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Thema / Archiv | Beitrag vom 07.06.2011

"Ohne Journalisten keine Demokratie"

Der Drogenkrieg in Mexiko

Luz del Carmen Sosa im Gespräch mit Joachim Scholl

Sosa: In den letzten Jahren wurden 66 Journalisten ermordet. (picture alliance / dpa)
Sosa: In den letzten Jahren wurden 66 Journalisten ermordet. (picture alliance / dpa)

Im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA werden von Drogenkartellen Tausende Menschen ermordet. Darunter sind auch zahlreiche Journalisten, die über die Verbrechen berichten. Die mexikanische Reporterin Luz del Carmen Sosa sagt: "Wir machen trotzdem weiter!"

Joachim Scholl: "Sagt uns, was ihr von uns wollt!" Dieser Aufruf war jüngst in der mexikanischen Zeitung "El Diario de Juarez" zu lesen, ein Appell in einem Krieg, den sich Drogenkartelle untereinander und mit der Polizei seit Jahren im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten liefern. Am schlimmsten wütet die Gewalt in Ciudad Juarez. Tausende von Menschen sind ermordet worden, täglich werden es mehr, und es sind auch viele Journalisten darunter. Wir haben nun Besuch aus Mexiko, die Journalistin Luz del Carmen Sosa arbeitet für "El Diario de Juarez", sie ist derzeit zu Gast auf einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zur organisierten Kriminalität. Willkommen im "Radiofeuilleton", Frau Sosa!

Luz del Carmen Sosa: Gracias, buenos dias!

Scholl: Jüngst hat die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" festgestellt, dass Mexiko für Journalisten das gefährlichste Land der Welt ist. Allein bei Ihrer Zeitung, Frau Sosa, sind zwei Ihrer Kollegen ermordet worden – wie ist das geschehen?

Sosa: Ja, das ist wahr. Ein Kollege hieß Armando Rodríguez, der wurde am 13. November 2008 ermordet, und bis jetzt haben die polizeilichen Nachforschungen noch keinerlei Ergebnisse ergeben. Man weiß nicht, wer das getan hat, warum es getan wurde. Und ein junger Kollege von uns, ein junger Fotograf, wurde im September 2010 ermordet, und auch da ist es so, dass die Untersuchungen keinerlei Ergebnisse gezeigt haben, weder zum Motiv noch zu den Verantwortlichen der Tat.

Scholl: Was haben diese beiden Kollegen von Ihnen veröffentlicht, worüber haben sie geschrieben, worüber haben sie berichtet?

Sosa: lm Fall von Armando war das so, dass Armando und ich zusammen in der Abteilung für Sicherheit und Gerechtigkeit in unserer Zeitung gearbeitet haben, die sich viel mit Fragen der Justiz beschäftigt hat, mit Fragen von Verbrechen, wir haben über Gewalttaten geschrieben, all diese Themen. Er war ein Vollblutjournalist, und er hat über viele verschiedene Dinge geschrieben und er hat verschiedene Arten des Journalismus auch wahrgenommen. Und er hat immer sehr präzise gearbeitet. Er hat zum Beispiel genaue Rechnung geführt darüber, wie viele Menschen ermordet worden sind, wie viele Verbrechen begangen wurden. Darum ist die Frage des Warum für uns immer noch ungeklärt, weil es alles hätte sein können. Es gab so viele Themen, an denen er saß, er schrieb wirklich über alles, auch viel über Korruption, zum Beispiel auch der Staatsanwältin Gonzáles, die damals im Dienst war. Er schrieb auch über die typischen alltäglichen Gewalttaten, die vorgekommen sind, war auch dabei stets sehr genau bei der Verfolgung der Tatsachen, wie sich alles ereignet hat. Bis heute ist uns nicht klar, wie oder warum genau er umgebracht worden ist.

Scholl: Als Reaktion auf diese Morde hat Ihre Zeitung diesen Appell formuliert: "Sagt uns, was ihr von uns wollt!" An wen hat sich dieser Appell gerichtet?

Sosa: Dieser Leitartikel "¿Qué quieren de nosotros?" – also: Was wollt ihr von uns? – richtete sich wirklich gezielt an das organisierte Verbrechen, und zwar deshalb, weil wir festgestellt haben, dass die eigentliche Autorität in Ciudad Juarez nicht mehr der Staat ist, sondern das organisierte Verbrechen. Die sind die Autorität, an die man sich wenden muss. Und er richtete sich konkret an das organisierte Verbrechen. Das ist aber keinesfalls als eine Aufgabe unserer Ziele zu verstehen – wir wollten damit in keinem Fall zurückstecken, es war eher die Bitte um eine Waffenruhe, um herauszufinden, was dahintersteckt, was das alles soll. Und es ging einfach darum, dass der Eigentümer der Zeitung nicht wollte, dass man weiterhin seine Leute umbrachte. Darum ging es. Deswegen dieser Leitartikel, der wirklich in seiner Form sehr roh und realistisch verfasst war und vielleicht auch einige schockiert hat. Aber bis heute hat es daraufhin keine Antwort gegeben. Und wir machen mit unserem Journalismus so weiter wie bisher, und wir zeigen auch weiterhin die Probleme auf.

Scholl: Luz del Carmen Sosa, die mexikanische Journalistin, hier im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Frau Sosa, Sie haben selbst über öffentliche Sicherheit und die Justiz in Ciudad Juarez geschrieben und auch über die kriminelle Verstrickung der Behörden mit dem Drogengeschäft. Wie groß ist diese Verstrickung überhaupt, gibt es noch eine unabhängige Polizei und Justiz?

Sosa: Ich würde sagen, es gibt keine Gerechtigkeit in Ciudad Juarez und es gibt auch keine wirkliche Strafverfolgung. Was hier vorherrscht, ist die Straflosigkeit. Die Behörden scheinen hier blind und taub zu sein, die Verbrechen werden nicht wahrgenommen oder nicht verfolgt, beides, und das ganze Volk beklagt diesen Mangel an Einsatz des Justizapparates, dieses Nicht-Vorhandensein der Strafverfolgung. Bisher hat es über 8000 Mordopfer in der Stadt gegeben, es ist eine gewalttätige Gesellschaft. Gerechtigkeit ist ein schönes Wort, aber ich denke, sie gibt es so nicht in Mexiko.

Scholl: Inwieweit reagiert die mexikanische Regierung denn auf diese Zahlen, also diese Straflosigkeit, 90 Prozent der Fälle führen nicht zu einer Verurteilung – das muss doch politisch auffallen, da müssten doch auch sozusagen Behördenvertreter gefragt werden, was hier los ist in der Stadt?

Sosa: Offiziell wird dieser Mangel an Gerechtigkeit und an Strafverfolgung nicht wirklich angesprochen, im Gegenteil, es wird auch eher beschönigt. Wenn man sich mal die Vergleichszahlen anguckt, dann gab es vielleicht einmal 24 Opfer weniger als im Vorjahr, und der Präsident spricht dann von 60 Prozent weniger, was dem überhaupt nicht entspricht. Da ist die Wahrnehmung wirklich eine andere. Und es fehlt insgesamt im Land an so vielem. Es ist eine Korruption, die über alles geht, die alle Bereiche durchdrängt, eine große Vernachlässigung der Zivilgesellschaft. Und besonders im Grenzgebiet bei uns spürt man auch die Auswirkungen des Kriegs gegen die Drogen, dass dort die Polizeikräfte zwar eingesetzt werden, aber letztendlich in der Strafverfolgung wieder nicht viel passiert.

Scholl: Keine Gerechtigkeit, keine funktionierende Justiz, immer mehr Tote, immer mehr Gewalt. Wenn die Situation so aussichtslos scheint, Frau Sosa, wie findet man denn überhaupt noch den Mut und die Kraft, sich wie Sie als Journalistin um Aufklärung zu bemühen?

Sosa: Eben wegen dieser Situation mache ich weiter. Genau deshalb muss ich weitermachen. Es gibt ein Übereinkommen, ein Versprechen einer Gruppe von Journalisten, das bin nicht nur ich, das ist eine ganze Gruppe von Leuten, die diesen investigativen Journalismus betreiben. Und uns geht es darum, den Opfern eine Stimme zu geben, ihnen den Raum zu geben, ihre Situation darzustellen: Was ist passiert, wie ist es, wenn man diese Gewalt erfährt? Und das wollen wir der Regierung, den staatlichen, regionalen und städtischen Bereichen vorhalten. Wir wollen ihnen immer wieder aufzeigen, wie es ist, wenn eine Mutter zum Beispiel ihre eigenen Kinder verliert, was das bedeutet. Und ich denke, dass es ohne Journalisten keine Demokratie geben kann, und daran glauben wir.

Scholl: Sie, Frau Sosa, sind für Ihre journalistischen Arbeiten vielfach ausgezeichnet worden, auch international, man kennt Sie also, nicht nur in Mexiko, als kritische Journalistin. Ist das nicht auch ein gefährliches Renommee, sind Sie auch bedroht worden?

Sosa: Es gibt diese Bedrohung für uns Journalisten, seit die Autoritäten die Verbrecher nicht mehr wirklich verfolgen und nicht fassen. In dieser Gefahr stehen wir seitdem, aber wir machen trotzdem weiter, wir wollen nicht aufgeben. Ich bin trotz allem auch optimistisch. Diese internationale Anerkennung erlaubt uns auch, Hilfe zu finden für unsere Arbeit. Für die Journalisten in Juarez ist es auch wichtig, dass national und international Anklage erhoben wird gegen diese Situation. Und ja, es ist wirklich eine gefährliche Situation, in der wir leben und uns bewegen. Es sind in den letzten Jahren 66 Journalisten ermordet worden in Mexiko, und weitere sind verschwunden und man hat sie nicht wiedergefunden. Aber das ist eine Situation, mit der wir uns eben auf keinen Fall abfinden möchten. Und die Journalisten in Ciudad Juarez sind sehr mutige Leute, die, die weiterarbeiten. Und meine Kollegin Sandra Rodríguez und ich und einige andere Kollegen, wir haben das Netz der Journalisten von Juarez gegründet, und uns geht es darum: Wir haben die Absicht, noch professioneller arbeiten zu können, um am Ende in dieser Schlacht sieghaft zu bestehen oder zumindest diese Schlacht zu überleben und uns dabei auch besser schützen zu können, möchten wir das gemeinsam machen.

Scholl: Der Drogenkrieg in Mexiko, die Gewalt in Ciudad Juarez. Bei uns war Luz del Carmen Sosa, Journalistin von "El Diario de Juarez". Und dieses Gespräch mit Luz del Carmen Sosa hat Marei Ahmia für uns übersetzt. Herzlichen Dank für Ihren Besuch, Frau Sosa, und alles Gute!

Sosa: Muchas gracias!

Lesart: Kurz und kritisch <br> Malcom Beith: "El Chapo. Die Jagd auf Mexikos mächtigsten Drogenbaron"

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