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Interview | Beitrag vom 22.09.2019

Ökonom Niko Paech zum Klimaschutz"Wir müssen unseren Lebensstil ändern"

Niko Paech im Gespräch mit Kirsten Lemke

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Playmobilfiguren mit einem Schild "There is no Planet B.". (unsplash / Mika Baumeister)
"No Planet B" - kein alternativer Planet zum Leben - stand auf vielen Demonstrationsplakaten der vergangenen Tage. Ihn und damit auch uns Menschen zu schützen gehe nur, wenn wir vom Wachstum abrückten, sagt Niko Paech. (unsplash / Mika Baumeister)

Unser Wirtschaftssystem basiert auf wachsendem Konsum. Zugleich strebt die Gesellschaft nach effektivem Klimaschutz. Das funktioniere nicht, sagt der Umweltökonom Niko Paech. Mit Nachhaltigkeit vereinbar sei nur der Verzicht auf Wachstum - und auf Luxus.

Klimaschutz hat mittlerweile einen breiten Konsens in der deutschen Gesellschaft gefunden. Aber wie steht es mit einschneidenden Konsequenzen, die aus einer ernstzunehmenden Klimapolitik zu ziehen wären? Der Postwachstumsökonom Niko Paech sieht in der Politik keine echte Abkehr vom Bekenntnis zu Konsum und immer weiterem Wirtschaftswachstum. 

Er verdeutlicht dies am Beispiel der CO2-Bepreisung: 

"Jede noch so strukturell interessante umweltpolitische Maßnahme kann dadurch verwässert werden, dass der Preis zu gering oder die Obergrenze zu hoch gesetzt wird. Eine CO2-Steuer beispielsweise, die zu gering ist, wirkt nicht nur nicht, sondern ist sogar schädlich. Die Menschen würden dann weiterhin – weil sie in der Bundesrepublik eine irre Kaufkraft haben – klimaschädliche Aktivitäten durchführen. Sie würden einfach den höheren Preis zahlen und hätten dann noch den beruhigenden Effekt, sagen zu können: Naja, ich habe für die Karibik-Reise die CO2-Steuer gezahlt, also ist damit das Problem gelöst."

Prof. Dr. Niko Paech, Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie, aufgenommen am 27.01.2012 während der Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio" zum Thema: "Kapitalismus reloaded - neue Regeln für die Weltwirtschaft" in den Studios der Berliner Unionfilm.  (dpa-Zentralbild /  Karlheinz Schindler)Niko Paech, Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)

Paech glaubt, dass es sehr wohl politische Maßnahmen gebe, die wirksam seien. "Wenn etwa die CO2-Steuer wirklich hoch wäre, etwa 200 Euro für eine Tonne CO2, dann wären viele Menschen gar nicht mehr in der Lage, klimaschädigende Aktivitäten auszuführen." Aber einen politischen Konsens für eine solch radikale Maßnahme werde es nicht geben, das sei die Quadratur des Kreises.

Konsum ausbauen und Klimaschutz gehen nicht zusammen

Paech unterstützt die Forderungen der Millionen Menschen, die in den vergangenen Tagen für eine wirksame Klimaschutzpolitik weltweit auf die Straße gegangen sind. Aber er sagt auch, sowohl Zivilbevölkerung als auch Politik könnten nicht nur für Klimaschutz sein, sondern müssten gleichzeitig gegen wirtschaftliches Wachstum vorgehen:

"Mann kann nicht auf der einen Seite - wie in Deutschland - jedes Jahr einen neuen Rekord erreichen wollen für alles, was die Digitalisierung fördert. Man kann nicht immer neue Baugebiete ausweisen, neue Flughäfen in Betrieb nehmen, neue Straßen bauen, den Konsum in allen Nischen steigern. Und dann gleichzeitig Klimaschutz wollen."

Das gehe nicht und deshalb sei auch die Politik in einer ausweglosen Situation: "Einerseits treibt die Gesellschaft die Politik vor sich her und verlangt Klimaschutz. Aber der steht dann immer unter dem Vorbehalt, dass die liebgewonnenen materialisierten Freiheiten nicht anzutasten sind."

So lange Wachstum die Grundlage des Wirtschaftssystems darstellt, könne es keine Klimaschutzmaßnahmen geben, die wirklich Wirkung zeigten, glaubt Paech.

Überwindung einer Kultur der Maßlosigkeit

"Wir müssten unseren Lebensstil dergestalt ändern, dass wir eine Wirtschaft ohne Wachstum meistern können. Es gibt zu einem kleinen Anteil bereits Menschen, die in modernen Industriegesellschaften diesen Lebensstil praktizieren." Einen nachhaltigeren Lebensstil zu verbreiten, in den Bildungseinrichtungen, in Gesellschaft und Politik, sei eine zentrale Aufgabe.

Paech glaubt, wir hätten ein Kommunikationsproblem, das uns davon abhalte, einen wirklichen kulturellen Wandel einzuleiten: "Nur durch eine Überwindung der Kultur der Maßlosigkeit können wir zu Klimaschutzergebnissen kommen." Hier führt Paech die "Fridays for Future"-Bewegung an, für die  Fliegen "dekandenter Luxus" sei. Paech betont: "Die Unterscheidung zwischen Grundbedürfnissen und dekadentem Luxus ist wichtig." So sei beispielsweise Urlaub "etwas Wichtiges." Aber er sei "nicht daran gekoppelt, dass man allzu viel CO2-Emissionen damit verursacht".

(aba)

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