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Religionen | Beitrag vom 05.08.2018

ÖkumeneKirche teilen in Island

Von Dorothea Brummerloh

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(picture alliance / dpa)
Eine mit Gras bewachsene Kapelle steht am evangelischen Weihbischofssitz Skálholt im Süden Islands. (picture alliance / dpa)

Island soll 377 Kirchen haben – davon nur acht römisch-katholische. Wenn Katholiken ihre Messe außerhalb der Hauptstadt Reykjavik auf dem Land feiern wollen, werden sie von ihren evangelischen Brüdern und Schwestern als Untermieter aufgenommen.

"Diese Mutter Gottes von Reykhólar, die ist aus dem 14. Jahrhundert..."

In der Landakotskirkja, der Christ-König-Basilika, zeigt Jakob Roland, ein im Elsass geborener Priester, eine Marienstatue aus dem 14.Jahrhundert. Eine Rarität, erklärt Será Jakob, wie die katholischen Priester in Island genannt werden. Nach der Reformation wurde in Island so gut wie alles Katholische zerstört, so auch die Kirche im Örtchen Reykhólar in den Westfjorden. Ihre Marienstatue aber wurde über die Jahrhunderte von den Gläubigen versteckt.

"Die Leute haben von Generation zu Generation immer gesagt, das gehört der katholischen Kirche und muss zurück zur katholischen Kirche. Und als die Kirche gebaut wurde, da kamen die Leute mit der Statue und haben gesagt, das gehört Ihnen…"

Und so kam die Mutter Gottes 1929 in die Kathedrale von Reykjavik. Vor der Christianisierung glaubten die Isländer an heidnische Götter. Um die guten Handelsbeziehungen zu Norwegen nicht aufs Spiel setzen, vollzogen sie eine religiöse Kehrtwende: Auf dem Alþing, der traditionellen gesetzgebenden Versammlung Islands wurde beschlossen, das Christentum zur Staatsreligion zu erheben, erklärte Kristján Ingólfsson, Bischof von Skálholt.

"Man hat bestimmt im Jahre 1000, dass alle Isländer Christen sein sollen - das war ein Akt des Parlamentes und haben dann nach und nach die schlimmen Sitten abgeschafft."

Französische Priester brachten Katholizismus zurück

Ruhigen Zeiten folgten Jahre mit blutigen Familienfehden und bürgerkriegsartigen Zuständen. Im 14./15. Jahrhundert war Island schließlich Teil einer Vereinigung der skandinavischen Königreiche unter dänischer Vorherrschaft. Der Dänenkönig bestimmte die evangelisch-lutherische Konfession 1541 auch für Island.

Jakob Roland: "Die katholische Kirche war völlig verschwunden nach der Reformation hier in Island und ist erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zurückgekommen. Am Anfang kamen zwei französische Priester und haben besonders bei den französischen Fischern ihren Dienst geleistet."

Zu dieser Zeit gingen tausende französische Fischer in den Gewässern um Island auf Kabeljaufang. Für ihr Seelenheil wurden sie von zwei so genannten "Weltpriestern" begleitet. Diese gehörten einer im Auftrag Papst Pius IX gegründeten Mission an, die den katholischen Glauben in den hohen Norden bringen sollte. Ihre Missionsarbeit unter den Isländern, wurde allerdings mit einem juristischen Winkelzug unterbunden, erklärt Bischof Ingólfsson.

"Laut Gesetz war das so: Von der Reformation bis etwa 1850 durfte keiner, der nicht den lutherischen Glauben bejaht hatte, in Island überwintern… Die Gesetze blieben bis 1874."

Wenige katholische Kirchen

Erst 1874 gewährte das isländische Parlament die vollständige Religionsfreiheit. Die evangelisch-lutherische Kirche blieb Staatskirche. Und so sind heute noch rund 75 Prozent aller Isländer Protestanten. Daneben existieren zahlreiche andere Religionsgemeinschaften. Die größte ist die katholische Kirche mit drei Prozent der isländischen Bevölkerung. Die Katholiken haben aber vor allem ein Problem:

Jakob Roland: "Wir haben wenige Kirchen. Hier in Reykjavik zum Beispiel haben wir nur zwei Kirchen und in der Nähe von Reykjavik eine dritte. Und sonst hauptsächlich kleine Kapellen. Wenn wir einen Gottesdienst feiern wollen, müssen wir einen Ort finden. Wir versuchen, in evangelischen Kirchen zu zelebrieren. Wir haben ein Abkommen mit der evangelischen Staatskirche, sodass wir die Kirchen kostenlos benutzen dürfen..."

Kristján Ingólfsson: "Es ist auch so, dass die meisten Kirchen auf dem Lande in diesen kleinen Ortschaften nicht jeden Sonntag Gottesdienste haben. Der Pfarrer hat vielleicht fünf oder mehr kleine Gemeinden und die Entfernungen sind groß, also kann er nicht an jedem Ort an jedem Sonntag sein. Und das bedeutet, viele Kirchen haben vielleicht einmal im Monat Gottesdienst und das bedeutet dann, dass viele freie Sonntage sind."

Unkompliziertes Church-Sharing

Damit die evangelischen Kirchen an den Sonntagen nicht leer stehen, dürfen die katholischen Christen diese mitnutzen, erklärt Bischof Kristján Ingólfsson. Das ist überhaupt kein Problem. So sieht es auch Baldur Kristjansson, der Pfarrer in Þorlakshöfn, einer Gemeinde an der Südküste Islands. Für ihn ist Church-Sharing eine selbstverständliche Angelegenheit. Die Anfrage kommt auf dem kurzen Dienstweg, erzählt der Pfarrer.

Baldur Kristjansson: "Er ruft mich an und fragt, ob er die Messe in meiner Kirche halten kann. Dann schlage ich dem katholischen Priester einen Sonntag vor und meist einigen wir uns sehr schnell…. Mir gefällt das wirklich gut. Wir sind nicht jeden Sonntag in der Kirche und er braucht sie doch. Und ich denke, Gott ist damit glücklich.

Jakob Roland: "Meistens sind sie sehr freundlich, sie sind froh, dass wir kommen. Und sie sagen sogar: Wenn ihr noch öfters kommen könnt, wäre das noch besser. Sie haben irgendwie ein Verantwortungsgefühl für diese Katholiken, die mitten unter evangelischen Leuten leben."

Kofferpacken für die Messe

Das ist für ihn irgendwie auch gelebte Ökumene, erklärt Jakob Roland. Um die Messe auch in den entlegensten und – eben nicht – gottverlassenen Gegenden Islands zu zelebrieren, packt der Priester alles Nötige in einen Koffer.

"Kelch, Bücher, Gesangbücher, Blätter für die Leute… unser Gemeinde sind Leute aus so vielen Ländern, wir müssen Blätter auf Englisch und Polnisch und Isländisch und dann feiern wir den Gottesdienst, so wie wir können. Ich kann kein Polnisch, also ich mache das auf Isländisch und die Polen verstehen wenig Isländisch. Dann predige ich auch mit den Händen und Füßen."

Predigen in einer Fischfabrik

Wenn die Mehrheit seiner Schäfchen keine Isländer, sondern Einwanderer, hauptsächlich aus Polen, aber auch von den Philippinen, aus Litauen oder anderen katholisch geprägten Nationen sind, überbringt er das Wort Gottes eben auch ohne Worte. Jakob Roland ist ein lebensbejahender Mensch, der schon in Caféterias, Schwimmbädern oder in Fischfabriken gepredigt hat.

"Wir hatten eine feierliche Bischofsmesse in einem Dorf im Westen und wir haben einen Raum in der Fischfabrik gefunden. Zunächst mussten wir noch die Fische vom Raum wegschaffen und der Gestank war auch dementsprechend. Aber irgendwie ging es und der Bischof hat mich gefragt: Wie sollen wir das machen? Ich habe gesagt: Wir machen das so feierlich wie nur möglich. Die Leute haben sonst nie einen Bischof gesehen und haben nie die Gelegenheit, so einen schönen Gottesdienst zu feiern. Und so haben wir es auch gemacht. Und eine Frau hat mir nachher gesagt, das war der feierlichste Gottesdienst meines Lebens."

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