Ohne Zahlen leben kann niemand

05.02.2009
Mathematik? Dieses Wort löst bei den meisten Menschen fast schon traumatische Erinnerungen an den Schulunterricht aus, als man mit öden, vermeintlich sinnlosen Berechnungen diverser Formeln gequält wurde. Auf die Fünf in Mathe darf man in Deutschland noch immer stolz sein. Diese Disziplin hat ein Image-Problem. Völlig zu unrecht, meint Felix Paturi. In seinen "Mathematischen Leckerbissen" zeigt er, wo überall Zahlen und Berechnungen in unserem Alltag eine Rolle spielen. Mathematik mag vielen verhasst sein – ohne sie leben kann aber niemand.
Ohnehin erlebt die Welt der Zahlen derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Kaum eine Zeitung kommt noch ohne die Sudoku-Quadrate oder andere Zahlenspielereien aus. Das Mathe aber viel mehr ist, als nur die Ziffern von null bis neun, zeigt Paturi in seinem grandiosen Buch für Querdenker, so der Untertitel.

So nimmt der Autor seine Leserinnen und Leser mit auf eine unterhaltsame Reise durch den Zahlen-Kosmos. Es geht um die mathematisch präzise Anordnung von Stacheln in Kakteen, wie die großen Meister ihre Gemälde konstruiert haben, um vermeintlich überzeugende Beweise, dass sieben gleich neun ist, und er zeigt, dass Krokodile grüner als breit sind. All diese Späße sind Beispiele für mathematische Zusammenhänge, die Paturi einem sehr präzise, aber immer mit einem Augenzwinkern geradezu spielerisch leicht vermittelt. Der Leser bekommt stets etwas zu Knobeln, sei es bei paradoxen Beweisen oder der Konstruktion von "unmöglichen" Tricks mit Schnüren. Da mag man sich beim Lesen manche Gehirnwindung verknoten, aber spätestens die Auflösungen im Anhang bringen einen wieder auf die richtige Fährte.

Das Buch wimmelt von Formeln – und das ist gut so. Zwar hat Stephen Hawking mal gesagt, jede Formel in einem Sachbuch senke die Verkaufszahlen um 50 Prozent. Danach müssten die Mathematischen Leckerbissen ein Ladenhüter werden. Aber Paturi kontert Hawking: Wenige Formel wären in der Tat unsinnig. Ab einer bestimmten Anzahl kehren sich die Verhältnisse jedoch um: Jede Formel lasse die Mathematik-Fans nach noch mehr rufen. Paturi liefert mehr – viel mehr. Aber selbst wem im Schulunterricht die Welt der Mathematik immer völlig verschlossen geblieben ist, wird sich an Paturis Buch erfreuen. Denn die Mathematischen Leckerbissen, angerichtet mit höchst unterhaltsamen Beilagen wie Anekdoten und lebensnahen Beispielen aus der Natur oder unserem Alltag, zerschmelzen geradezu im Hirn – auch wenn man mit den Formeln nicht viel anfangen kann.

Das Buch, durchgehend schwarz-weiß auf recht grobes Papier gedruckt, hat rein äußerlich den Charme eines Computer-Handbuchs aus den 60er Jahren. Aber davon darf man sich nicht abschrecken lassen: Der Inhalt ist ein farbiges Feuerwerk an Ideen und pfiffigen Geschichten – hoch aktuell und immer mit einer überraschenden Wendung. Es gibt keine Seite, die einen nicht staunen lässt.

Felix Paturi, Jahrgang 1940, ist Wissenschaftspublizist und hat bereits etliche Bücher zu Themen aus Physik, Astronomie, Geschichte und Archäologie verfasst. Er mag die Zahlen, wie beim Lesen immer wieder spüren lässt. Wer Mathematik bisher schon nicht schlecht fand, wird sie nach der Lektüre dieses Buches lieben. Wer Mathematik bisher gehasst hat, wird sie nach dem Lesen von Felix Paturis Werk zumindest respektieren.

Rezensiert von Dirk Lorenzen

Felix R. Paturi: Mathematische Leckerbissen
Patmos, 271 Seiten, 22,90 Euro