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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.10.2012

Ohne Autoritätsgehabe

Buch der Woche - Otfried Preußler: "Die Räuber-Hotzenplotz-Edition", 6 CDs

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Ein Kind liest "Räuber Hotzenplotz" - nun gibt es das Werk auch als Hörbuch. (dpa / picture alliance / Della Valle)
Ein Kind liest "Räuber Hotzenplotz" - nun gibt es das Werk auch als Hörbuch. (dpa / picture alliance / Della Valle)

Bis heute lieben die Kinder den "Räuber Hotzenplotz". In den Büchern bilden der Romantext und die Illustrationen von Franz Josef Tripp eine kongeniale Einheit. Die Hörbuchversion der Hotzenplotz-Trilogie muss ohne diese visuellen Reize auskommen.

Der Räuber Hotzenplotz nahm es mit seinem Beruf sehr genau. Im Sommer stand er wochentags immer pünktlich um sechs Uhr auf und spätestens um halb acht verließ er die Räuberhöhle und ging an die Arbeit.

Wo bleibt da die Räuberromantik? Der Arbeitsalltag des Hotzenplotz scheint kaum von dem eines modernen Angestellten zu unterscheiden. 1962 erschien das Buch - Hotzenplotz ist so alt wie die Rolling Stones. Ungemein frisch wirkt das Werk aber jetzt als Hörbuch, in der grandiosen rollenspielerischen Ein-Mann-Performance von Armin Rhode. Die schlackenlose Prosa Otfried Preußlers kommt bestens zur Geltung. Minimalistisch ist die Anlage des Buches, das dennoch alles hat, was ein guter Krimi braucht. In der Rolle des Opfers: immer wieder Großmutter.

"’Lassen Sie Großmutter aus dem Spiel’, rief Kasperl entrüstet. ‚Im Gegenteil’, sagte der Räuber Hotzenplotz. ‚Mit Großmutter habe ich eine Menge vor. Das Spiel mit ihr soll erst richtig losgehen. Haha, hehe!’"

Im ersten Band wird der alten Dame und Kürbiszüchterin ein kultiges Lifestyle-Objekt entwendet: die neue Kaffeemühle, die als Multifunktionsgerät bei Kurbelbetrieb zugleich das Lied "Alles neu macht der Mai" spielt. Im zweiten Band dann wird Großmutter selbst zum Opfer einer Entführung: Hotzenplotz kidnappt sie auf dem Fahrrad, in der Uniform des Wachtmeisters Dimpfelmoser und mit geschickt verstellter Stimme. Erst draußen im Wald gibt er sich hämisch zu erkennen:

"’Hören Sie mal, Sie da vorn. Sind Sie womöglich gar nicht der Polizeioberwachtmeister Dimpfelmoser?’ Hotzenplotz radelte lachend weiter. ‚Das haben Sie reichlich spät gemerkt’, meinte er. ‚Raten Sie mal, wer ich wirklich bin ... Hehe ...’"

In der genialisch rauhkehligen Interpretation Armin Rhodes ist hier ein Gipfel des Grauens erreicht – perfider hat auch ein Stieg Larsson seine Plots nicht konstruiert. Und lange sieht es so aus, als sei gegen die Tücke des ruppigen Räubers kein Kraut gewachsen.

"Wenn ihr mich reinlegen wollt, müsst ihrs schlauer anstellen. Ich bin schließlich nicht blöd. Ich bin gelernter Räuber - und ihr seid geborene Hornochsen. Hahahaha ..."

Kasperl und Seppel agieren als Ermittler, die dem lahmenden Polizeiapparat in Gestalt des pedantischen Dimpfelmoser aufhelfen. Der bleibt geradezu karikaturhaft auf seinen Beamtenstatus und die Beförderung zum Oberwachtmeister fixiert: eine satirische Darstellung des althergebrachten Obrigkeitsstaates.

Überhaupt wird lustvoll jedwedes Autoritätsgehabe untergraben. Der Zauberer Petrosilius Zwackelmann, dem es bei aller Verwandlungsmacht doch nie gelungen ist, Kartoffeln die Schale herunterzuzaubern, muss sich Kasperls dadaistischen Wortwitz gefallen lassen:

"’Du verdrehst meinen Namen, Kerl!?’, rief er zornig. ‚Ich verlange von dir die Anrede Großer Zauberer Petrosilius Zwackelmann! Merk dir das ein für alle Mal!’ – ‚Sehr wohl, großer Zauberer Zeprodilius Wackelzahn!’"

Schließlich kommen bei der Verfolgung des Räubers moderne Medien zum Einsatz, insbesondere das Überwachungssystem der zigarrenrauchenden Witwe Schlotterbeck:

"’Frau Schlotterbeck stieß eine dicke Rauchwolke aus und nickte. ‚Wir machen es mit der Kristallkugel’, sagte sie. ‚Damit können wir jeden einzelnen Schritt Ihrer Freunde von hier aus beobachten, ohne dass Hotzenplotz das geringste merkt.’ Doch nun darf ich Sie bitten, mich zu entschuldigen. Ich muss Wasti das Frühstück bringen. Hören Sie nur, wie er jault und winselt, der arme Hund.’"

Der arme Wasti hat das Äußere eines Krokodils, seit der Schlotterbeck ein Verwandlungszauber danebenging. Hotzenplotz ist nicht zuletzt ein Buch der phantastischen Metamorphosen. Die Überraschendste ereilt am Ende die Hauptfigur selbst: Der Gauner wird zum Gastwirt. Ein veritabler Burnout macht den Übertritt ins zivile Leben unvermeidlich:

"Kurz und gut, auf die Dauer wird mir die Sache zu anstrengend. Nichts ist lästiger auf der Welt als ständig den bösen Mann zu spielen. Immerzu Missetaten verüben müssen, auch wenn einem gar nicht danach zumute ist! Und immerzu auf der Hut vor der Polizei sein! Das zehrt an den Kräften und sägt an den Nerven, glaubt mir das!"

Der dritte Band erschien 1973 und griff das brisante Thema der Resozialisierung von Straftätern auf. Kaum erstaunlich, dass die Mächte des Establishments dem anständig gewordenen Hotzenplotz dabei so viele Steine wie nur möglich in den Weg legen. Einmal Räuber, immer Räuber – so die Devise des bornierten Dimpfelmoser. Deshalb beschließen wir die Besprechung dieses rundum gelungenen Hörbuchs mit einem Stoßseufzer:

"Haben Sie nicht gehört, dass ich Schluss mache mit der Räuberei? Wie oft muss ich Ihnen das sagen, bis Sie begreifen, dass es mir damit ernst ist. Leben Sie wohl, alle miteinander!"

Besprochen von Wolfgang Schneider

Otfried Preußler: Die Räuber-Hotzenplotz-Edition. Ungekürzte Lesungen von Armin Rhode
DAV, Berlin 2012, 6 CDs, 384 Minuten, 29,99 Euro

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