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Zeitfragen | Beitrag vom 15.09.2020

OK Boomer!Der neue Generationenkonflikt

Von Tassilo Hummel und Jan Karon

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Ein Banner mit dem Schriftzug "Wir sind wütend", auf der Fridays for Future Demonstration in Dortmund. (Getty Images  / Juergen Schwarz)
Eine junge Generation sagt der älteren Generation mal wieder ordentlich die Meinung. (Getty Images / Juergen Schwarz)

Weltweit erheben junge Menschen ihre Stimme und prangern die Versäumnisse der älteren Generationen an. Vor allem auf die sogenannten Babyboomer sind sie wütend, die sie im Internet mit dem Slogan "OK Boomer" verspotten.

"Wir vom Browser Ballet sagen Ja zu Corona. Denn mit diesem Virus heilt sich der Planet praktisch selbst."

Öffentlich-rechtliche Satire auf dem Höhepunkt der Coronapanik. 

"Interessant hierbei, wie fair dieses Virus ist. Es rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos. Das ist nur gerecht. Immerhin hat diese Generation den Planeten voll an die Wand gefahren." 

Das ist Christian Brandes, genannt Schlecky Silberstein, im März 2020. In Deutschland herrscht seit ein paar Tagen der Corona-Ausnahmezustand. Brandes und sein vom ZDF finanziertes Jugendformat Bohemian Browser Ballet nutzen die allgemeine Aufregung für eine saftige Provokation. 

"Eine bessere Nachricht gibt es doch gar nicht für diesen Planeten." 

Für diesen Auftritt ernteten die Macher massive Kritik von allen Seiten. Die meisten fanden die Aussage, das Virus könne die Alten töten, weil die den Planeten kaputtgemacht haben, geschmacklos. Brandes sagte: Das war alles Ironie! Die Redaktion bat trotzdem kurz darauf öffentlich um Entschuldigung.

Babyboomer besetzen viele Führungspositionen

Doch die Aufregung brachte eines auf den Punkt: Wir stecken, so scheint es, immer tiefer im Generationenkonflikt: Warum erleidet ein ganzes Land durch Corona Einschränkungen, wenn neun von zehn Todesopfer der Krankheit über 60 sind? Wer muss umziehen, wenn durch den Klimawandel die ersten Städte überschwemmt werden? Wer bezahlt die Milliardenschulden, die wir heute machen, morgen zurück? Und was passiert, wenn aufgrund des demografischen Wandels das Rentensystem zusammenbricht?

Der Konflikt besteht im Wesentlichen zwischen zwei Altersgruppen, die man vereinfacht als "die Jungen" und "die Alten" bezeichnen könnte. Auf der einen Seite stehen die Babyboomer – also die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Babyboomer haben die Wirtschaftswunderzeit noch erlebt und sie sind zahlenmäßig noch immer die größte Alterskohorte im Land. Seit Jahrzehnten besetzen sie viele Führungsposition in Politik, Wirtschaft und bei den Medien.

Auf der anderen Seite stehen vor allem junge Menschen, die in den 80er-Jahren und später geboren wurden. Die Generation Y. Sie sind, so heißt es immer wieder, mit beruflich und privat schier unendlichen Möglichkeiten aufgewachsen, in erster Linie jedoch auf einem Selbstverwirklichungstrip, konsumgeil und unpolitisch. Das habe sich erst mit der sogenannten Generation Z geändert: Vollständig mit dem Internet sozialisiert und – wie es scheint – mit Themen wie Klima-Aktivismus und Black Lives Matter, zum ersten Mal seit Langem mal wieder so richtig politisiert. Auf Boomer folgt Zoomer.

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"Wir erleben gegenwärtig eine Krise, die in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Vorbild ist. Die Krise ist groß und sie ist zugleich eine schicksalhafte Herausforderung für die ganze Menschheit."

Finanzminister Olaf Scholz spricht zu den Abgeordneten im Deutschen Bundestag, es ist eine seiner Krisenreden. Angekündigt hat ihn sein Vorgänger, Wolfgang Schäuble, heute Präsident des Parlaments. Beide Männer stehen für ein Mantra, das in Deutschland lange galt: die schwarze Null – der ausgewogene Haushalt. Doch in der Coronakrise wurde dieser Grundsatz schnell über Bord geworfen. Viele Milliarden wurden in Hilfspaketen bewilligt, die Mehrwertsteuer gesenkt, die Staatsverschuldung erhöht. Vorgesehen sind nach letztem Stand allein für 2020 insgesamt neue Schulden in Höhe von fast 220 Milliarden Euro. 

"Meine Damen und Herren, wir können uns das leisten. Deutschland genießt höchste Bonität an den Finanzmärkten, und zwar auch, weil wird in den letzten Jahren solide gewirtschaftet haben."
 
Die Politik ist sich selten schnell einig. Um eine Rezession zu verhindern, muss investiert werden – und zwar so schnell und so viel wie möglich. Doch nicht alle finden das gut. Der Politologe Jörg Tremmel lehrt an der Universität Tübingen. Er ist einer der Experten zum Thema "Generationengerechtigkeit" in Deutschland. 

"Politiker tun mit den Milliarden rumjonglieren, als käme es halt auf ein Dutzend mehr oder weniger auch gar nicht an. Und diese Whatever-it-takes-Einstellung halte ich für problematisch. Wenn es heißt, ein starker Sozialstaat ist gefordert wie nie zuvor und wir werden das Notwendige tun und wenn es nicht ausreicht, bessern wir nach. Niemand wird seinen Arbeitsplatz verlieren, etc. So als würden wirklich die Grundsätze der letzten Jahrzehnte nicht mehr gelten müssen."

Staatsschulden und der Generationenkonflikt

In Anlehnung an keinen geringeren als den amerikanischen Philosophen John Rawls mit seiner "Theorie der Gerechtigkeit" hat Tremmel 2012 seine "Theorie der Generationengerechtigkeit" vorgelegt. Für ihn ist das staatliche Schuldenmachen geradezu die Blaupause des Generationenkonflikts: Das Geld, das wir uns heute über jahrzehntelang laufende Staatsanleihen besorgen, müssen die jüngeren Generationen morgen zurückzahlen. 

"Ich sehe persönlich die Schuldenbremse als einen Meilenstein für finanzielle Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit an und denke auch, man muss das mal historisch betrachten. Dass das Thema Staatsverschuldung schon immer in der politischen Theorie eine Rolle gespielt hat. Zum Beispiel bei Platon in der Politeia wird schon haushälterischer Anstand gefordert oder auch bei Kant kommt es vor, dass man nicht Kriege über Schulden finanzieren darf und dann natürlich Thomas Jefferson, der das zum ersten Mal wirklich in den Generationenkontext gestellt hat. Und insofern was Schuldenmachen immer auch ein ethisches Thema." 

Junge Aktivisten der Fridays for Future Bewegung in Köln. (imago images /  Dominik Bund)Mit den Fridays for Future-Demonstrationen nahm der Protest gegen die Klimapolitik so richtig Fahrt auf. (imago images / Dominik Bund)

Um mehr über die Konflikte zwischen Jung und Alt zu erfahren, haben wir uns in Berlin mit einem der Aktivisten getroffen, der wie kaum ein anderer für diese "Wir Jungen gegen euch Alte"-Zuspitzung steht: Quang Paasch einer der Aktivisten von Fridays for Future.

"Wir wachsen in einer Welt auf, die digitalisiert ist. Die mit dem Internet nicht mehr trennbar ist und wir haben ganz klare Realitätsverschiebungen hin in die digitale Welt und sehen ganz klar, dass diese Impressionen, diese Tausenden Nachrichten, die live, die sekündlich aufs uns und unsere Generation sehr stark prallen und einen großen und anderen Weltschmerz hervorrufen."

Paasch ist 19 Jahre alt und Klimaaktivist. Er erklärt, er gehört zur sogenannten Generation Z, wenn man so will die Generation Greta. Doch wer Paasch zuhört, möchte seine Altersgenossen aber am liebsten die Generation W nennen. W wie Weltschmerz.  

"Weltschmerz ist Tatsache gerade so mein Lieblingswort, weil es für mich persönlich, aus meiner Realität her unsere Generation beschreibt. Nicht nur hier in Deutschland, sondern in ganz Europa und weltweit, weil wir einfach irgendwo auch vernetzt sind und wir ganz klar wissen, dass die Probleme im globalen Norden auch im globalen Süden existieren."

Der Klimaaktivismus, das Kämpfen für die Menschen im globalen Süden, das Einstehen für benachteiligte ethnische und sexuelle Minderheiten, der Kampf gegen Rassismus. Alles hängt für Paasch zusammen, nichts und niemand ist unschuldig. W wie Weltschmerz.

Impulse kommen aus den USA

W wie Woke!  Das kommt von "to wake up", also aufwachen und – wie immer noch die meisten Trends – aus den USA. Woke speist sich aus einer großen Portion Internetkultur. Es ist keine Ideologie, vielmehr eine Haltung: Die jungen Leute sind aufgewacht, sie haben endlich die Augen aufmachen. Woke verbindet Konsumkritik, queeres Alternativdenken, Bürgerrechtsströmungen und erhebt einen moralischen Anspruch gegen ein Feindbild, das man wohl am ehesten als den "alten, weißen Mann" beschreiben kann. 

Dass die Woke-Strömung immer ernst zu nehmender wird, zeigt der Skandal, der kürzlich die New York Times erschütterte. Die Publizistin Bari Weiss sah einen redaktionsinternen Richtungsstreit, der zwischen jungen, "woken" Mittzwanzigern – und den älteren Redakteuren wie ihr entbrannt war. Am 14. Juli schmiss sie öffentlichkeitswirksam hin: In einem offenen Brief auf ihrer Website schrieb Weiss von einem verengten Meinungskorridor und Mobbing durch ihre jungen Kollegen. 

Quang Paasch, Aktivist der Bewegung "Fridays For Future", spricht auf einer Pressekonferenz zur Vorstellung von Projekten an Berliner Schulen die gemeinsam mit der Bewegung "Fridays For Future" durchgeführt werden sollen.  (picture alliance / dpa / Carsten Koall)Weltschmerz gehört für Klimaaktivist Quang Paasch gerade zum Protest mit dazu. (picture alliance / dpa / Carsten Koall)

Auch der Umweltaktivist Quang Paasch denkt viel nach über den Konflikt zwischen Jung und Alt. 

"Ich würde schon sagen, dass vor allem in der westlichen Welt, im globalen Norden ein Generationenkonflikt herrscht. Dass wir ganz klar einen Generationenkonflikt durch Fridays for Future erreicht haben. Das ist irgendwo schon die Schuld der Menschen, die an Macht sind und die Entscheidungen treffen können." 

Moment mal. Hat er da gerade gesagt, "den Generationenkonflikt, den wir bei Fridays for Future erreicht haben". Als wäre es geradezu ihr Ziel, Jung und Alt gegeneinander aufzuwiegeln?

"Greta Thunberg ist ja auf die Straßen gegangen, weil sie gesagt hat: Ich streike für meine Zukunft und da war ganz klar das Framing: Ich streike, weil ich jung bin. Weil ich nicht wählen kann und nichts machen kann. (...) Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut, nicht wir." 

"I want you to panic!"

Zwischen Corona und Klima sieht der Aktivist Parallelen. Greta Thunbergs Zuspitzung auf die Klimakrise, auch Klimakatastrophe genannt, brachte das Generationenfass zum Überlaufen. Die junge Schwedin startete den großen Aufstand der Jungen. Ihre Hassobjekte: der SUV, das Kreuzfahrtschiff und ihre besten Kunden: alte weiße Männer. Doch nicht nur wegen der viel zu hohen CO2-Emissionen. Sondern auch, weil sie für einen Lebensstil und Wohlstand stehen, in dessen Genuss junge Menschen womöglich nicht mehr kommen werden. 

Greta Thunberg hält eine wütende Rede beim UN KLimagipfel in New York City. (picture alliance / AP Photo / Jason Decrow)Greta Thunberg mit anklagenden Worten auf dem UN-Klimagipfel in New York. (picture alliance / AP Photo / Jason Decrow)
"Es gibt heute viel mehr prekäre Beschäftigung, Stichwort Generation Praktikum, es gibt weniger soziale Mobilität als früher und man konnte früher ja davon ausgehen, wenn man auf der Universität war, dass man dann ja auch einen guten Job bekommen hat. Wir haben uns bei der OECD die Zahlen angeschaut und man sieht ganz deutlich, dass in allen Ländern soziale Mobilität insgesamt abgenommen hat." 

Das beobachtet Monika Queisser. Sie leitet bei der OECD in Paris den Bereich Sozialpolitik. Wo die Großeltern – er Facharbeiter, sie Hausfrau – sich wie selbstverständlich das Häuschen im Grünen und eine ordentliche Rente ab 60 aufbauten, können junge Paare die Miete in der Stadt oft kaum bezahlen, obwohl beide top ausgebildet und berufstätig sind. 

"Wenn wir alle die ökonomischen Faktoren zusammenbringen, dann ist der Generationenvertrag noch mehr in Gefahr, als er’s nur wäre, wenn man sich Bevölkerungsalterung anschaut."  

Der ominöse Generationenvertrag

Der Generationenvertrag. Von ihm hört noch heute jedes Kind im Gemeinschaftskundeunterricht. Im Schulbuch steht er im selben Kapitel wie Adenauer und Erhard – die Nachkriegszeit, das Wirtschaftswunder. Damals drehte sich alles ums Arbeiten, ums Wiederaufbauen. "Kinder gibts immer", sagte man da noch – und erfand den sogenannten Generationenvertrag.  

"Weil da haben sie nämlich ganz deutlich einen impliziten Vertrag, in dem man sagt: Die Leute, die heute arbeiten, zahlen Rentenversicherungsbeiträge, diese Beiträge werden benutzt, um die Renten von heute zu bezahlen, und man verlässt sich darauf, dass wenn man später mal alt ist, dass die dann auch die jungen Leute dann auch wieder die Rentenversicherungsbeiträge zahlen." 

Wo steht der eigentlich geschrieben, der so viel zitierte Generationenvertrag?

"So einen Vertrag gibt es überhaupt nicht, da haben Sie völlig recht. Man kann so einen Vertrag nicht nachlesen, aber er wird häufig verkürzt gleichgesetzt mit dem Umlageverfahren in der Rentenversicherung."

"Als man dieses System geschaffen hat, da haben die Leute sehr lange gearbeitet, es gab ein sehr hohes Rentenalter, es gab viele Junge und wenig Alte und inzwischen sind die Geburtenraten runtergegangen, die Leute leben immer länger und es wird immer schwieriger. Und damit gerät natürlich dieser implizite Vertrag ins Kippen und da haben sie heute die Situation, wo viele Jüngere sagen: ´Ich kriege ja sowieso nichts mehr aus der Rente, der Vertrag ist für mich jetzt erledigt.`"

Welche Verantwortung tragen die Babyboomer?

Ging es den Rentnern in Deutschland zu lange zu gut? 
 
"Da würde ich dann schon einen Generationenegoismus am Werk sehen und deswegen stellt sich für mich vor allem die Frage, wie wir ab 2025 mit den Sozialversicherungssystemen umgehen, dass die jüngere Generation nicht überlastet wird." 

Dem Politologen Jörg Tremmel, der mit dem Buch über die Generationengerechtigkeit, ist ganz bange vor dem Jahr 2025. Dann gehen die stärksten Geburtenjahrgänge aus der sogenannten "Baby Boomer"-Zeit in Rente.                                          

"Das kann man den Babyboomern schon vorwerfen, wenn die sich in allen Lebensphasen immer das Beste rausholt. Das würde zum Beispiel bedeuten, dass eine Generation, wenn sie jung ist, die Bildungssysteme so macht, dass es keine Studiengebühren kostet. Dann, wenn sie mittelalt ist, vielleicht Studiengebühren einführt, das heißt, die nächste Generation muss dann Studiengebühren bezahlen und gleichzeitig diese Babyboomer Generation sich dann im Rentenalter auch Reformen verweigert und auf Ansprüche pocht, die in einer völlig anderen demografischen Lage gemacht worden sind. Und zum Beispiel eine Teilung der Lasten die durch den demografischen Wandel entstehen nicht akzeptiert." 

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), sitzt mit Mundschutz am Tische  in der Plenarsitzung. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Martin Schutt)Überproportional alte weiße Männer in der Politik: Gegen diese Machtstrukturen kämpfen viele junge Menschen an. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Martin Schutt)
Die Babyboomer, der Ursprung allen Übels...

In den vergangenen Monaten sein zwei Wörter zum Ausdruck dieser Vorwurfshaltung der jüngeren an die ältere geworden: "Ok Boomer". Der Ausdruck wurde 2019 zum Internetphänomen. Der Begriff ist laut New York Times das "Ende der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Generationen". Mit ihm sagt die junge Generation den Babyboomern – also all jenen, denen es wirtschaftlich so unverschämt gut ging und die das Klima kaputtgemacht haben sollen – auf sozialen Netzwerken mit nur zwei Wörtern den Kampf an.
 
"Dass ältere Menschen sich Ausreden dafür suchen – oder einige ältere Menschen. Es gibt auch Vorreiter, um sich nicht auf neue Felder begeben zu müssen. Also nicht das gewohnte gemütliche Terrain zu verlassen, sondern sich weigern da auch Ressourcen reinzustecken. Das ist für mich dann immer so ne Boomerfrage."

Diese Frau muss es wissen. Lilly Blaudszun ist eine Art politische Influencerin für die alte Dame SPD. Diese ist 156 Jahre alt, Blaudszun gerade mal 19 – und gerade deshalb so wertvoll für die Sozialdemokraten. 

So etwas wie eine Volkspartei, oder sagen wir mal eine mit wenigstens 20 Prozent der Stimmen, ist die SPD nur noch bei älteren Wählern. In aktuellen Umfragen steht sie aktuell bei 15 Prozent. Doch die alten Granden von der SPD haben verstanden, dass Blaudszun Reichweite hat und Digital-Expertise mitbringt. Gestandene Politiker wie Olaf Scholz und Karl Lauterbach drängeln sich auf Selfies mit Blaudszun, um im Instagram- und Twitterfeed der 19-Jährigen von ihren jungen Followern gesehen zu werden.

"Das ist ja mein Job. Darüber zu sprechen, aus der anderen Perspektive, auch vielleicht mal zu sagen: Das ist gut, was du hier gerade machst, für meine Oma oder meinen Opa oder meine Eltern vielleicht auch. Aber damit erreichen wir die jungen Leute nicht." 

SPD Nachwuchspolitikerin Lilly Blaudszun bei einem Interviewtermin am Ziegenmarkt in Schwerin. (picture alliance / dpa-Zentralbild /  Jens Büttner)Kritik gegenüber TikTok ist für Lilly Blaudszun erst einmal kein Grund, die App nicht zu nutzen. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Jens Büttner)
Die Jurastudentin arbeitet für die SPD Mecklenburg-Vorpommern, macht dort Öffentlichkeitsarbeit und berät die Partei zum Thema Soziale Medien. Zuletzt geriet sie selbst in einen waschechten Shitstorm, als sie auf ihrem Instagram-Kanal Werbung für eine Laptop-Firma machte – das fanden viele gar nicht lustig. Auch mit den älteren SPD-Politikern gibt es beim Thema der richtigen Social-Media-Nutzung oft Reibungen: 

"Und damit muss man komplett aus der alten Denkschiene rausgehen und sich auf Plattformen gehen, die umstritten sind. Deshalb plädiere ich auch, auf TikTok zu gehen, wofür ich verständlicherweise Kritik ernte, weil diese Plattform auch kritisiert gehört. Aber gleichzeitig schaltest du eine komplette Öffentlichkeit, eine komplette Generation aus deinem Sichtfeld aus, wenn du da nicht hingehst."

TikTok – die Videoplattform mit den lustigen, kurzen Videoclips. Sie ist umstritten: Kritiker bemängeln unzureichenden Datenschutz und befürchten, dass China, das Land aus dem die App kommt, die App für Zensur und Propaganda nutzt. Für Lilly Blaudszun sind diese Bedenken gegenüber TikTok, die sie auch oft von älteren SPD-Kollegen hört, kein Grund, die Plattform zu meiden.

"Ich nenne das immer Boomer-Frage, weil diese Kritik überwiegend nur von älteren Leuten kommt, die sagen, ich gehe da auf keinen Fall hin. Weil das habe ich schon immer so gemacht. Weil es wird quasi immer nach Kritik gesucht, um dort nicht hingehen zu müssen."

"Bild, Bams und Glotze, das ist ja völlig überholt"

Blaudszun gehört zu einer Generation, die Politik auf dem iPhone-Bildschirm rezipiert und kommuniziert. Vor dem Interview stellt sie erst mal klar, dass sie den Deutschlandfunk noch nie im Radio gehört hat.

"Ich höre das nur Spotify."

Sie beobachtet, dass sich der Medienkonsum gewandelt hat.

"Wenn ich daran denke, was Gerhard Schröder mal gesagt hat, mit Bild, Bams und Glotze, das ist ja völlig überholt."

Es gibt sie nicht mehr: die eine Medienöffentlichkeit. Menschen, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, informieren sich über das Radio, das Fernsehen und Zeitungen. Jüngere Menschen nutzen soziale Medien. Sie leben, so scheint es, in verschiedenen Öffentlichkeiten. Für den 21-jährige Fridays for Future Aktivist Quan Paasch sind Soziale Medien wichtiger als die klassischen Formate im Fernsehen und Radio – die "offline-Medien" oder "Printmedien", wie er sie nennt. 

"Weil wir da nicht nur Werbung machen, sondern auch unsere Reichweite nutzen können, um auf Themen Aufmerksamkeit zu lenken, die vielleicht gerade in den Printmedien nicht so viel Gehör finden. Black Lives Matter ist auch eine Sache. Das war im Internet schon riesig, bevor es in den Printmedien ankam. FFF war auch schon viel größer im Internet viel größer, wo es in den Printmedien noch so ein "ach wie süß, die Kinder gehen auf die Straße" war. Und deswegen ist für unsere politische Arbeit Social Media enorm wichtig."

Die politische Macht älterer Menschen

Vier Jahre nach dem Brexit-Votum und der Trump-Wahl hat so gut wie jeder schon das Schlagwort "Filter Bubble" gehört. Dieses Problem, das entsteht, wenn verschiedene Gruppen der Gesellschaft in unterschiedlichen Medienöffentlichkeiten leben. Viel wurde auch betont, dass sowohl Donald Trump als auch der Brexit nur möglich waren, weil sie eine Mehrheit bei den älteren Menschen haben. Die Jüngeren haben in den USA mehrheitlich demokratisch und in Großbritannien mehrheitlich für die EU gestimmt. Doch sie waren eben zahlenmäßig in der Minderheit. Wegen des demografischen Wandels. Aber eben auch, weil unter Ihnen die Wahlbeteiligung niedriger war.

Trotzdem sagt der Politologe Jörg Tremmel – als Professor in der Gruppe "Scientists for Future" übrigens ein Unterstützer der Schüler-Aktivisten von "Fridays for Future": Jüngere Menschen leiden unter den politischen Mehrheitsentscheidungen, weil ältere Menschen mehr ins Gewicht fallen. 

"Wir leben in so einer spezifischen Art der Demokratie, die ich jetzt als Gerontokratie bezeichnen würde, also als Herrschaft der Älteren. Das ist ganz klar. In einer Demokratie hat die größte Wählergruppe auch die größte Macht. Also bei der letzten Bundestagswahl waren über ein Drittel der Wählerinnen und Wähler über 60 aber 3,6 Prozent unter 21."

Dieser Trend wird sich vermutlich noch verschärfen: Die Zahl der Menschen im Alter ab 67 Jahren stieg bereits zwischen 1990 und 2018 um mehr als die Hälfte. Bis 2039 werden nochmals fünf bis sechs Millionen Senioren dazu kommen. 21 Millionen Rentner könnte es dann geben, sagt das Statistische Bundesamt. Doch ist das wirklich eine Gerontokratie?

Rentner im Kurpark und Rosengarten, Bad Kissingen, Unterfranken, Bayern. (picture alliance / imageBROKER / Martin Moxter) Jörg Tremmel: "Wir leben in so einer spezifischen Art der Demokratie, die ich jetzt als Gerontokratie bezeichnen würde, also als Herrschaft der Älteren." (picture alliance / imageBROKER / Martin Moxter)
"Das Denken in Generationen ist genauso wie das Denken in so Kollektiven sonst halt eher denk- und erkenntnisbehindernd als irgendwas befördernd. Von daher ist es nicht so, dass ich jetzt irgendwie eine Generation glorifizieren würde. Weder eine junge noch eine ältere Generation, egal welche." 

Das sagt Nico Hoppe. Er ist 21, Publizist und damit selbst im besten Fridays-for-Future-Alter. Doch der Philosophiestudent aus Leipzig will sich an Umweltprotesten von Greta, Quang Paasch und Co. nicht beteiligen. Die fühlten sich moralisch überlegen, wenn sie die sogenannte Klimakatastrophe als unumstößliche Wahrheit darstellen. 

"Ich glaube, erst mal wäre es angebracht skeptisch zu sein, weil es ist ja nicht so, als wäre es das erste Mal, dass Umweltbewegungen auftauchen, die mit ganz apokalyptischen Visionen aufwarten. Das gab es ja schon ganz oft. Wenn’s ums Waldsterben ging oder auch Atomenergie, die jetzt gerade ja wiederentdeckt wird, teilweise auch aus gutem Grund von Umweltschutzleuten."

Hoppe sagt: Früher war es für junge Leute in, wirklich dagegen zu sein und zu rebellieren und gesellschaftlichen Wandel zu erstreiten. Heute sei die Klimabewegung und alles, was dazu gehört, purer Mainstream, konformistisch. Auf dem politischen Blog "Achse des Guten" schrieb er, das Draufhauen auf die "Boomer" sei die bequeme Suche nach einem Sündenbock, bei denen sich in Sozialen Netzwerken schnell alle einig sind:    

"Und drittens ist es auch eigentlich mal wieder gut, wenn eine junge Generation, die im Ruf steht, dass sie aufbegehrt und rebellisch ist, wenn da mal wieder mehr Leute wären die sagen: Ne, ich mach hier halt einfach, ich tu nicht mit. Selbst wenn es aus reinem Distinktionsgewinn ist. Das ist, glaube ich, eine Tugend, die heute zu wenig wertgeschätzt wird: das Nicht-Mitmachen." 

"Bei der Babyboomer-Diskussion muss man aber vor allem auch eines berücksichtigen und das ist, dass die Elterngeneration der heutigen Jungen natürlich auch sehr viel in die Jungen investiert hat."

Schlagwörter und die wahren Probleme

Monika Queisser, die Direktorin für Sozialpolitik bei der OECD, findet es zwar gut und wichtig, dass junge Menschen für eine entschiedenere Klimapolitik protestieren. Doch auch sie sagt, dass Schlagwörter wie "OK Boomer" die Sicht eher verstellen. 

"Insofern finde ich, dass die Babyboomer-Generation häufig etwas plakativ und vereinfacht geführt wird und man doch im Detail hinschauen muss, wie viel an Transfers in Geld und Zeit zwischen den Generationen tatsächlich stattfinden und wer von diesen Transfers am meisten profitiert."

Denn auch wenn es stimmt, dass das staatliche Umverteilung wie etwa das Rentensystem mit dem demografischen Wandel immer schwieriger wird: Die Babyboomer-Generation hat kräftig in ihre Kinder investiert. Queisser gibt auch zu bedenken, dass sogar die Sache mit der Staatsverschuldung, die Fürsprecher der Generationengerechtigkeit wie Jörg Tremmel meistens als Paradebeispiel zitieren, in Wirklichkeit viel komplizierter ist: Denn in Zeiten von niedrigen oder gar negativen Zinsen kann es sich für spätere Generationen sogar finanziell lohnen, Schulden zu machen.

Es ist kompliziert

Wenn wir heute zu wenig investieren, dann verfällt die Infrastruktur, dann steigen die Arbeitslosigkeit und es schrumpfen die privaten Rücklagen zur Altersvorsorge. Am Ende kommt das den jüngeren Generationen womöglich noch teurer zu stehen. Es ist also kompliziert. Ist das mit dem Generationenkonflikt vielleicht nur eine Frage der Weltanschauung? Es wird Zeit, eine Philosophin heranzuziehen.

"Aus philosophischer Sicht ist das natürlich ein alter Hut. Schon bei Heraklit haben wir gesagt: Alles fließt! Die Welt ist eine Welt, in der ständig die Gegensätze ineinanderfließen. Alt und Jung, Reich und Arm. Lebendig und tot." 

Rebecca Reinhart, die stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Hohe Luft" beobachtet, dass der Generationenkonflikt kein neues Phänomen ist. 

"Das ist ein Topos, der Generationenkonflikt, der so alt ist wie die Menschheit selbst. Der überhaupt nichts zu tun hat mit der heutigen Zeit, sondern der einfach mit bestimmten Faktoren, biologischen Faktoren, zu tun hat. Dass nämlich junge Menschen mal sehr platt ausgedrückt ihre ganze Zeit noch vor sich haben. Die Alten hingegen nur noch relativ wenig Zeit vor sich haben, was auch mitbedingt, dass die Jungen die Alten überleben werden, und zwar nicht nur, was das reine Leben betrifft, sondern auch natürlich, was die ganzen Benefits betrifft, die das Leben noch bringt."

Der Grund warum wir die Probleme in der aktuellen Zeit so gerne auf einen Konflikt Jung gegen Alt zuspitzen wollen, hängt für die Philosophin Rebekka Reinhart damit zusammen, dass in den westlichen Industrienationen erstmals seit langem eine junge Generation heranwächst, bei der die Sorgen – Quang Paaschs Weltschmerz – überwiegen. Dass wir jungen Leute das Gefühl haben, es könnte uns schlechter gehen als unseren Eltern und Großeltern.   

"Daran waren wir gewöhnt an die Situation, dass alles wächst, dass alles besser wird seit Ende des Zweiten Weltkriegs in unseren zivilisierten Sphären. Dass alles immer gleich dahinplätschert. Objektiv betrachtet ist das natürlich nichts als eine Art historisches Vakuum, in das wir glücklicherweise, auch ich noch, hineingeboren wurden und ja, jetzt ist halt Schluss! Jetzt wird es aufgepikst dieses Vakuum an mehreren Stellen von mehreren riesigen Herausforderungen: Klimawandel, Digitalisierung, geopolitische Veränderungen, Migration. Das sind alles riesige Themen, die jetzt alle auf einmal plötzlich anscheinend kommen. Jetzt müssen wir halt ein bisschen aufwachen! Das ist alles! Das ist normal in der Welt."

Den Digital Natives gehört die Zukunft

Junge Leute, so die Philosophin, sollten sich nicht auf Teufel-komm-raus benachteiligt fühlen. 

"Was ich vielleicht eher sagen würde, ist, dass sie in einer Position sind jetzt, legitimerweise moralische, ethische Forderungen zu erheben und auch durchzusetzen. Nicht nur deswegen, weil sie noch sehr, sehr lange auf diesem Planeten leben müssen, sondern auch – und das ist vielleicht wirklich ein Novum in der Geschichte – weil sie das erste Mal dank Digitalisierung die Möglichkeit haben, gehört zu werden, und zwar auf allen Kanälen und auf der ganzen Welt sich zu organisieren via Social Media, via TikTok, was auch immer, Facebook TikTok Instagram sich zu organisieren und laut zu werden."

Als Digital Natives gehört die Zukunft sowieso ihnen. Jahrhundertelang lernten die Jungen von den Alten. Heute ist es oft andersherum. Bewegungen wie Fridays for Future treiben die Politik zunehmend vor sich her. Und während junge Menschen wie Lilly Blaudzun, Quang Paasch, aber auch Nico Hoppe früher vielleicht als zu junge Stimmen belächelt worden wären, widmen ihnen große altmodische Radiosender heute lange Sendungen.

Es sprachen: Laura Lippmann und Romanus Fuhrmann
Regie: Roman Neumann
Technik: Jan Fraune
Redakteur: Martin Hartwig

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