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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.07.2016

Ohne BargeldWenn die Dorfsparkasse schließt

Von Susanne Lettenbauer

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Geld abheben - in vielen Orten in Oberfranken geht das nicht mehr, die Geldautomaten werden abgebaut.  (dpa/picture alliance/epa Peter Hudec)
Geld abheben - in vielen Orten in Oberfranken geht das nicht mehr, die Geldautomaten werden abgebaut. (dpa/picture alliance/epa Peter Hudec)

Was tun, wenn es keine Bankfiliale mehr im Ort gibt? Keinen Supermarkt? Keine Post? Vielen bayerischen Kommunen in Oberfranken, der Oberpfalz und Unterfranken geht es so. Dort ziehen besonders viele Menschen weg. Und deshalb schließen noch mehr Geschäfte. Ein Teufelskreis.

"Jetzt sind wir bei der Familie Ströhlein in Tschirn, das sind sehr gute Kunden von mir, wir haben auch persönlich einen sehr guten Kontakt zueinander und da der Mann kränklich ist und die Frau selber nicht Auto fahren kann, hab ich ihnen gesagt, dass ich sie heute mal mit Geld versorgen kann und ihnen das jederzeit in unserem Bereich als Service anbiete."

Mitten in Oberfranken, in einem Tal des Frankenwaldes liegt Tschirn, 540 Einwohner, vorwiegend ältere Menschen. Vor einem Jahr schloss hier die Bankfiliale der örtlichen Sparkasse, der Geldautomat wurde abgebaut. Feierabend. Seit letztem Jahr gibt es das rote S und die Werbe-Plakate nicht mehr in den Schaufenstern des früheren Bankgebäudes. Es steht leer. Die Filiale wurde umgeleitet, wie es im Finanzjargon heißt, also geschlossen, wegrationalisiert, aufgegeben. Bankberaterin Frauke Hoffmann war damals die Filialleiterin.

Jetzt nimmt sie den weißen Briefumschlag aus dem Auto, geht die kleine Anhöhe zu dem Haus hoch – Kundenbesuch:

"Hallo grüß Gott, hallo Frau Ströhlein grüß Gott. Der Geldservice kommt ins Haus. /

Jawoll, das ist aber schön, dass Sie uns das Geld bringen. /

Wie geht’s Ihnen?"

Herzliche Begrüßung bei Familie Ströhlein. Frauke Hoffmann schüttelt der Rentnerin die Hand, erkundigt sich nach ihrem Befinden und wird hereingebeten.

"Gehen wir kurz rein, ich habe Ihnen Ihr Geld mitgebracht."

Den Briefumschlag legt die Bankberaterin vorsorglich auf den Küchentisch. Frauke Hoffmann, weiße Bluse, rotes Halstuch hat eigentlich nicht viel Zeit. Sie arbeitet seit einigen Monaten im Nachbarort Teuschnitz, bei Bedarf fährt sie zu den Kunden, bringt ihnen Geld, und berät sie zu Hause. Sie ist Bargeldkurierin.

"Wir trinken jetzt einen Kaffee, aber, Frau Ströhlein, wir halten uns jetzt aber nicht lange auf, wir trinken einen Kaffee und müssen dann weiter."

Kuchen für die Bankkurierin

Fünf Jahre leitete Hoffmann die Sparkassen Filiale gleich um die Ecke. Familie Ströhlein kennt sie sie seit zehn Jahren.

"Die Filiale war im Prinzip zweimal die Woche geöffnet, einmal Mittwoch, einmal Freitag Nachmittag, dann hatte ich noch meine zusätzlichen Beratungstermine, also die Geschäftsstelle war immer gut frequentiert worden, ich hatte nie Langeweile."

Kuchen wird bereitgestellt, Kaffee läuft durch den Filter. Die 80-Jährige legt Kuchengabeln auf den Tisch. Ihr Mann sitzt auf einem Stuhl daneben. Ihm geht es nicht besonders gut, er kann derzeit nicht Autofahren, seine Frau auch nicht. Was sie zum täglichen Bedarf benötigen, müssen sie zu Fuß oder mit dem kostenlosen Gemeindebus erledigen. Früher gab es einen Bäcker im Ort, einen Metzger, vier Gaststätten, aber das ist lange her. Jetzt fehlen auch noch Bank und Geldautomat.

"Es war schon ein bissl unangenehm, so konnte man doch runterlaufen, jetzt braucht man einen Fahrer. Und wenn was ist, dann fragen wir Frau Hoffmann, wie geht das oder das, wir sind alte Leute, wir können doch da nichts mehr machen, da macht das nicht mehr mit."

Sie tippt sich an den Kopf. Mobile Tan, SMS-Tan oder Onlinebanking. Für das Rentnerehepaar kommt das nicht in Frage. Auch zahlen mit Geldkarte nicht. Nur Bares sei Wahres. Doch selbst wenn sich das Ehepaar an den Computer setzen würde – in Tschirn fehlt die Netzabdeckung, bedauert die Bankberaterin.

"Also das heißt, viele haben noch gar keine Internetanbindung, und es ist mit dem Onlinebanking nicht möglich, weil es keinen Empfang gibt, das ist auch ein großes Problem für die jungen Leute, deshalb machen das so viele hier noch nicht, weil das Netz noch nicht ausgebaut ist."

Eine Bankfiliale pro Gemeinde

Sieben Geschäftsstellen hat die Sparkasse im letzten Jahr geschlossen, damit soll die Umstrukturierung für die nächsten Jahre abgeschlossen sein. Weitere Filialschließungen seien nicht geplant, so Stefan Fechner, Chef der Privatkundenberatung der Sparkasse Kulmbach-Kronach.

"Also wir wollen in jeder selbständigen Gemeinde mit einer Filiale vertreten sein, so ist unser aktueller Plan und wir werden auch nicht in diesem Jahr und auch nicht im nächsten Jahr unser Geschäftsstellennetz anpassen. Weil wir der Meinung sind, dass wir mit unserem jetzigen Netz mit 35 Filialen gut aufgestellt sind und keine Änderungen planen."

"So Frau Ströhlein, jetzt bekommen sie noch ihr Geld, wie vereinbart. Ich habe es wie immer ein bisschen klein gemacht, gestückelt."

Frauke Hoffmann reißt den verschlossenen Briefumschlag auf, holt die Geldscheine heraus und einen herkömmlichen Auszahlungsbeleg.

"Das ist wie immer der Auszahlungsbeleg, da noch bitte unterschreiben."

Hoffmann zählt das Geld vor, wie an einem Bankschalter, nur dass sie mit ihrer Kundin bei Kaffee und Kuchen am heimischen Küchentisch sitzt.

Mobile Sparkasse als Treffpunkt

Während Bargeldkurierin Hoffmann bei Familie Ströhlein sitzt, fährt Jürgen Schaller mit seiner Mobilen Sparkasse über Land. Jeden Tag steuert er mit dem Kleinbus drei Haltestellen an. Er ist Bankberater, Fahrer und Security in einem. Von Montag bis Donnerstag. Freitag ist Wartungstag.

"Heute war also der Landkreis Kronach dran. Da gings morgens los in Friesen, einem Ortsteil von Kronach, dann rauf ins Oberland, das ist ja dann fast an der thüringischen Grenze, und dann hier nach Schneckenlohe, Lankreis angrenzend Coburg-Lichtenfels. Gut hundert Kilometer täglich, die ich da zurücklege, das waren innerhalb des ersten Jahres gut 25.000 Kilometer."

15 bis 16.30 Uhr Stopp im Schulweg von Schneckenlohe. Die Haltezeiten stehen an einem Schild angeschrieben. Die Kunden kommen erstaunlich schnell. Meist geht es nur um Bargeldabhebung, obwohl Bankmitarbeiter Schaller den Service einer normalen Filiale anbietet: Geldanlage, Bausparverträge, Wertpapiere, Überweisungen. Die meisten Kunden steuern aber sofort den Geldautomaten an. Wer die PIN nicht weiß oder vergessen hat, kann die Geldkarte mit dem gewünschten Betrag von dem Bankmitarbeiter freischalten lassen:

"Wir Rentner sind zufrieden, es reicht. Überhaupt ich wohne gleich da, schaue zum Fenster raus und sehe, wie das Auto kommt, das ist in Ordnung, aber im großen und Ganzen muss man doch zufrieden sein. Ich meine, es gibt immer wieder Leute, die beschweren sich über alles, wir sind zufriedene Leute."

"Mir persönlich ist es egal. Ich hole mir nur mein Geld und des langt. Die Renten, wenn sie weg sind, sind sie weg, da nützt der ganze Automat nichts."

"Ja, so ist doch einwandfrei, ist schon schön für ältere Leute auch. Ich hole mein Geld und aus. Als Rentner braucht man nur sein Geld und sonst nix."

Die drei älteren Männer lachen. Später bringt eine junge Frau einen Überweisungsschein vorbei, eine andere mit Kind zahlt Geldscheine ein.

Die Mobile Sparkasse – ein willkommener Treffpunkt, wie früher das heute leerstehende  Bankgebäude gleich hinter dem Sparkassenbus.

250.000 Euro für Sparkassentransporter

Rund 250.000 Euro hat das Fahrzeug gekostet, hinzu kommen die Aufwendungen für die Satellitenanlage, Sicherheitsvorkehrungen, Versicherungen, Treibstoff. Trotzdem sollen die Kosten niedriger sein als für eine stationäre Sebstbedienungsfiliale, beteuert Stefan Fechner von der Sparkasse Kulmbach-Kronach. Der Betrieb eines Geldautomaten liegt bei circa 20.000 Euro, Kosten für die Wartung und Befüllung, eventuelle Raubüberfälle oder sich derzeit häufende Sprengungen von Geldautomaten nicht eingerechnet.

Die Mobile Sparkasse (Foto: Deutschlandradio Kultur / Susanne Lettenbauer)Die Mobile Sparkasse (Foto: Deutschlandradio Kultur / Susanne Lettenbauer)

Solche Probleme hat Jürgen Schaller nicht. Als Fahrer des Zaster-Lasters fühlt er sich in dem GSP-gesicherten Fahrzeug sicher.

"Weil das Geld ist zu 100 Prozent Tresorgesichert, ich habe hier keinerlei offenes Geld, noch nicht mal Münzen, die man mir so abnehmen könnte außer dem privaten Geldbeutel und da ist nicht viel drin. (lacht) Der Rest ist gesichert, also wenn dann muss schon jemand den ganzen Bus mitnehmen und der ist ja doch recht unauffällig, da kommt er auch bestimmt sehr weit."

Schaller grinst, zeigt auf die fette rote Sparkassenaufschrift draußen auf dem Transporter. Er sei noch nie verfolgt oder angegriffen worden. Wenn er einmal nicht zu dem vorgeschriebenen Fahrplan an der Sparkassenhaltestelle ankäme, fiele das sofort auf.

"Da sich das Kundenverhalten verändert, bedeutet für uns als Sparkasse, dass sich auch die Art unserer Dienstleistungen und damit die Qualität unserer Mitarbeiter verändert."

An der Umorientierung gehe kein Weg vorbei sagt auch Ulrich Netzer, Präsident des Sparkassenverbandes Bayern. Die Schließung von rund 220 Filialen bayernweit sei eine Entwicklung zum Vorteil der Kunden, meint er.

"Das ist der große Vorteil von dezentralen Sparkassen, dass sie deutlich näher am Kunden sind. Wir sagen: Früher hat sich Nähe über Meter definiert, das heißt wie viele Meter habe ich zu meiner Geschäftsstelle und da mache ich dann meine Überweisung. Jetzt definiert sich Nähe, wie gut ist mein Berater. Wie nahe ist der in der Denke bei mir."

Die Filialen der Zukunft sieht Netzer allerdings nicht in mobilen Zaster-Lastern oder Bargeldkurieren, sondern in online -Beratungszentren, die per Skype oder Livestream Entfernungen überbrücken. Darauf müsse man sich einstellen. Das habe auch mit der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank zu tun. Wie genau der Onlineservice funktionieren soll in Gegenden, die nicht an schnelles Internet angebunden sind, sagt er nicht.

Geschäftsstellen werden in Selbstbedienungsfilialen umgewandelt

Thierstein – ein ähnlich kleiner Ort wie Tschirn. Auch in Oberfranken.

Annemarie Riedel wuselt durch den Dorfladen. Ungefähr 100 Quadratmeter. An den Wänden stehen die Regale für Konserven, Tetrapacks, Flaschen. Daneben die Körbe für Brot und Gemüse, vorwiegend regionale Produkte. Weiter hinten liegen die Drogerieartikel. In wenigen Tagen soll die Eröffnung des liebevoll DoLa genannten Dorfladens gefeiert werden. Ein richtiger Tante-Emma-Laden – in einer ehemaligen Bankfiliale. An der Eingangstür prangt noch das große rote S, die großen Kühltruhen sind an den früheren Computer-Steckdosen im Boden angeschlossen:

"Das war eine Filiale der Sparkasse hier in Thierstein. Das war schon eine Anlaufstelle für viele Menschen, die hier ihr Bargeld geholt haben, weil das die einzige Stelle noch war. Mittlerweile kann man ja viele Dinge abwickeln, auch wenn man keine Geschäfte hat, man kann sich anliefern lassen, die Apotheke liefert aus, aber ohne Bargeld ist halt ganz schlecht. Und nachdem am 31. März letztes Jahr die Sparkasse hier zugemacht hat ist schon ein Aufschrei durch die Bevölkerung gegangen. Das war dann für uns vom Dorfladen-Arbeitskreis die Initialzündung. Hier dieses Gebäude sollte verkauft werden von der Sparkasse – wenn Dorfladen, warum nicht hier."

Die zuständige Sparkasse Hochfranken – 2009 selbst aus einer Fusion entstanden – gilt als Vorreiter der drastischen Filialschließungen in Bayern. Vorstand Andreas Pöhlmann musste sich vergangenes Jahr heftiger Kritik bis hin zu Demonstrationen stellen. Trotzdem wurden vier Geschäftsstellen in Selbstbedienungsfilialen umgewandelt und neun geschlossen, darunter auch Thierstein.

Den Sparkassenvorständen kam daher die Idee mit dem Dorfladen ganz recht. Mit Unterstützung vom Amt für ländliche Entwicklung konnte die Kommune Thierstein das Gebäude kaufen. Man vereinbarte, dass der Dorfladen auch gleich als sogenannte Bargeldagentur fungieren sollte, wo der Kunde ohne verpflichtenden Einkauf kostenfrei Bargeld bekommt. Ein Service nicht nur für Sparkassenkunden, sondern auch kostenlos für Kunden von fremden Instituten wie den Raiffeisen- und Volksbanken. Auch in anderen Orten Oberfrankens ist das mittlerweile gängige Praxis. Zum Beispiel in Hohenberg, Fichtelgebirge, 1400 Einwohner.

Kreditinstitute teilen sich Geschäftsstellen

Wenn es ums Sparen geht, rücken auch Konkurrenten zusammen. Ina Richter, Sprecherin der Sparkasse Hochfranken:

"Wir haben einfach gesagt, da hat jedes Kreditinstitut etwas davon und das kam den Volks- und Raiffeisenbanken genauso entgegen wie uns. Warum soll jetzt zum Beispiel in Hohenberg die Geschäftsstelle der Volk- und Raiffeisenbank rechts und unsere links, jeder hat die Kosten, im Prinzip ist dem Kunden ja egal, wo er sein Geld abhebt. Wir haben das sehr schön gestaltet mit rot und blau, also auch bildlich, damit der Kunde gleich weiß, da sind jetzt zwei Kreditinstitute, das war uns trotzdem wichtig, aber er nimmt das Geld, holt seine Kontoauszüge und dann war es das."

Die ehemalige Bankfiliale ist also wieder Gesprächsstoff in Thierstein. Ein richtiges Café soll Lauf- bzw. Fahrkundschaft von der nahen Autobahn A93 zum Rasten einladen. Mit Stühlen aus dem Chefbüro einer längst geschlossenen Textilfabrik und alten geschwungenen Holzbänken aus einer mittlerweile sanierten Kirche.

Bankfilialen seien nicht nur Orte zum Geldabheben gewesen, sondern auch Treffpunkte, Tratschplätze, Dorfmittelpunkt, so die ehrenamtliche Geschäftsführerin Annemarie Riedel, die hauptberuflich ein kirchliches Seconhandkaufhaus im Nachbarort leitet. Gemeinsam mit vier weiteren Geschäftsführerinnen kämpfte sie anderthalb Jahre lang um den, wie man hier sagt...

"Dole, Thiersteiner Dole."

"Also was wir von der Sparkasse bekommen haben, das ist natürlich der tolle Tresor unten im Keller, der ist schon sehenswert, den können wir dann natürlich auch nutzen für die ganze Bargeldgeschichte, ist ja klar. Wir haben noch ein bisschen Elektronik im Keller, den Schaltschrank, den wir nutzen können."

Volker Hahn kommt mit einem dicken Aktenordner die Dorfstraße herauf. Sein Auto hat er gegenüber vom Rathaus geparkt.

Dorfladen kooperiert mit Sparkasse

Er berät mit seinem Institut für Nahversorgungs Services (ifns) genau diese Art von Initiativen. Rund 60 vergleichbare Vorhaben betreut er mittlerweile in der Region. Dem DoLa von Thierstein gibt er gute Chancen nach der hoffnungsvollen Eröffnung zu überleben, auch Dank der Kooperation mit der Sparkasse:

"Also ein positiver Nebeneffekt ist, wenn Banken bereit sind, ihre EC-Cashgeräte dazulassen oder zu überlassen. Oftmals werden die Leasinggebühren die ersten Jahre von den Instituten übernommen. Das hat den positiven Effekt für den Laden dann auch, dass er ein EC-Cash-Gerät hat, das heißt die Kunden, die hier einkaufen, können auch mit EC-Karte bezahlen, was bisher wirtschaftlich für so einen Laden nicht interessant war, weil sie für jeden Einkauf eine gewisse Gebühr bezahlen mussten und das wird dann kulanter Weise von den Instituten, die da den Ort verlassen, übernommen."

Man hätte sich bei der Sparkasse Hochfranken auch für eine weitere Form der Bargeldversorgung entscheiden können: Geld zu verschicken, per Post. Hat man bewusst nicht. Das sei zu unpersönlich, meint die Sprecherin. Zu unsicher will man in der Zentrale in Selb nicht sagen.

Die Sparkasse Nürnberg hat damit offenbar kein Problem. Bargeldversand sei eine praktische Maßnahme, um Filialschliessungen abzufedern, sagt Michael Kläver, Vorstandsmitglied der Sparkasse Nürnberg. Ein einfacher Brief, ohne Einschreiben oder Übergabe reiche. Sechs Geschäftsstellen wurden in Nürnberg im vergangenen Jahr geschlossen:

"Also unsere Überlegung war: Es soll einfach sein für den Kunden und der Weg der Post ist eben ein sehr einfacher Weg. Für den Fall, dass mal ein Betrag verloren ginge, dann wäre das kein Problem, dann bekommt der Kunde den Betrag ersetzt. Allerdings glauben wir auch, dass die Post ein relativ sicherer Weg ist und über andere Wege kann auch was passieren. Insofern steht für uns das Thema Einfachheit vor dem Thema absoluter Sicherheit."

Geld verschicken, von Laien in Bargeldagenturen auszahlen lassen, es per Bargeldkurier ausfahren – warum nicht gleich ganz das Bargeld abschaffen? Diese Lösung wäre wohl die kostengünstigste für alle Banken und auch das eigentliche Ziel, heißt es aus dem IFO-Institut München. Vorbild Schweden. Dort können selbst Kleinstbeträge mit Geld- oder Kreditkarte bezahlt werden. In Deutschland politisch hochumstritten.

"Wenn man sich die Zahlen genau anschaut, dann haben die Banken derzeit noch kein Problem."

Ende der Filialschließungen nicht in Sicht

Im Münchner IFO-Institut beobachtet Finanzexperte Timo Wollmershäuser die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank und deren Auswirkungen. Wollmershäuser leitet das ifo-Zentrum für Konjunkturforschung und Befragungen.

"Niedrigzinspolitik heißt natürlich, klar die Zinsen sinken, aber sie sinken nicht nur für die Kredite, die sie vergeben, das wäre ja jetzt der Punkt, dass es heißt, wir vergeben Kredite und kriegen nichts mehr dafür, sondern die Zinsen sinken ja auch für die Einlagen, also auf der Finanzierungsseite der Banken. Und wenn man sich diese sogenannte Zinsspanne mal anschaut, dann ist die momentan zwar niedrig, aber sie ist keinesfalls so niedrig, dass man sich Sorgen machen müsste, dass die Banken nicht mehr überleben können, dass sie keine Profite mehr machen könnten, also diese Zinsspanne ist immer noch höher als sie in den Jahren vor der Finanzkrise war."

Dass die Niedrigzinspolitik der EZB an den Filialschließungen schuld sei, wie von den Banken immer wieder in Umlauf gebracht, sei falsch, so Wollmershäuser.

"Das hat nichts mit der Europäischen Zentralbank zu tun, das hat nichts mit Brüssel zu tun, das ist ein Trend, der Wettbewerb nimmt zu, die Banken wollen schon lange, gerade Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken, das ist der Grund, warum die Zahl der Banken abnimmt, die wollen natürlich auch Kosten sparen und es ist auf der anderen Seite auch eine gewissen technologische Entwicklung, die das auch erlaubt. Viele, gerade junge Laute, die gehen gar nicht mehr in die Filiale, die machen alles online. Dafür brauche ich keine Filiale mehr, also dieser Trend ist schon länger da und ich denke, dass wird sich auch in Zukunft so fortsetzen."

Niedrigzinspolitik, demografische Entwicklung, Digitalisierung.

Glaubt man dem Präsidenten des Bayerischen Sparkassenverbandes, Ulrich Netzer, ist ein Ende der Filialschließungen nicht in Sicht. Die Konsolidierung der Institute werde weiter vorangetrieben. Die Digitalisierung der Gesellschaft ist erklärtes Ziel des Freistaates. Derzeit seien zahlreiche Sparkassen in Bayern in Kooperationsgesprächen. Weitere Fusionen sind geplant, damit einhergehend auch Filialschließungen:

"Zur Zeit sind insgesamt sieben Sparkassen in unterschiedlichen Regionen in Bayern in einem intensiven Gespräch. Zwei haben bereits final entschieden, nämlich die Sparkasse Eichstätt und Ingolstadt, zwei Sparkassen in einem sehr prosperierenden Wirtschaftsraum Ingolstadt ist taff und die haben bewusst gesagt, wir gehen zusammen, um den Mittelstand in diesem prosperierenden Wirtschaftsraum aktiv zu begleiten."

Zu diesem Mittelstand in einem prosperierenden Wirtschaftsraum gehören die Rentner Herr und Frau Ströhlein in ihrem Häuschen im oberfränkischen Tschirn nicht. Verlierer der Entwicklung sind ländliche Gebiete, ältere Leute. Sie sind darauf angewiesen, dass ihre freundliche Bargeldkurierin auch morgen noch kommt.

"Vielen Dank und bis zum nächsten Mal. Tschüss Herr Ströhlein. Tschüss."

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