Seit 00:05 Uhr Freispiel

Montag, 19.11.2018
 
Seit 00:05 Uhr Freispiel

Profil / Archiv | Beitrag vom 13.08.2007

Ohne Kino geht's auch

Stefan Kluge macht Filme auf eigene Faust

Von Marcus Weber

Stefan Kluge hat mit Freunden einen Kinofilm gedreht - und ihn kostenlos zum Download ins Internet gestellt. "VEB Film Leipzig", Volkseigener Betrieb Film Leipzig, so nennt sich das Open-Source-Film-Netlabel, das er mit gegründet hat. Zwar ist Kluge noch nicht reich geworden, aber immerhin erreicht er inzwischen ein Millionenpublikum.

Kluge: "Kamera läuft? Ton läuft?"

Kameramann: "Kamera läuft."

Tonmann: "Ton läuft."

Kluge: "TT die erste. Action."

Schauspieler: "Nicht der Verstand, sondern das Licht ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält."

Dreharbeiten zum Film "Die letzte Droge" - die Geschichte eines Wissenschaftlers, der die künstliche Intelligenz erforscht. Ein Thema, zu dem Stefan Kluge eine angefangene Doktorarbeit in der Schublade liegen hat.

Doch zur Zeit hat der diplomierte Informatiker anderes zu tun. In kurzen Hosen und T-Shirt hockt der 30-Jährige neben der Kamera, die blauen Augen starr auf den Schauspieler gerichtet. Er überlegt eine Sekunde und streicht sich durch die kurzen braunen Haare.

"Guck danach ruhig wieder zu ihr. Sie steht dort, vielleicht im Abstand von fünf Metern, auf deiner Höhe ..."

Stefan Kluges Filmkarriere hatte einen zufälligen Beginn. Die Kamera im Gepäck durchquert er im Frühjahr 2002 mit zwei Freunden Amerika. 6500 Kilometer, von der Ostküste zur Westküste, in einem roten Cadillac, Baujahr 1974.

"Es gab überhaupt keinen Plan, da was draus zu machen. Wir hatten die Technik und deswegen ... war das für uns irgendwie selbstverständlich, dass wir - weil wir alle auch Technikfreaks sind, dass wir mit der Technik dann umgehen, dass wir damit filmen."

Noch während der Fahrt schreibt Kluge ein Reisetagebuch im Internet. Daraufhin fragt ihn ein Bekannter in Deutschland nach dem Filmmaterial. Spontan beginnen die beiden zu schneiden - am Ende entsteht eine 100 Minuten lange Mischung aus Dokumentation, Tagebuch und Musikvideo.

"Dann hatten wir das Ding in den Händen und waren vor allen Dingen beeindruckt, dass man mit so einfachen Mitteln nen Look erzielen konnte, der fast dem im Kino glich, so. Wenn du das gesehen hast so auf deinem Computerbildschirm, so ein Intro mit deinem Namen drauf, "a film by" und so ... dachte so Wahnsinn: Das geht so einfach?"

"Route 66" - drei ostdeutsche Jungs fahren über "Americas Highway". Doch irgendetwas ist an ihrem Cadillac immer kaputt. Sie schleppen sich von Werkstatt zu Werkstatt und stranden schließlich mitten in der Wüste.

Freund: "Unsere Karre hat völlig versagt. Die Batterie ist alle. Der Auspuff war kaputt. Wir haben uns grade bis hierher geschleppt. Und hatten aber ... äh wir dachten halt, dass hier die Route 66 ist oder so."

Als der Film fertig ist, versucht Kluge ihn zu vermarkten. Doch Filmverleihe und Fernsehsender finden den Streifen allenfalls interessant.

"Diese ständige Zurückweisungen so, die haben dann auch so ein bisschen eine Trotzreaktion hervorgerufen bei uns, wo wir dann sagten: Hach, dann leckt uns am Arsch, dann machen wir es irgendwie anders."

Und so gründet Stefan Kluge gemeinsam mit Thomas Bechholds, mit dem er den Route-66-Film geschnitten hatte, das weltweit erste Open-Source-Film-Netlabel: "VEB - also Volkseigener Betrieb - Film Leipzig". Den Film stellen sie zum kostenlosen Download ins Internet.

Inzwischen wurde er - dank einiger Presseberichte und der Mund zu Mund Propaganda im Netz - über eine Million mal heruntergeladen. Auf Anfrage verschickt Kluge auch das komplette Rohmaterial des Films.

Diese Verknüpfung des aus dem Software-Bereich stammenden Open-Source-Gedankens mit dem Film ist nicht zufällig. Bevor Kluge in Leipzig Informatik studierte, hatte er schon als Jugendlicher Computerspiele programmiert.

"Ich hatte kurz nach der Wende einen C64 gekauft, also von den Eltern geschenkt gekriegt. Und ich war ein totaler Geek. Also ich bin nachts aufgestanden, weil mir irgendein Befehl eingefallen ist, den ich den ganzen Tag probieren wollte, aber irgendwie nicht probiert hab. Und da bin ich nachts extra aufgestanden, den Computer angemacht, und den Befehl einzutippen, um zu gucken, was passiert so."

Aufgewachsen ist Stefan Kluge in der Chemieregion Bitterfeld/Wolfen in der DDR. Als er fünf war, zog seine Familie für dreieinhalb Jahre nach Algerien, wo sein Vater im Auftrag der Wolfener Filmfabrik als Fotochemiker arbeitete. Von ihm hat Kluge seine Leidenschaft für Fotografie geerbt. - Abgesehen davon aber hatte er vom Filmemachen lange Zeit keine Ahnung.

"Als ich angefangen hab, Drehbuch zu schreiben, hab ich mir halt Bücher besorgt zu dem Thema und angefangen zu lernen, wie man Drehbücher schreibt. Und es ist gar kein schlechter Ansatz, das so zu machen, weil du dann in der Lage bist, dir eine eigene Handschrift auszuprägen, die jetzt nicht schulisch beeinflusst wird."

Aber das bedeutet auch, dass vieles länger dauert. So hatte Kluge für den Schnitt seines neuen Films "Die letzte Droge" sechs Monate eingeplant - inzwischen sind es anderthalb Jahre. Leisten kann er sich das nur, weil ihn seine Frau, eine Tierärztin finanziell unterstützt. Mit ihr lebt Kluge in Davos in der Schweiz.

"Was auch ein Vorteil von Open Source Softwareprojekten ist: dass es nicht so eine strikte Deadline gibt, wie bei kommerziellen Projekten. Die Leute stehen am Ende mit ihrem Namen dafür grade, dass ne Version 1 ein stabiler Release ist. Und so ähnlich ist es bei uns: Wir konnten dann halt den Film so lange bauen, bis er uns wirklich gefällt."

Obwohl VEB Film Leipzig noch in den roten Zahlen steckt, glaubt Kluge an die Zukunft des Open-Source-Filmemachens. Immerhin konnte mit den Spenden der Zuschauer eine neue Kamera, eine Studioausrüstung und das zweite Filmprojekt finanziert werden. - Für ihn gehe es nicht nur um Idealismus, sagt Stefan Kluge, sondern vor allem um ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell.

"Weil du im Netz einfach Nischen supergut bedienen kannst. Du erreichst ganz viele Leute, die nach speziellen Sachen suchen, die dann im Netz eben auch finden und dann aber auch dafür bereit sind, Geld zu zahlen."


Service:
Der Film "Route 66" kann genauso wie der dazugehörige Soundtrack von Valleyforge unter www.vebfilm.net aus dem Internet heruntergeladen werden. Der neue Film des jungen Labels "Die letzte Droge" wird voraussichtlich diesen Herbst erscheinen.

Profil

Poetry-SlamSelbstzweifel in Reime verpackt
Poetry-Slammerin und Psychologie-Studentin Julia Engelmann während einer NDR-Fernsehsendung (dpa picture alliance/ Georg Wendt)

Poetry-Slammerin Julia Engelmann wurde mit einem einzigen Video im Internet schlagartig bekannt. Nun hat sie ein Buch herausgebracht und geht damit auf Tour. Den Rummel um ihre Person sieht sie gelassen. Mehr

Chor der Woche Leichtigkeit für die Deutschen
Blick auf das Münchner Rathaus, aufgenommen am 11.03.2003. (picture alliance / dpa / Jochen Eckel)

Es ist ein kleines Ensemble für Laien mit Anspruch - und eine feste Größe in der Münchner Musikszene: der Chor "Catchatune". Die Brasilianerin Lilian Zamorana versucht vor allem, Leichtigkeit zu vermitteln.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur