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Zeitfragen | Beitrag vom 21.01.2020

Ohne Folie und KartonEin Supermarkt lässt die Hüllen fallen

Von Sven Kästner

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Zwei Kunden vor einer großen Wand mit Auswahl-Reservoirs voller Nüsse, Früchte und anderen Lebensmitteln. (Deutschlandradio/Sven Kästner)
An Auswahl herrscht kein Mangel: Ein Kulmbacher Supermarkt bietet seinen Kunden die Möglichkeit, unverpackte Lebensmittel zu kaufen. (Deutschlandradio/Sven Kästner)

Shopping im Netz, steigende Singlequote: Fast zwanzig Millionen Tonnen Verpackungsmüll fallen jährlich in Deutschland an. "Unverpackt"-Läden wollen gegensteuern und bieten lose Ware an. Jetzt wagen sich die ersten Supermärkte an das Konzept.

Ein großer Edeka-Markt im fränkischen Kulmbach. Neben den üblichen Regalen fällt eine Seitenwand voller Plastikröhren auf, wie man sie eigentlich nur aus kleinen "Unverpackt"-Läden kennt. Jetzt gibt‘s das auch hier: Lose Lebensmittel, die man in eigene Gefäße abfüllen kann. Edith Kinsel hat eine ganze Tasche leerer Boxen dabei: "Ich kaufe jetzt sehr viel unverpackt." Und ihr Ehemann ergänzt, dass das zuhause den monatlichen Berg an Verpackungsmüll habe deutlich schrumpfen lassen: Aus drei Säcken Folienmüll wurde einer.

Getreideflocken, Müslis, Tees, Gewürze, Trockenfrüchte, Nudeln, aber auch Öle, Essig und Eier – all das gibt es hier lose. Im 2.500 Quadratmeter großen Supermarkt nimmt die Wand mit den unverpackten Produkten zehn Meter ein. "Klingt erst einmal nicht viel, aber es sind rund 240 Artikel.", sagt Michael Seidl, der Inhaber des Marktes.

Seit sechs Monaten bietet er die Waren an. Trotz strenger Hygienevorschriften können sich Kundinnen und Kunden auch an der Frischetheke Käse, Wurst oder Fisch in mitgebrachte Behälter füllen lassen. Dazu muss der Kunde seine Dosen auf ein Tablett legen, das ihm das Verkaufspersonal hinstellt. "Wir fassen die Behälter selber an nicht an, weil wir das wegen der Gefahr einer Kontamination nicht dürfen", so der Supermarkt-Besitzer.

Verpackungsfrei als Trendthema

Noch lassen sich die Supermärkte an einer Hand abzählen, die so viele Waren lose anbieten. Aber es gibt deutschlandweit mittlerweile etwa 200 kleine, inhabergeführte "Unverpackt"-Läden. Seit vor fünf Jahren die ersten dieser Geschäfte in Kiel und Berlin eröffneten, hat sich die Szene rasant entwickelt. "Die ersten Läden wurden regelrecht belächelt", sagt Melanie Kröger, die die Branche im Rahmen eines Forschungsprojektes der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde beobachtet. Doch das habe sich radikal geändert: Auf großen Messen der Lebensmittelbranche oder in der Werbung sei verpackungsfrei eines der Nachhaltigkeitsthemen der Branche.

Eine Person zapft aus einem Reservoir Trockennahrung in ein Behältnis ab. (Deutschlandradio/Sven Kästner)Unverpackte Lebensmittel im Supermarkt: So werden sie abgefüllt. (Deutschlandradio/Sven Kästner)

Kröger hat auch untersucht, wer in den Läden einkauft. Das Interesse sei sehr groß und gehe durch alle Gesellschaftsschichten. Und: Es sei kein urbanes Thema, sondern die Läden machten in kleinen Orten bis hin zu ländlichen Dörfern auf, so die Forscherin. "Es ist nicht etwas, das es nur in Hipsterbezirken gibt."

Die Forschenden haben Tipps entwickelt, wie Kunden den Einkauf ohne Verpackung in ihren Alltag integrieren können. Denn der ökologische Nutzen stellt sich nur ein, wenn man die eigenen Gefäße benutzt. Noch gibt es keine umfassende Studie zur Umweltbilanz der "Unverpackt"-Läden – aber zwei studentische Abschlussarbeiten in Eberswalde.

Deutlich weniger Müll möglich

Dazu wurden 19 Produkte in je vier unverpackt- und in vier Bio-Läden verglichen. Die Studierenden erfassten Gewicht und Art der Verpackung, also ob es sich um Kunststoff, Metall oder Papier handelte. Ergebnis: In den unverpackt-Läden wurden durchschnittlich 84 Prozent weniger Verpackungsmaterial verwendet.

Das ist nicht repräsentativ - aber ein Hinweis darauf, dass der Verkauf loser Waren tatsächlich etwas bewirkt. Das Thema betrifft nicht nur Händler und Kunden, sondern auch Produzenten und Lieferanten. "Marketing ohne Verpackung ist durchaus herausfordernd", sagt Kröger. Die Hersteller müssten sich neu mit Routinen beim Verpacken oder beim Transport beschäftigen. Das könne auch bedeuten, eine Rezeptur zu ändern – etwa von Keksen. "Wenn man die in Fünf-Kilo-Packs kippt, dann funktioniert das nicht."

Einzelhändler Michael Seidl führt durch das Lager seines Kulmbacher Supermarktes. Eine Ecke ist für die "Unverpackt"-Waren reserviert. Große braune Tüten liegen hier. Das meiste komme in Papierbeuteln an, einige wenige Artikel in Plastikverpackungen, weil sie besonders geschützt werden müssten. "Aber man braucht wesentlich weniger Verpackung für Großverpackungen, als wenn bei lauter kleinen", so der Supermarkt-Inhaber.

Raus aus der Marktnische

Das zeigt: Der Handel mit loser Ware stellt auch neue Anforderungen an die Lieferanten. Große Markenartikler etwa sind bisher nicht in der Lage, diese Marktnische zu bedienen – ein Vorteil für kleinere Produzenten. Supermarktchef Seidl musste sich neue Partner suchen: "Das meiste kommt von einem Bio-Großhändler, der wiederum viele kleine Lieferanten hat. Die tun sich leicht, das anders verpackt zu liefern."

Für die "Unverpackt"-Abteilung hier ist Verkäuferin Silke Böhm zuständig. Sie muss darauf achten, dass in den Verkaufsbehältern keine Lebensmittel mit unterschiedlichem Haltbarkeitsdatum vermischt werden. Und: Viele Großpackungen dürfen nach dem Öffnen nur zwei Monate lang gelagert werden.

Mehr als eine kurzfristige Mode

Außerdem stillt Böhm den Wissensdurst der Einkaufenden. "Wie kommt die Ware? Wie ist das abgepackt?" nennt sie als Fragen. Und natürlich wollten die Kunden wissen, ob sie mit ihrem Einkauf die Umwelt wirklich unterstützen.

Diese Neugier lässt nicht nur den Kulmbacher Marktleiter hoffen, dass sich der Aufwand lohnt. Auch Wissenschaftlerin Melanie Kröger vermutet, dass "Unverpackt" mehr als nur eine kurzfristige Mode ist. Er sehe, das größere Bio-Supermarktketten mit dem Thema experimentierten oder das bereits in ihr Ladenkonzept integrierten. "Mich würde es sehr wundern, wenn in drei, vier oder fünf Jahren das Thema vom Tisch ist", so die Forscherin.

(mma/thg)

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