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Interview | Beitrag vom 06.05.2019

Ökonom zur Kühnert-Debatte"Zukunftskunst" statt Sozialismus

Uwe Schneidewind im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos blickt in die Kamera des Fotografen. Er spiegelt sich in einer Scheibe. (dpa / Kay Nietfeld)
Der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind findet nicht alle Thesen Kühnerts "sympathisch", dennoch begrüßt er die Debatte. (dpa / Kay Nietfeld)

Sind Verstaatlichungen das richtige Mittel, um eine sozial- und klimagerechte Gesellschaft zu gestalten? Das bezweifelt der Ökonom Uwe Schneidewind zwar. Aber er plädiert dafür, "kreativ" und "lustvoll" über gemischte Formen des Wirtschaftens nachzudenken.

Mit seinen Thesen zur Verstaatlichung von Wohneigentum und Großunternehmen hat Juso-Chef Kevin Kühnert ein gewaltiges Echo ausgelöst - vor allem, weil Kühnerts Begriffswahl bei vielen Erinnerungen an einen Sozialismus weckt, der nur mit Mauer und Stacheldraht funktionierte.

Auch der Wirtschaftswissenschaftler Uwe Schneidewind, Direktor des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie, findet nicht alle Thesen Kühnerts "sympathisch", wie er im Deutschlandfunk Kultur erklärte. Dennoch begrüßt er die Debatte, die der SPD-Politiker ausgelöst hat.

Uwe Schneidemann, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie (Olaf Rayermann Fotodesign)Die Klimakrise habe auch mit der "DNA unseres ökonomischen Systems" zu tun, sagt Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. (Olaf Rayermann Fotodesign)

Um den globalen ökologischen und sozialen Herausforderungen zu begegnen, müsse man auch über das Wirtschaftsssystem nachdenken, so Schneidewind. Denn ökonomische Mechanismen trieben eine ganz bestimmte Form der Naturausbeutung voran.

Globale Gemeingüter nicht dem Markt überlassen

Sichtbar wird das dem Wirtschaftswissenschaftler zufolge beispielsweise beim Thema globale Gemeingüter: "Die Frage, wie und in welchem Umfang fossile Energieträger genutzt werden können, hat eben nicht mehr nur mit einem reinen Kapitalverwertungsinteresse zu tun, sondern mit einem hohen Gemeinwohlinteresse."

Statt über Sozialimus als Alternative zum Kapitalismus spricht Schneidewind lieber - wie in seinem Buch "Die Große Transformation" - von "Zukunftskunst".

Dahinter stehe das "kreative, lustvolle Momentum, das wir brauchen, um unsere Ökonomie, unsere Gesellschaft klima- und sozialgerecht organisieren können", betonte er. "Das ist dann kein Eins-zu-eins-Rückgriff auf historische Beispiele, die nicht funktioniert haben, sondern ein kreatives Nachdenken, wie wir Rahmenbedingungen weiterentwickeln müssen."

Wer soll mit Mobilität Geld verdienen dürfen?

Zum Beispiel im Bereich Mobilität: Hier plädiert er dafür, verstärkt über gemischte Formen der Ökonomie nachzudenken. So gebe es beispielsweise im Verkehrssektor auf der einen Seite im Wesentlichen private Automobilkonzerne, auf der anderen Seite aber auch viele öffentliche Verkehrsunternehmen:

"Die große Frage wird auch in der Mobilität sein: Wer verdient in 20 Jahren mit der Wertschöpfung durch Mobilität in einer Stadt wie München oder Berlin sein Geld? Ist das ein kapitalmarktorientierter Konzern im Silicon Valley oder ist es weiterhin ein regionaler Verkehrsbetreiber oder eine Deutsche Bahn, sodass dann die erwirtschafteten Gewinne auch wieder im Land investiert werden?"

Die Lebensqualität aller leidet

Auch die von Kühnert angestoßene Diskussion über das zulässige Maß an Privateigentum an Wohnraum findet Schneidewind im Prinzip sinnvoll: "Wir haben ja diese Debatte darum, wie stark soll die Logik des Marktes bestimmen, wer eigentlich wo in einer Stadt wohnen kann? Sollen die attraktiven Lagen in einer Stadt nur noch zugänglich sein für Menschen mit einem hohen Einkommen?" Diese Frage habe Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes, betonte er. "Je mehr ich Stadtteile habe, in die all die verdrängt werden, die sich das nicht mehr erlauben können, umso mehr leidet auch die Lebensqualität in einer Stadt insgesamt."

(uko)

Uwe Schneidewind: Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019
528 Seiten, 12,00 Euro

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