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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.04.2018

Olaf Jacobs: "Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte"Frühere Regierungsakteure über die Selbstauflösung der DDR

Von Paul Stänner

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Collage Jacobs: Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte (Cover: Mitteldeutscher Verlag, Hintergrund: dpa, Collage: dlf Kultur)
Jacobs: Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte (Cover: Mitteldeutscher Verlag, Hintergrund: dpa, Collage: dlf Kultur)

Historisch einmalig: Ohne größere Turbulenzen löst sich ein Staat selbst auf. Wie die Mitglieder derDDR-Regierung diesen Vorgang heute bewerten, zeigt ein informativer Interview-Band.

"Also wenn ich uns eine Zensur geben sollte, würde ich sagen: Zwei bis Drei. Wir waren unendlich fleißig und haben auch vieles richtig eingeschätzt - und manches eben weniger richtig eingeschätzt", urteilt Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR.

Das klingt ziemlich abgeklärt, mittlerweile sind ja auch die Jahre und die Milliarden ins Land gegangen, die Republik, die am 3. Oktober 1990 aus zwei Nationen zusammengefügt wurde und heute Deutschland ist, hat sich ja auch einigermaßen stabilisiert.

An manchen politischen Amateur kann man sich kaum noch erinnern

In den beiden vergangenen Jahren wurden für ein Filmprojekt und das vorliegende Buch die Akteure der letzten Regierung der DDR interviewt. Fast alle haben der Anfrage zugestimmt. Da ist natürlich Lothar de Maizière, der Ministerpräsident, Sabine Bergmann-Pohl, die Volkskammerpräsidentin und letztes Staatsoberhaupt der DDR, Markus Meckel, der frühere Außenministier, aber auch Herbert Schirmer, seinerzeit Kulturminister oder Peter Pollak, Landwirtschaftsminister. Manche Namen kennt man noch, an andere kann man sich kaum erinnern.

In seinem Vorwort schreibt Michael Schönherr über die Regierenden von damals: "Keiner von ihnen kann auf eine Tradition oder ein bestelltes Feld zurückgreifen, das ein Amtsvorgänger zurückgelassen hat. Es ist auch nicht so, dass sie der Wille zur Macht in diese Ämter treibt - es gibt in dieser Zeit einfach nur zu wenige unbelastete Personen, die infrage kommen."

Ist es Dialektik oder nur Ironie der Geschichte: Die einzige Revolution, die es auf dem Gebiet der DDR je gegeben hat, war die Bewegung, die zu ihrer Abschaffung führte. Die alte Staatsmacht wurde von Amateuren aus ihren Ämtern geworfen. Die alles beherrschende Partei in die Ecke gedrückt. Die alte Wirtschaftsordnung abgeschafft und die neue, vollkommen konträre installiert - das alles in nur wenigen Wochen. Das war ein 1a-Turnaround, eine glorreiche Revolution.

Es fehlte die Zeit zum Nachdenken

Dabei war - dies der Hektik der Ereignisse und dem Zwang zu handeln geschuldet - kaum Zeit gewesen, sich über die Neugestaltung der Verhältnisse auf dem Boden der Ex-DDR Gedanken zu machen. Es wurde viel diskutiert und debattiert und an runden Tischen gesessen, aber die normative Kraft des Faktischen bestimmte die Abläufe.

Lothar de Maizière erinnert sich: "Auch die Bürgerrechtler wollten eine neue DDR - klein, bescheiden, pazifistisch, basisdemokratisch, himmlisch gerecht. Nur wie man so was finanziert, wussten sie nicht. Letztendlich wollten die Menschen nicht noch einmal eine Versuch, sondern diesmal eine Endlösung."

Das war der politische Aspekt, wie er in Parolen der Demonstranten zum Ausdruck kam, die riefen: "Wir sind das Volk", "Wir sind ein Volk" und "Deutschland, einig Vaterland".

Es gab aber auch den starken wirtschaftlichen Druck der DDR-Bewohner: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh´n wir zu ihr" lautete der Slogan. Der Beitritt zum Geltungsbereich der D-Mark war für viele DDR-Bürger das Motiv, ihren Staat hinter sich zu lassen. Sie verstanden sich als Wirtschaftsmigranten, nur ohne Ortswechsel.

Die Handelnden von damals sind heute nicht unzufrieden

Wenn man eine Quersumme aus den Interviews zieht, fällt auf, dass die Veteranen insgesamt sehr zufrieden sind damit, wie diese komplexe, unsichere, in vielen Details noch richtungslose Zeit bewältigt wurde.

Sabine Bergmann-Pohl, die damals noch auf eine Übergangsphase von drei bis vier Jahren hoffte, welche schnell auf wenige Wochen zusammenschnurrte, erinnert sich an die lebhafte Spontaneität der Auseinandersetzungen im Plenum: "Wir hatten auch nicht auf alles eine Antwort. Da haben wir auch zugegeben: 'Nein, wissen wir nicht.' Es war dieses Erfrischende an diesem neuen Parlament."

Selbst Gregor Gysi half als Anwalt den unerfahrenen Politikern dabei, Gesetze geschäftsordnungsmäßig sauber zu formulieren - um sie anschließend als Politiker abzulehnen. Natürlich will niemand verhehlen, dass es atmosphärische Differenzen gab und auch handfeste politische Interessenunterschiede. So scheint immer noch ungeklärt zu sein, wer dafür sorgte, dass die Koalition nach 174 Tagen auseinanderbrach: Lag es - aus dem Westen gesteuert - an der SPD? Oder lag es - ebenfalls aus den Westen gesteuert - an der CDU?

Hans-Joachim Meyer, Minister für Bildung und Wissenschaft und Forschung und Technologie, beklagt, dass nicht bei Gelegenheit der deutschen-deutschen Vereinigung "im Westen mehr Leute die Chance gesehen hätten, diese vierzig Jahre alte Bundesrepublik bei der Gelegenheit auch ein wenig rundzuerneuern."

Kleine historische Details machen das Buch lesenswert

Man kennt die großen Linien der Geschichte, aber die kleinen Details sind es, die noch einmal nacherleben lassen, wie in diesen wenigen, überhitzten Tagen Geschichte geschrieben wurde. Das macht das Buch sehr lesenswert.

Der ehemalige Innenminister Peter Diestel kann sich in seinem Interview vergnügt an die Schlägerei bei einer Einigungsfeier erinnern. Im Festzelt habe er sich, unterstützt von seinen Leibwächtern, mit einer Horde "besoffener Radikalinskis" geprügelt. Eindeutig ein Phänomen aus Übergangszeiten.

Peter Diestel gibt den Grundton dieses Buches vor: "Eine Geschichte ohne Niederlagen. Ich sehe nur blühende Landschaften, ich sehe kleine Konflikte, die gelöst werden. Ich sehe größere Konflikte, die etwas später gelöst werden. (…) Wir leben in einem wunderschönen Land. Wir leben in einem der reichsten Länder, die dieser Globus hat, und wir haben nur ein einziges Problem. Wir haben ein Defizit im Dankbarsein."

Olaf Jacobs/ Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.): "Die Staatsmacht, die sich selbst abschaffte"
Mitteldeutscher Verlag
448 Seiten, 25 Euro
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