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Kompressor | Beitrag vom 05.07.2018

Offener Brief als Reaktion auf Castorf-Interview Frauen am Theater: "Wir können auch laut sein"

Felizitas Stilleke im Interview mit Gesa Ufer

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Die Kuratorin und Dramaturgin Felizitas Stilleke (Niklas Vogt)
Kuratorin und Dramaturgin Felizitas Stilleke: "Wie lange sollen wir denn jetzt noch warten?" (Niklas Vogt)

Jüngst äußerte sich der Regisseur Frank Castorf abfällig zur Qualität der Arbeit von Regisseurinnen. Die Dramaturgin Felizitas Stilleke gibt Kontra – Hunderte haben ihren offenen Brief schon unterschrieben. Er habe schon etwas bewirkt, sagt sie.

Frauen können weder Fußball noch Theater. Das sagte – etwas vereinfacht -  Regisseur Frank Castorf in einem Interview über Theater in der "Süddeutschen Zeitung". Es war die Antwort des langjährigen Intendanten der Berliner Volksbühne auf die Aussage von SZ-Theaterkritikerin Christine Dössel: "Die Volksbühne hat unter Ihrer Intendanz kaum Regisseurinnen. Das werfen Ihnen jetzt viele vor."

Die freie Kuratorin und Dramaturgin Felizitas Stilleke wollte das und weitere Aussagen nicht unwidersprochen hinnehmen. Sie schrieb einen offenen Brief, den inzwischen an die 700 Personen unterzeichnet haben.

Ist es Wut oder Süffisanz?

Stilleke sagt, vor allem eine Äußerung habe sie aufgeregt: "Die Aussage, dass er es laut sagen kann, und zwar sehr laut." In dem Interview hakte die Interviewerin nämlich nach, noch auf den Fußball bezogen, das könne er doch nicht laut sagen, und Castorf antwortete: "Das kann ich sehr laut sagen. Weil es so ist." Dann ging es um Theater und Castorf sagte, er wolle nur sagen, dass eine Frau dieselbe Qualität haben müsse. Er habe nichts dagegen, wenn eine Frau besser sei. "Nur habe ich so viele nicht erlebt."

"Ich habe dann geantwortet - mit so vielen Stimmen im Rücken: dann können wir auch laut etwas sagen. Ich will ihm ja gar nicht den Mund verbieten." Dass sie und die Unterzeichner was sagten, werde aber als Empörung und Wut behandelt, wohingegen die Lautheit von Herrn Castorf dann Süffisanz oder wohl sein Recht sei. 

Sie freue sich, dass etwas losgegangen sei: "Irgendwie hatte sich so eine Starrheit in meinem Kollegen- und Freundeskreis gebildet, so dass wir gedacht haben: ‚Ja, aber wie lange sollen wir denn jetzt noch warten und uns irgendwie so einen Blödsinn anhören?‘ Wie lange noch sagen: 'Ja, das wächst sich raus‘, oder: ‚Das sagen die halt mal so im Witz und nebenbei.‘ Aber sie zementieren damit strukturelle Probleme, an die wir immer wieder drankommen."

Das Gefährliche, was Castorf sagt, sei, "dass er quasi einen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau aufmacht und damit eigentlich eine strukturelle Diskriminierung oder Unterdrückung der Frau im Theaterbetrieb und in der Kunstszene begründen will. Und sagt: ‚Sie können ja auch schlechter inszenieren als Männer‘ – und das stimmt nicht."

Erste Wirkungen

Der offene Brief mit den Hunderten an Unterzeichnern habe schon etwas bewirkt, sagt Stilleke:

"Wir sagen ‚Hallo, der Diskurs ist schon ein paar Jährchen weitergegangen' – und das wird dann auch abgedruckt. Ich glaube, das war so das tollste, oder dass so eine Solidarität auch spürbar war. Und im besten Fall passiert das jetzt immer: Wenn jemand eine sexistische, diskriminierende Äußerung macht, dann habt Ihr jetzt eine lange Liste von Leuten, die was dagegensetzen können."

Die designierte Intendantin des Hans Otto Theaters in Potsdam, Bettina Jahnke, hält die Diskussion für eine Generationenfrage. "Das löst sich biologisch", sagte sie. Castorfs Generation habe eine andere Tradition und stehe dem Kulturwandel, der sich vollziehe, fremd gegenüber. Dieser aber sei nicht aufzuhalten. "Deswegen würde ich sagen: Lass ihn reden, das ist seine private Meinung, die kann er haben."

(mf, rit)

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