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Zeitfragen | Beitrag vom 25.09.2020

Österreichische Literatur in der CoronakriseSprachmacht und Sachertorte

Von Irene Binal

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In der Dämmerung ist bei leerer Starße das beleuchtete Schaufenster eines Buchladens zu erkennen. (imago images / Eibner Europa)
Ein Buchladen im Touristenort Kaprun (imago images / Eibner Europa)

Die österreichische Literatur hat viele Klassiker hervorgebracht. Auch ging der Literaturnobelpreis seit der Jahrtausendwende gleich zweimal an Österreich. Was macht diese Literatur so besonders? Und wie durchsteht sie die Coronakrise?

Extrem sprachverliebt sei die österreichische Literatur, findet die Schriftstellerin Elisabeth R. Hager, sprachaffin, ein wild wucherndes Experimentierfeld. Das habe auch mit der kulturellen Vielfalt des Landes zu tun, sagt die Buchhändlerin Rotraud Schöberl. Der bemerkenswerte kulturelle Reichtum stamme  aus den Zeiten der Monarchie und des Vielvölkerstaats. Und der Leiter des Zsolnay-Verlages, Herbert Ohrlinger, ergänzt:
"Dieses Miteinander von kleinen Völkern, die sich auf einem Kulturraum drängen, das hat die österreichische Literatur enorm befruchtet und macht sie bis heute sehr interessant."

Joseph Roth sei ein gutes Beispiel, findet der Wiener Antiquar Robert Schoisengeiger. Roth, der im damaligen Galicien geboren wurde, unter anderem über Berlin nach Wien kam und in Paris starb, sei ein echter Weltbürger gewesen: "Und er war nicht der einzige."

Saftiger und weniger marktkonform

Auch Michael Stavarič hat eine Biographie, die für viele Österreicher typisch ist: Geboren 1972 im tschechischen Brünn, kam er als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Niederösterreich und lebt heute als freier Autor in Wien.

Eine weitere Eigenheit der österreichischen Literatur habe mit der Sprache zu tun, meint Stavarič: "weil hier dann doch das literarische Experiment einen Tick mehr zählt, und in Deutschland eben so eine andere Art des Narrativs herrscht, die weniger experimentell ist."

Diese Ansicht teilen auch die Österreicherinnen Elisabeth R. Hager und Sandra Gugić, die beide seit mehreren Jahren in Berlin leben: "Mir fällt schon auf", sagt Elisabeth R. Hager im Hinblick auf die deutsche Literatur, "dass die österreichische Literatur häufig sprachverliebter ist und auch einiges wilder und vielleicht könnte man das so auf eine Formel bringen: Manchmal habe ich den Eindruck, die Österreicherinnen und Österreicher schreiben einfach ein bisschen saftiger."

Und Sandra Gugić ergänzt: "Österreichische Literatur gilt als experimenteller, als eigensinniger, weniger literaturmarktkonform. Der deutsche Markt hingegen ist mehr auf der Suche nach, sagen wir, Eindeutigkeit, klassischen Erzählformen."

Tradition in den Genen?

Auch die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Marlen Schachinger ist beeindruckt von dem besonderen Sprachreichtum: "Wenn ich manchmal so die Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur lese, habe ich den Eindruck, die Sprache minimiert sich", findet sie. "Da gibt es nur noch "lecker", und lecker ist lecker. Im österreichischen Deutsch gibt es 15, 20 Wörter, die ausdrücken, wie etwas köstlich sein kann. Und es ist dieser Sprachreichtum, den ich einfach auch nicht missen möchte."

Österreichs Literatur ist so welthaltig wie widerborstig, so hintergründig wie sprachmächtig und sie hat eine große literarische Tradition. Wie stehen heutige Autor*innen dazu?
"Ich glaube an die epigenetischen Aspekte des Schreibens", sagt Elisabeth R. Hager. Und meint damit, dass alle in Österreich sozialisierten Autor*innen die Geschichte des großen Österreich, das dann ein kleines Land wurde, immer noch in ihren Genen mittragen.

Sandra Gugic beim Debütantensalon auf dem READ! BERLIN Literatur Festival in der Neuen Odessa Bar. Berlin, 25.04.2015  (imago / Future Image / Frederic)Sandra Gugic beim Debütantensalon auf dem READ BERLIN Literatur Festival in der Neuen Odessa Bar B (imago / Future Image / Frederic)

Sandra Gugić dagegen kann mit Traditionen, die an Staatsgrenzen haltmachen, nichts anfangen. Sie findet es eher interessant, "das Österreichische an der österreichischen Literatur aufzubrechen oder infrage zu stellen, wie es zum Beispiel Elfriede Jelinek immer ganz grandios gemacht hat."

Onlinebuchhandel und Corona

Rund 30 Antiquariate gibt es in Österreich, die vor allem von einem bestimmten Kundentypus leben: Sammler, die ein Buch erwerben, um ihre Sammlung damit aufzuwerten oder zu bereichern.

Der Sortimentsbuchhandel hingegen kann sich nicht auf Büchersammler verlassen. Rotraud Schöberl ist Inhaberin der Buchhandlung "Leporello" im ersten Wiener Bezirk. Sie erzählt, dass es ihrem Geschäft trotz der Coronakrise gut gehe, weil sie in dieser Zeit den Online-Handel kräftig angekurbelt habe:
"Wir sind innerhalb von drei Tagen zur Online-Buchhandlung mutiert. Natürlich haben wir vorher auch schon einen Online-Shop gehabt, aber das war mehr als überschaubar. Und dann war plötzlich ein Zuspruch und auch Meldungen von Kunden, Mails, Anrufe, wir waren ja alle den ganzen Tag hier, haben am Telefon beraten, haben per Mail beraten, haben einfach das ganze Buchhändlerische halt ohne persönlichen Kontakt gemacht."

Nicht für alle Buchhandlungen ist die Online-Schiene eine Bereicherung. Die Branche steht unter Druck, sagt der Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels, Benedikt Föger:

"Zum einen natürlich durch die Digitalisierung, viel mehr aber durch die Änderung der Vertriebssysteme. Einfach durch diesen ganzen Onlinehandel, durch den Onlineversand, durch große, internationale Onlinehändler, auch die Konkurrenz natürlich durch soziale Medien, dass einfach das Zeitbudget der Menschen nicht größer wurde, aber auf andere Dinge verteilt wird und weniger Zeit zum Bücherlesen besteht."

Der Anteil österreichischer Verlage in deutschen Buchhandlungen liegt laut Föger bei unter einem Prozent. Umgekehrt stammen 80 Prozent der Bücher in österreichischen Buchhandlungen von deutschen Verlagen.

Die türkis-grüne Koalition und die Literatur

Das Ende der Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ in Österreich im Vorjahr sorgte in Literatenkreisen für Freude. Als Erleichterung haben es viele empfunden, aber was hat sich seitdem verändert? Herbert Ohrlinger, Leiter des Zsolnay-Verlags in Wien, bemerkte einen Stimmungswechsel: "Es war so etwas wie eine dunkle, schwere Wolke, die über diesem Land gehangen ist, die diffus war, die nicht erdrückend war, aber die bedrückend gewesen ist."

Direkte Eingriffe in das Verlagsgeschäft habe es zwar nicht gegeben, aber Ohrlinger hatte doch ein unangenehmes Gefühl als sei das, was der Verlag machte, von oben nicht erwünscht, wie er sagt.

Das hat auch Autorin Marlen Schachinger bemerkt und erzählt:
"Ich nahm wahr, dass Verlegerinnen und Verleger ungemein zögerlich wurden, weitaus weniger Mut hatten zu Manuskripten, die irgendwie jetzt nicht nette, feine, kleine Unterhaltung sind, eine allgemeine Tendenz quasi, man geht lieber auf Nummer sicher. Man will sich nicht allzu sehr hinauslehnen."

Inzwischen ist eine Koalition aus ÖVP und Grünen am Ruder – aber viele Autor*innen vermissen die Wertschätzung für Kunst und Kultur, seit die türkis-grüne Regierung die Kultur ins Sportministerium verschob und dafür ein Kulturstaatssekretariat installierte. Es wird von der Grünen Andrea Mayer geleitet, die den Vorwurf der mangelnden Wertschätzung nicht gelten lässt.
Rund 15 Millionen Euro stelle der Staat Österreich pro Jahr für die Literaturförderung bereit, etwa für Autorenstipendien, Literaturhäuser oder Büchereien. Dazu komme die Verlagsförderung - eine österreichische Besonderheit. Sie existiert seit 1992 und ist jährlich mit rund zwei Millionen Euro dotiert.

"Arbeit statt Almosen"

Die Coronakrise macht auch Österreichs Literaten zu schaffen. Michael Stavarič veröffentlichte im Frühjahr seinen Roman "Fremdes Licht", an dem er vier Jahre lang gearbeitet hatte und musste mehr als 30 Lesungen absagen, es gab keine Interviews, keine Veranstaltungen, kaum Aufmerksamkeit. Er sagt: "Dieses Jahr ist völlig zum Abschreiben und wenn das dann so weitergeht, dann kann ich zumindest für mich nicht mehr so als freier Schriftsteller arbeiten, wenn kein Geld über Buchverkäufe und über Lesungen reinkommt, dann habe ich kein Einkommen mehr."

So wie Michael Stavarič geht es vielen Schreibenden. Zwar wurden einige Veranstaltungen ins Internet verlegt, aber ein Ersatz ist das nicht.

"Arbeit statt Almosen" heißt das Projekt das Marlen Schachinger gemeinsam mit ihrem Partner ins Leben gerufen hat. Dahinter steht eine grundlegende Überlegung, wie sie erläutert: "Wir klopfen nicht bei der Politik an und betteln. Ich will nicht betteln, ich brauche auch keine Almosen, ich will arbeiten."

Für ihr Projekt gewann sie 20 Autorinnen, die Texte für eine Anthologie verfassen und dafür bezahlt werden. Um das Projekt zu finanzieren, wandte sich Schachinger an jene Menschen, die für Schreibende besonders wichtig sind: die Leser*innen: Über ein Crowdfunding via Internet sammelte sie mehr als 20.000 Euro. Die Anthologie soll im Spätherbst erscheinen. Sie erzählt dazu: "Es soll inhaltlich darum gehen, wie sich eine Situation im Leben, die man als Krise bezeichnen könnte, wie man durch diese durchwandert, vor allem aber, wie sich Fragmente von Krisen in den Persönlichkeiten festsetzen, so dass sie später immer wieder auftauchen. Wie kleine Splitter, die unter der Haut stecken und die da bleiben."

Offenbar ist Österreich also doch ein besonders gutes Pflaster für die Literatur.

(DW)

Sprecher*in: Eva Meckbach und Michael Rotschopf
Regie: Beatrix Ackers
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal 

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