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Religionen | Beitrag vom 30.08.2020

"Ökumenische Spiritualität"Was Religionen voneinander lernen können

Jutta Koslowski im Gespräch mit Christopher Ricke

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Wirbelnde Derwische treten während der "Seb-i Arus"-Zeremonie (Die Nacht der Vereinigung) in der Galata-Loge auf, die von Mevlevi-Derwischen anlässlich des 743. Todestages von Mevlana Jalaluddin al-Rumi in Istanbul genutzt wird. (Getty Images / Anadolu / Berk Ozkan)
Tanzende Derwische einer Sufi-Bruderschaft: Spiritualität schlägt Brücken, sagt Jutta Koslowski, auch zwischen islamischen Sufis und christlichen Mönchen. (Getty Images / Anadolu / Berk Ozkan)

Sich selbst spüren, eins werden mit dem Großen und Ganzen. Spirituelle Bedürfnisse können ganz unterschiedlich gestillt werden. Dabei könnten christliche Kirchen voneinander und von anderen Religionen lernen, sagt die Theologin Jutta Koslowski.

Christopher Ricke: Kirchen bleiben leer, dafür sind Meditationskurse voll. Es gibt weniger Frömmigkeit, aber es gibt viel Spiritualität. So sieht es jedenfalls im Augenblick aus. Dabei ist ja eigentlich der Unterschied zwischen der altbackenen Frömmigkeit und der angesagten Spiritualität gar nicht so groß. Es geht in jedem Fall um tiefe Versenkung, den Versuch, achtsam mit sich, auch mit der Schöpfung umzugehen, und das gibt es ja schon lange in allen Konfessionen, auch in allen Religionen.

Täglicher Ruhepunkt im Abendgebet

Über Spiritualität spreche ich jetzt mit Jutta Koslowski. Als evangelische Theologin hat sie zusätzlich katholische und orthodoxe Theologie studiert und ist Mitherausgeberin eines Büchleins über ökumenische Spiritualität. Frau Koslowski, haben Sie denn heute schon meditiert, haben Sie sich schon in Gott und seine Schöpfung versenkt?

Jutta Koslowski: Oh, ich muss zugeben, das habe ich heute noch nicht getan. Ich habe einen ganz regelmäßigen Termin, wo ich tatsächlich meinem Tag eine solche Struktur gebe, das ist abends um 18 Uhr. Hier direkt nebenan, wo wir wohnen, bimmelt das Glöckchen in dieser alten Klosterkirche, dieses Abendgebet ist mein täglicher fester Zeitpunkt für Spiritualität und Stille.

Der Weg zu der Kirche hin, weil Sie Schöpfung ansprechen, ist auch oft schon ein spirituelles Erlebnis. Da flitzen die Schwalben durch die Luft, oder das Weinlaub, das sich den Treppenaufgang zur Kapelle emporrankt, glänzt rot-gold im Sonnenlicht. Das ist mir auch kostbar.

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Ricke: Sie haben sich ja auf Tagungen und Kongressen mit Spiritualität verschiedener Konfessionen beschäftigt. Wo sind sich denn da die christlichen Kirchen aus Ihrer Sicht am ähnlichsten, wo gibt es die großen Überschneidungen?

Koslowski: Gerade im Bereich der Spiritualität scheinen die Überschneidungen besonders groß zu sein, nicht nur zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen, sondern sogar quer durch die Religionen. Islamische Sufis können sich oft viel besser mit christlichen Mönchen verstehen, als das die Dogmatiker beider Religionen können.

So gilt es auch zwischen uns Christen. Stundengebet ist etwas aus der katholischen Tradition, das wieder Einzug gehalten hat in der evangelischen Kirche. Klöster, Einkehrtage halten, Schweigen, Stille – alle diese Sehnsüchte verbinden Menschen quer durch die Konfessionen hinweg.

Mehr Sinnlichkeit für Gottesdienste

Ricke: Insgesamt sind ja Gottesdienste, insbesondere die evangelischen, doch sehr theorielastig. Hat man da zu viel über Bord geworfen?

Koslowski: Ich persönlich denke schon. Ich denke, es geht darum, in diesem Annäherungsprozess, in dem wir uns schon seit längerer Zeit befinden, wieder wechselseitig voneinander zu lernen, die Schätze zu entdecken, die jeweils in der anderen Tradition bewahrt sind. Hier in Deutschland ist da, denke ich, besonders relevant: Was können wir Evangelischen von den Katholiken lernen und umgedreht.

Wir Evangelischen können bestimmt lernen, wieder mehr Sinnlichkeit in unseren Gottesdiensten zu haben, auch den Geruchssinn anzusprechen – nicht jeder mag Weihrauch, aber es ist etwas, das in die Richtung geht –, Farben, Klänge anzusprechen, auch Bewegungen, nicht immer nur zu sitzen, auch zu stehen, zu knien, warum nicht auch zu liegen, zu tanzen, eine Geste wie das Kreuzzeichen zu machen, um sich leiblich zu vergegenwärtigen: Gott ist da.

Spiritualität aus Asien 

Ricke: Seit einigen Jahrzehnten importieren wir ja Spiritualität in den Westen, und zwar aus Asien. Die Beatles waren bei ihrem Guru, bei Maharishi, dann gab es die Bhagwan- beziehungsweise die Osho-Bewegung, und auch die katholische Kirche hat sich im Osten bedient. Es gibt christliche, es gibt katholische Zen-Zentren zum Beispiel bei den Franziskanern. Vitalisieren diese Importe?

Koslowski: Ich glaube schon, dass das wertvolle Impulse sein können für uns, speziell, dass es nicht immer darum geht, Worte zu machen, sondern auch das Schweigen einzuüben. Es gibt natürlich auch Unterschiede. Christliche Meditation versucht eben doch nicht, zur völligen Leere zu finden, sondern sich eher zu konzentrieren auf ein Bild oder einen Gedanken, ein Bibelwort, also eher eine gegenständliche Meditation, weil da eben doch auch ein unterschiedliches Welt- und Menschenbild dahintersteht. Aber was die Formen betrifft, können wir sicher auch von dort viel lernen.

Jutta Koslowski an einem Schreibtisch in der Berliner Staatsbibliothek, hinter ihr an der Wand sind Archivkästen gestapelt. (Thomas Bresinsky)Die Theologin Jutta Koslowski forscht über ökumenische Spiritualität. (Thomas Bresinsky)

Ricke: Das gibt es aber immer dann zu besonderen Zeiten an besonderen Orten, nicht im Alltag. Im Alltag sind wir ja sehr säkular geworden, auch sehr ichbezogen, wenig eingebettet in Gemeinschaft, in Welt und auch in Gott. Warum ist das so?

Koslowski: Ich persönlich glaube, dass ein ganz wichtiger Grund in der Industrialisierung liegt. Wir haben eben den Bezug zur Natur auch ganz wesentlich verloren, und Gott als Schöpfer ist eben auch für ganz viele Menschen im Zusammenhang mit der Natur erfahrbar.

Sobald Leute nach draußen gehen, wie es jetzt in Coronazeiten wieder verstärkt geschehen ist, einen Baum, einen Sonnenuntergang, ein Ährenfeld sehen, ist das schon für viele ein spirituelles Erlebnis, aber in der Großstadtwüste schwer zu haben.

Reise in eine andere Welt – mit dem Auto

Ricke: Da fahren Sie ja regelmäßig hin, Frau Koslowski. Sie leben mit Ihrer Familie in einer ökumenischen Gemeinschaft in einem ehemaligen Kloster, und dann lehren Sie an der Uni Mainz, und von dem einen Ort zum anderen sind es 50 Kilometer. Das ist doch dann auch eine Reise in eine andere Welt.

Koslowski: Das stimmt, da ist was dran, ja, ich empfinde das wirklich so. Sobald ich aus Gnadenthal rausfahre und über diese Autobahn dann im Stau stehe, es ist dann wirklich viel schwieriger für mich, so meinen inneren Seelenfrieden zu bewahren. Ich höre dann oft im Auto Taizé-Musik – Taizé ist für mich auch ein ganz wichtiger Bezugsort für meine Spiritualität – oder singe selbst, versuche, ruhig zu bleiben.

Teilnehmer stehend und sitzend vor einem Kreuz beim 42. Europäischen Jugendtreffen der Taizé-Gemeinschaft in der festlich illuminierten Jahrhunderthalle in Breslau. (Getty Images / NurPhoto / Krzysztof Zatycki)Teilnehmer beim 42. Europäischen Jugendtreffen der Taizé-Gemeinschaft, das im Dezember 2019 im polnischen Wroclaw stattfand. (Getty Images / NurPhoto / Krzysztof Zatycki)

Auch an der Uni in Mainz – das ist ein ganz neues Gebäude, das wurde letztes Jahr im Oktober bezogen –, und siehe da, der zentral gelegene Raum wird auch dort als Raum der Stille gestaltet, wo es die Möglichkeit gibt, außer dem akademischen Studium sich auseinanderzusetzen mit der Theologie, auch Spiritualität einzuüben. Es geht natürlich auch in der Großstadt, es geht an allen Orten, aber nicht überall gleich einfach.

Inspiriert vom Sufismus

Ricke: Sie haben vorhin schon die muslimischen Sufis angesprochen, also da schaut man in den Islam. Natürlich haben Sie auch gesagt, die Dogmatiker haben da eher ein Problem, nur, wir bleiben mal auf der spirituellen Ebene. Mit dem Islam scheint es zu gehen, wie ist es mit anderen Religionen, zum Beispiel mit der jüdischen Spiritualität?

Koslowski: Ich glaube, dass da sogar noch eine größere Nähe da ist, weil Christentum und Judentum ja wirklich die gleiche Heilige Schrift haben und noch näher miteinander verwandt sind. Überhaupt, unser Psalmengebet ist etwas Urjüdisches, das sind die gleichen Texte, die auch im Judentum gebetet werden. Unsere ganze liturgische Struktur – ein Morgengebet, ein Abendgebet zu haben, einmal in der Woche in noch größerer Gemeinschaft zusammenzukommen –, die haben wir vom Judentum geerbt.

Ricke: Spirituelle Erfahrungen, macht man die alleine oder macht man die gemeinsam?

Koslowski: Ich glaube, da gibt es auch einen bestimmten Unterschied zwischen dem Christentum, Judentum und Islam und fernöstlichen Religionen. In fernöstlichen Religionen ist es, glaube ich, tatsächlich stärker individualistisch geprägt. Das Christentum ist eigentlich ein Glaube, der Gemeinschaft braucht, nicht nur zusätzlich oder am Rand, sondern konstitutiv, essenziell. Dieses Zusammenkommen, um als Gemeinschaft Gott zu suchen oder auch, sich diakonisch zu engagieren, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren, das ist konstitutiv für uns Christen.

Gemeinschaft im Glauben wiederentdecken

Ich glaube, das müssen wir in unserer stark individualisierten Gesellschaft auch wieder neu lernen. Es gibt ja doch viele Menschen, die sagen, Glaube ja, von mir aus auch der christliche, aber Kirche nein, weil Kirche sich tatsächlich auch oft nicht so attraktiv anbietet. Aber ich glaube, wir sollten daran festhalten, wir brauchen für den christlichen Glauben auch die Kirche, die Gemeinschaft.

Ricke: Kann die Kirche denn im Bereich der Spiritualität attraktive Angebote machen?

Koslowski: Oh ja, auf alle Fälle. Ich glaube, wir haben da ein ganz großes Potenzial. Etwas, das ich in meiner Zeit im Gemeindepfarrdienst versucht habe und was auch sehr gut angenommen wurde, war das Projekt "Offene Kirchen". Wir haben ja einen riesigen Schatz an Gebäuden, die aber so wenig genutzt sind, und auch dieses Gefühl, dieses Bild: Da ist eine Kirche, aber diese Tür mit einem riesigen Schloss ist abgeschlossen, das macht keinen guten Eindruck auf die Menschen.

Offene Türen für alle

Wenn die Türen offenstehen, sogar weit offen, nicht nur, dass sie nicht verschlossen sind, wird es häufig genutzt von Leuten, die auch tagsüber da mal hineingehen, einen Moment der Stille halten. Natürlich könnte man auch da gemeinschaftliche Angebote machen, die dann auch angenommen werden von den Menschen – nicht in großen Massen, aber von fast ähnlich vielen wie die klassischen Sonntagsgottesdienste.

Ricke: Und das Ganze von einem ökumenischen Gedanken getragen?

Koslowski: Ja, auf alle Fälle. Eine offene Kirche ist per se für alle Menschen offen, ganz unabhängig von ihrer Konfession, und auch Gebetsseite oder alternative Formate wie eine Nacht der Lichter, ein Taizé-Gebet, ein Angebot der Stille am Mittag. Solche Dinge werden eigentlich nur in ökumenischer Offenheit gestaltet und genutzt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Jutta Koslowski, Jochen Wagner (Hg.): "Ökumenische Spiritualität"
Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2020
156 Seiten, 28 Euro 

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