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Studio 9 | Beitrag vom 05.03.2018

Österreichs Gender-Nationalhymne"Heimat großer Töchter, Söhne"

Von Srdjan Govedarica

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Zwei Frauen im Dirndl sitzen im Garten an einem Tisch, musizieren und singen zusammen. (imago/alimdi )
Gendergerecht Singen: Sollten die "Töchter" des Landes in der Nationalhymnen nicht auch Erwähnung finden? (imago/alimdi )

In Deutschland wird über eine geschlechtsneutrale Hymne gestritten. In Österreich ist man da weiter: Seit 2012 werden dort nicht nur die "großen Söhne", sondern auch die "großen Töchter" des Landes besungen - auch wenn sich einige damit nicht abfinden.

"Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne, vielgerühmtes Österreich." - So klang die Österreichische Nationalhymne bis 2012. Die ehemalige Familienministerin Maria Rauch-Kallat wollte aber, dass nicht nur die Söhne Österreichs in der Hymne  berücksichtigt werden. "Ich wünsche mir lediglich, dass der Satz 'Heimat bist du großer Söhne' gegen 'Heimat großer Töchter, Söhne' geändert wird", sagte die konservative Politikerin – und startete 2005 eine Initiative für die Töchter:

Das kam nicht überall in Österreich gut an. Von ihrer eigenen Partei ÖVP bekommt Rauch-Kallat wenig Unterstützung. Auch in der anderen Parteien überwogen die Söhne Fans. "Ich habe immer den Wunsch der Frauen respektiert, auch berücksichtigt zu werden, wenn die Männer schon explizit genannt werden", meinte Rauch-Kallat. Es habe sich aber gezeigt, dass die Veränderung von zwei Wörtern in einem Text offensichtlich eine ganze Nation bewegen könne.

Sexistische Anfeindungen gegen die Initiatorin

Besonders bewegt zeigt sich damals die FPÖ. Von Gender-Klamauk war bei den Rechtspopulisten die Rede. Ihr Vorsitzender Heinz-Christian Strache fragte spöttisch, wann denn die österreichische Bundesadlerin ein Handtäschchen umgehängt bekomme. Auch in Internet gab es harsche Kritik der Traditionalisten, samt sexistischer Anfeindungen gegen die Initiatorin.

Doch Maria Rauch-Kallat gelang es schließlich, eine parteiübergreifende Basis für ihr Anliegen zu finden. Unterstützung gab es vom obersten Gerichtshof. Er entschied 2010, dass eine Textänderung der Nationalhymne als Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen zulässig sei. Auch Sängerinnen stellten sich in den Dienst der Töchter. Etwa Christiana Stürmer. Sie wurde sogar von den Erben der Originaltextdichterin Paula Preradovic erfolglos verklagt, weil sie das Lied in der neuen Fassung im Fernsehen aufführte.

"Ein Stückerl österreichisches Kulturgut"

Mitte 2011 wurde es dann amtlich. Das Parlament in Wien beschloß, dass ab dem 1. Januar 2012 die neue Hymne gilt. Söhne werden um die Töchter ergänzt und aus dem Brüderchor wurde ein Jubelchor.  

Auch heute noch gibt es einige Österreicher, die der alten Hymne nachtrauern. Der Volksmusiksänger Andreas Gabalier etwa, der noch dem alten Text treu geblieben ist. "Ich glaube schlicht und einfach, dass das ein Stückerl österreichisches Kulturgut ist, ein Stückerl historisches Kulturgut, das man in meinen Augen einfach nicht verändert hätte müssen", meint er. "Das hat überhaupt nichts in meinen Augen zu tun, ob man da jetzt frauenfeindlich ist oder nicht."

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