das Hamburger Thalia Theater, wohnte damals in Scholz‘ Wahlbezirk  - "als er überhaupt keine Macht hatte" - und erinnert sich: "Er war ein absoluter Kämpfer. Der hing an jedem dritten Laternenpfahl, und zwar immer mit Bürgersprechstunden. Das ist schon jemand, der durch die Niederungen und durch die Kämpfe hindurchgeht."

In Hamburg war Scholz damit letztlich erfolgreich und von 2011 bis 2018 Erster Bürgermeister der Hansestadt. "Er ist ja noch nie ein Charismatiker gewesen, aber hat immer eine starke Politik gemacht und sich mittelfristig durchgesetzt. Und als Vizekanzler macht er ja auch eine gute Politik", beschreibt Khuon den SPD-Politiker.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Laut Umfragen traue ihm die Bevölkerung das Kanzleramt offenbar zu. Dass er Regierungschef werden wolle, klinge zwar "im Moment ein bisschen irre", aber es sei "eine Ansage: Man muss die Ziele beschreiben, die man erreichen will."

Auch Merkel ist keine Charismatikerin

Im Übrigen: Auch Angela Merkel sei keine Charismatikerin, betont Khuon – "und ob Helmut Kohl ein Charismatiker war, wage ich mal zu bezweifeln." Die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock habe durchaus Charisma, ebenso ihr Parteifreund Robert Habeck. Im Fall von Olaf Scholz müsse man sich eher Sorgen um seine Partei machen, die Wählerstimmen, aber auch ihre Themen verloren habe. Die SPD habe aber als Regierungspartei viel geleistet, sagt Khuon.

Ulrich Khuon, Intendant Deutsches Theater. (imago images / Sabine Gudath)Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters. (imago images / Sabine Gudath)

"Ich finde es ein bisschen erschreckend, dass sich da überhaupt nichts bewegt. Auch in der Pandemie hat ja die Koalition, bei allen Einschränkungen, gut gearbeitet. Und das liegt auch an ihm, Scholz. Dass wir als Land so gut durchgekommen sind, das ist schon eine Leistung", so der Theatermacher. Die Leistung der SPD werde dabei einfach unterbewertet. Und das werde Scholz' Problem bei der Wahl sein.

Ulrich Khuon ist seit 2009 Intendant des Deutschen Theaters in Berlin. Er begann in den 1970er-Jahren als Theater- und Literaturkritiker bei der "Badischen Zeitung" und wechselte später an das Stadttheater Konstanz. Dort arbeitete er zunächst mehrere Jahre als Chefdramaturg, bevor er Intendant wurde. Im Anschluss ging er ans Schauspielhaus Hannover und übernahm 2000/2001 die Nachfolge von Intendant Jürgen Flimm am Hamburger Thalia Theater. 

Die ganze Sendung mit Ulrich Khuon

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur