Seit 11:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 26.02.2020
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Thema / Archiv | Beitrag vom 20.01.2014

Ökumene"Viel an der Basis erreicht"

Theologe Hans Küng über 50-jähriges Bestehen des Instituts für interreligiöse Forschung in Tübingen

Moderation: Katrin Heise

Hans Küng, Gründer des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung (AP Archiv)
Streitbarer Theologe: Hans Küng, Gründer des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung (AP Archiv)

Von Tübingen aus wollte das Institut für ökumenische und interreligiöse Forschung den Vatikan aufmischen. 50 Jahre später glaubt der Gründer Hans Küng, alte Kontroversen über die Ökumene bereinigt zu haben.

Katrin Heise: 1964, da war es, da gründete der Theologe Hans Küng in Tübingen das Institut für ökumenische und interreligiöse Forschung. Es ist nicht von der Kirche abhängig und innerhalb der katholischen Theologie sozusagen ein Hort wissenschaftlicher Freiheit. Hier wird die innerchristliche und der interreligiöse Ökumene erforscht und damit zugleich eine Grundlage für das Gespräch zwischen den unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen und den nicht christlichen Religionen geschaffen. Bevor Hans Küng hier im "Radiofeuilleton" zu Wort kommt, stellt Etienne Röder das Institut und den Gründer vor.

Heise: Herr Küng, ich grüße Sie ganz herzlich.

Hans Küng: Ja guten Tag, Frau Heise.

Heise: Auch wenn Sie seit langem emeritiert sind, das Institut jetzt von Professor Hilberath geleitet wird, herzlichen Glückwunsch erst mal am Anfang zum 50. Bestehen.

Küng: Danke, danke.

Heise: Das griechische Wort Ökumene bezeichnet ja die ganze bewohnte Welt. In diesem Sinne engagiert sich das Institut ja auch in Sachen Dialog zwischen Religionen, Kultur und Disziplin. Warum schien Ihnen, Herr Küng, eigentlich zu Beginn der 1960er-Jahre ein solches Institut notwendig zu sein?

Küng: Wir waren damals in einer allgemeinen Aufbruchstimmung, denn das Konzil wurde schon '58 angekündigt, '59. 1962 ist es eröffnet worden. Und damals, noch vor der Konzilseröffnung, war Kardinal Beer am 11. Februar 1962 als erster Kardinal an diese doch protestantisch orientierte Universität und Stadt gekommen und hat da eine große Rede gehalten, und im Zuge dieser ganzen Entwicklung wurde schon zwei Jahre später fast auf den Tag genau, am 12. Februar 1964, das Institut gegründet. Wir waren voller Begeisterung für das, was jetzt möglich geworden war durch das Zweite Vatikanische Konzil, das nun wirklich eine Öffnung erarbeitet hat, die bis heute doch zielführend gewesen ist.

"Die Differenzen aufarbeiten"

Heise: Beschreiben Sie mal diesen Geist der ersten Jahre im Institut, als man sich da zusammengefunden hat. Sie sagen, Aufbruch war das bestimmende Gefühl.

Küng: Ja, wir waren überzeugt, dass es vorbei sein muss mit dieser Konfessionalisierung, dass man eine wachsende Integration anstreben muss, nicht zuletzt auch an den theologischen Fakultäten. Wir waren von vornherein ein ökumenisches Institut im Dienste beider Fakultäten, im Dienste der Universität, und wir wollten die Aufgaben aufarbeiten, die Differenzen aufarbeiten, die uns von der Reformationszeit geblieben waren. Das waren vor allem die Fragen von Kirche und Kirchenverfassung, dann weiter die Frage von Gnade und Rechtfertigung und schließlich die Fragen Sakramente und Gottesdienst.

Heise: Wenn Sie das so beschreiben und man diesen Aufbruch so im Hinterkopf hat, das ging doch aber wahrscheinlich tatsächlich nicht ohne Diskussionen ab. Flogen die Fetzen, oder flogen sie nicht?

Küng: Ja, wir waren im Institut selber ein sehr erfolgreiches Team von hochqualifizierten Leuten und da haben wir immer konstruktiv diskutiert. Da flogen keine Fetzen, sondern da flogen die Ideen hin und her. Insofern haben wir, glaube ich, ein wirkliches Inspirationszentrum bilden können, das weit über die Universität und über Tübingen hinaus schließlich auch eine gewisse Weltgeltung bekommen hat durch die Arbeiten, die wir veröffentlicht haben über diese ganzen kontroversen Fragen.

Heise: An der christlichen Basis, sage ich jetzt mal, ist ja doch eine gewisse Ungeduld zu spüren hinsichtlich der eben nicht wirklich erreichten Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten. Da bemüht man sich immer noch um Grundlegendes, bei gemeinsamen Gottesdiensten beispielsweise. Was ist denn aber Ihrer Meinung nach erreicht worden? Welches sind die wichtigsten Stationen in den vergangenen 50 Jahren?

Küng: Nun, wir haben eigentlich den Großteil der Kontroversen für uns bereinigt. Ich hatte ja angefangen mit der Grundfrage der Reformation, wird der Mensch gerechtfertigt vor Gott durch die Werte, durch den Glauben, und habe damals schon die Lösung vorgeschlagen, 1957 in meiner Dissertation, die bis heute noch aufgelegt wird, und damals hat sich gezeigt, es ist möglich, auch in den schwierigsten Fragen einen Konsens zu finden, wenn man ihn haben will. Aber etwas anderes war natürlich die Umsetzung in die Tat der Kirchenrealität. Vom Volk her hatten wir immer volle Aufgeschlossenheit, auch von einem großen Teil der Pfarrer und Seelsorger, vor allem auch von den Religionslehrern in den Schulen. Aber die Hierarchie, vor allem die katholische und hier besonders die römische, war nun zunehmend wieder verstockt beinahe, nicht wahr, und wollte einfach nicht voranmachen. Ich hoffe, dass das jetzt unter Papst Franziskus wieder besser wird.

"Keine große kirchentrennende Kraft mehr"

Heise: Herr Küng, anknüpfend an das, was sie eben gesagt haben, diese Abgrenzung zwischen den christlichen Gemeinschaften: Ist diese Abgrenzung inzwischen vornehmlich ein Geschäft professioneller Vertreter? Die Basis ist sich eigentlich einig, das sehen Sie auch so.

Küng: Ja. Ich meine, dass die meisten Katholiken und Protestanten, evangelischen Christen, überhaupt hier keine große kirchentrennende Kraft mehr sehen in diesen Differenzen. Sie kennen sie ja kaum noch. Wir haben uns immer mehr darum bemüht, das christliche Profil zu schärfen, während immer restaurative Tendenzen auch der Protestantismus leidet, versucht haben, das konfessionelle Profil zu schärfen. Wir sind für alle Christen und das ist wichtiger als das, was uns da trennt. Trennen tun uns im Grunde nur die Streitereien der Hierarchie oben. In den Stockwerken auf Gemeindeebene hat das wenig Bedeutung. Man könnte heute die theologischen Fakultäten, wenn man Geld sparen will, leicht zusammenlegen, denn die Exegese, die Kerngeschichte, die Ethik, die praktische Theologie, die ist ja zum größten Teil dieselbe. Da ist großer Fortschritt gemacht worden, aber der darf halt nicht behindert werden durch die hierarchischen Strukturen.

Heise: Da wäre ich aber sehr gespannt, wie Ihr Vorschlag aufgenommen würde in diesen hierarchischen Strukturen. Kann man das übrigens, was Sie eben gesagt haben, abgesehen von fundamentalistischen Tendenzen, auch auf die Religion allgemein beziehen? Haben die Grenzen zwischen den Religionen nicht zumindest für die Bevölkerung der sogenannten westlichen Welt an Bedeutung verloren, beziehungsweise werden vielleicht auch immer nur dann betont, wenn es eigentlich um andere Dinge geht, beispielsweise soziale Verwerfungen? Dann erinnert man sich plötzlich an das Gegeneinander der Religionen.

Küng: Ja nun, es ist natürlich so, dass die christlichen Konfessionen eine gemeinsame Basis haben in der Christus-Botschaft, im Evangelium. In Sachen Weltreligionen haben wir ja deutlich erarbeitet: Wir können nicht mit einer Einheit der Religionen rechnen, wie wir mit einer Einheit der Kirchen rechnen können. Die Einheit ist nicht der Begriff, sondern der Friede zwischen den Religionen ist der Begriff, und da haben wir ja das große Projekt Weltethos entwickelt. Das gründet auf den Sätzen "Kein Weltfriede ohne Religionsfriede" und auch "Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog", und da sind wir auch weit vorangekommen. Aber es ist eben so, dass in der Politik wirklich andere Kräfte sehr oft die Religionen instrumentalisieren und benützen für ihre Zwecke. Viele Konflikte sind ursprünglich keine religiösen Konflikte, denken Sie an den Balkan oder jetzt auch im Nahen Osten. Es sind politische Konflikte. Aber wenn sie dann mit religiösen Argumenten unterbaut werden, zementiert werden, dann wird es sehr übel und es ist fast keine Lösung möglich. Deswegen ist es sehr, sehr wichtig, dass man die religiösen Differenzen aufarbeitet und klar sieht, dass wir auch in Sachen Ethos übereinstimmen.

"Warum Ökonomie Moral braucht"

Heise: Ist das Ihre Vision, sozusagen das Fernziel der Ökumene, was Sie eben formuliert haben, der Frieden miteinander zwischen den Religionen, nicht die Einheitsreligion?

Küng: Ja genau, und wenn Sie dann einerseits die Einheit der Kirchen und den Frieden der Religionen haben, und dann als drittes habe ich immer noch hinzugefügt die Gemeinschaft der Nationen. Wir haben ja auch sehr viel gearbeitet über die Ökonomie, warum Ökonomie Moral braucht, das Buch "Anständig wirtschaften". Wir haben sehr viel gearbeitet über Politik. Wir haben ja die großen Weltethos-Reden hier in Tübingen gehabt, wo neben Horst Köhler und Kofi Annan, Mary Robinson und Erzbischof Tutu eine ganze Reihe von wichtigen Leuten gesprochen haben, zehn an der Zahl, die zeigen, dass unser Programm auch wirklich in der Welt wahrgenommen wird.

Heise: Und auch heute noch, 50 Jahre nach Gründung, von Wichtigkeit ist, das Institut für ökumenische und interreligiöse Forschung.

Küng: Mehr denn je!

Heise: … sagt der Gründer, Hans Küng. Ich danke Ihnen ganz herzlich, Herr Küng.

Heise: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:
05.01.2014 | LESART
Lektüretipp - "Ich war sehr gefesselt"
Theologie-Professor empfiehlt Künstler-Biografie
16.11.2013 | TACHELES
"Zum ersten Mal nimmt man Basisdemokratie in der Kirche ernst"
Der Kirchenkritiker Hans Küng über den Wandel in der katholischen Kirche unter Papst Franziskus

Thema

Karl der GroßeKunstsinniger Barbar
Eine Figur Karls des Großen steht am 16.06.2014 in Aachen (Nordrhein-Westfalen) im Centre Charlemagne. Die Ausstellung "Karl der Große, Macht, Kunst, Schätze" ist vom 20.06.2014 bis zum 21.09.2014 in Aachen zu sehen.  (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Er war einer der Gründungsväter Europas: Karl der Große hat die karolingische Renaissance eingeleitet. Eigentlich sei es ihm aber nur um die Legitimierung seiner Macht gegangen, meint Kunsthistoriker Michael Imhof. Mehr

DDR-GeschichteSieg über den Ort des Grauens
Der ehemalige politische Gefangene Gilbert Furian in einer Gefängniszelle der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum in Cottbus (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Weil er in der DDR Interviews mit Punks publizierte, kam Gilbert Furian in den Cottbuser Knast. In der heutigen Gedenkstätte wird er nun in der Oper "Fidelio" mitsingen - um einen "großen Rucksack Bitterkeit" erleichtert.Mehr

Agenturfotos"Das ist sicher ein Aufbruch"
Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin des US-amerikanischen Internetkonzerns Facebook  (picture alliance / dpa / Foto: Jean-Christophe Bott)

Die Karrierefrau, die am Schreibtisch sitzt, oder das schamlose Zeigen von Terroropfern in Afrika - Sheryl Sandberg von Facebook und Pam Grossman von der Bildagentur Getty Image wollen solchen Klischeefotos etwas entgegensetzen. Sie haben die Datenbank "Lean In Collection" gegründet. Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur