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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.06.2010

Ohne Unterlass

Charles Gounods "Faust" an der Dresdner Semperoper

Von Uwe Friedrich

Roter Vorhang (Stock.XCHNG)
Roter Vorhang (Stock.XCHNG)

Die Dresdener Semperoper hat die Premiere von Charles Gounods "Faust" gezeigt. Es ist eine recht rabiate Goethe-Bearbeitung.

Ohne Rücksicht auf akustische Verluste lässt Regisseur Keith Warner die erschreckend laute Drehbühne der Semperoper rotieren. Nicht nur die große Faust-Arie des äußerst kultiviert singenden Wookyung Kim wird so empfindlich gestört. Die ganzen ersten drei Akte hindurch rumpelt, knirscht und knarrt es ohne Unterlass.

Für die ersten Szenen hat Bühnenbildner Es Devlin gar noch ein drehbares Spiegelkabinett auf die Scheibe gestellt, das ebenfalls nicht leise läuft, zudem werden Faust und Margarethe immer wieder auf altertümlichen Rollstühlen hin und her geschoben, denen Gummiräder sicher gut getan hätten. Doch mit solchen Details hält Regisseur Warner sich nicht auf. Ebenso wenig wie mit denen von Gounods bereits recht rabiater Goethe-Bearbeitung.

Die Walpurgisnacht zum Beispiel kommt in Dresden überhaupt nicht vor. Wieso der demütige Faust seine Margarethe plötzlich im Kerker besucht, bleibt ein Rätsel, wenn ihn vorher beim Hexensabbat keine Reue überkommen kann. Ebenso rätselhaft bleibt, wieso Mephisto überhaupt Interesse daran hat, Faust zum verhängnisvollen Pakt zu verführen. Warner hat ihm alles Zynische, Frivole, ja Interessante ausgetrieben.

Ein bürgerlicher Herr in den besten Jahren, der durchaus selber ein Auge auf Margarethe wirft, schickt das Liebespaar in die bürgerliche Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts und betrachtet allenfalls halbwegs interessiert, wie die Affäre der beiden scheitert. Das ist alles. Kein Humor in der Verführungsszene mit Marthe Schwerdtlein, nur Bäumchen-wechsel-dich um Kulissenwald. Keine ätzende Soldatensatire, nur ein bisschen Piff-Paff und die Chormänner fallen ein bisschen um. Keine Religionskritik in der Szene im Dom, nur Margarethe wird ein bisschen wahnsinnig.

Und schließlich fehlt dem Regisseur auch der Mut für die kräftige Portion Religionskitsch, die Gounod am Ende aufleuchten lässt. Während Harfen, Orgel, Orchester und Engelschor sich mächtig ins Zeug legen, brennt auf der Bühne Margarethes Rollstuhl als wär’s Johannas Scheiterhaufen, aber auch dieser Effekt kann den unentschlossen oberflächlichen Abend nicht retten. Vom Regisseur weitgehend allein gelassen, flüchten sich die Sänger zwar in abgegriffene Gesten, lassen es aber musikalisch mächtig krachen.

Donnie Ray Albert ist ein mächtig auftrumpfender Mephisto im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel, während Maria Fontoshs Sopran doch deutlich überreif ist für die Rolle der naiv-jungfräulichen Margarethe. Grandios ist hingegen der koreanische Tenor Wookyung Kim, der mit dem hohen C in seiner großen Arie und einer wunderbaren Voix mixte für die magischen Momente des Abends sorgt. Auch die Staatskapelle Dresden zeigt sich unter dem Dirigenten Alexander Joel in deutlich besserer Verfassung als in den vergangenen Premieren der Spielzeit.

Zum Ende der letzten Spielzeit des insgesamt glücklos agierenden Intendanten Gerd Uecker und nach dem Weggang des Chefdirigenten Fabio Luisi ist die Semperoper zumindest musikalisch auf dem Weg der Besserung. Aber wenn im Herbst Ulrike Hessler und später auch Christian Thielemann antreten, bleibt noch eine Menge zu tun. Neue Lager für die Drehbühne müssen mindestens her.

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