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Studio 9 | Beitrag vom 09.10.2019

Ökonom Jeremy Rifkin über Klima-Demos"Erster wirklich globaler Protest in der Geschichte"

Von Dieter Nürnberger

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"Klimakrise" ist bei einer Blockade der Klimabewegung "Extinction Rebellion" in Berlin auf einer Holzarche zu lesen. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)
Während in Berlin draußen die "Extinction Rebellion" protestieren, prognostiziert Ökonom Jeremy Rifkin drinnen die globale Energiewende. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

In seinem neuen Buch sagt der US-Ökonom Jeremy Rifkin das schnelle Ende der fossil betriebenen Wirtschaft voraus. Bei einer Lesung in Berlin mahnte er die Bundesregierung, die Energiewende offensiv anzugehen, und lobte die globalen Klimaproteste.

Der Zeitpunkt hätte besser nicht sein können. Während an diesem Abend draußen weiterhin Tausende von Klimaaktivisten in der Nähe des Kanzleramtes ihre Zelte aufgeschlagen haben und zivilen Ungehorsam propagieren und zudem heute die Bundesregierung ihr Klimaschutzpaket wohl beschließen wird, ist ein amerikanischer Ökonom nach Berlin gekommen, um das baldige Ende der fossil betriebenen Wirtschaft zu verkünden.

Jeremy Rifkin gehört zu den bekanntesten Wissenschaftlern der USA. Mehr als 20 Bücher hat der 74-Jährige geschrieben, viele davon Bestseller und provokativ, beispielsweise 1995 "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft". Eingeladen hat das "Handelsblatt". Und Jeremy Rifkin macht den zumeist jungen Protestierenden dieser Tage ein großes Kompliment:

"Millionen von jungen Menschen gehen derzeit auf die Straße, in Deutschland und weltweit. Sie kommen nach Hause und fragen ihre Eltern, ob sie einmal Kinder haben sollten. Oder, ob sie in 50 Jahren überhaupt noch hier sein werden? Was wir gerade auf den Straßen sehen, ist der erste wirklich globale Protest in der Geschichte dieser Welt."

Das Ende der fossilen Infrastruktur

Jeremy Rifkin ist kein Untergangsprophet, er will verändern. Er berät Regierungen in aller Welt, auch die letzten drei Bundeskabinette gehörten dazu. Das neue Buch hat einen langen Titel: "Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann."

Jeremy Rifkin in einem Interview beim St. Gallen Symposium in der Schweiz. (picture alliance / dpa )Befürwortet die Klimaproteste - die "erste wirklich globale Protestbewegung": der Ökonom Jeremy Rifkin. (picture alliance / dpa )

Da argumentiert also ein renommierter Wirtschafts- und Sozialtheoretiker; einer, der auf einen massiven globalen Paradigmenwechsel setzt. Ein Kapitel des Buches heißt "It's the infrastructure, stupid", "Es ist die Infrastruktur, Dummkopf!", frei nach dem Wahlkampfklassiker von Bill Clinton 1992, damals hieß es noch "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf". Doch die gegenwärtige Ökonomie – basierend auf Kohle, Öl oder Erdgas – werde in ein paar Jahren schon zu Ende sein, weil sie eben nicht in der Lage ist, die Zerstörung des Planeten zu stoppen, wie auch, sie hat diese Entwicklung ja im Wesentlichen verursacht:

"Wir können aus dieser fossilen Infrastruktur nichts mehr herausholen. Auch technologisch nicht. Da haben wir den Gipfel längst erreicht. Da bringen uns auch Marktreformen nichts mehr. Da lässt sich selbst mit verbesserter Effizienz nichts mehr reißen. So einfach ist das."

Die Politik ist fast schon zweitrangig

Und die Alternative ist klar, sagt Rifkin. Denn auf der anderen Seite sinken längst die Marktkosten für Solar und Windenergie. Und auch wenn der globale Marktanteil an der Energiegewinnung bislang nur bei rund drei Prozent liege, entscheidend sei die rasante Wachstumsrate. Auch für Investoren. Da sei die Politik fast schon zweitrangig. Und zusammen mit der Vernetzung, der Digitalisierung, werde diese dritte industrielle Revolution auch gelingen.

Da spricht ein Überzeugter, ein kalkulierender Ökonom und ein großer Freund der deutschen Klimapolitik. Denn hier habe alles begonnen. Das Umdenken in einem Industrieland, die Förderung der anfangs so teuren erneuerbaren Energien. Ein paar deutsche Politiker nennt er vertrauensvoll "Buddies" – "Kumpel" – einer wirtschaftlichen Transformation. Dass inzwischen die deutsche Klimapolitik längst nicht mehr Vorreiter ist, weiß Rifkin.

"Da ward ihr nicht aggressiv genug. Ihr habt den ersten Teil dieser Revolution angeführt, dann habt ihr nachgelassen. Ihr solltet hier wieder eine Führungsrolle haben, die habt ihr verloren. Und ich sage euch bei aller Freundschaft und Liebe: Wenn ihr nicht wieder offensiver in dieser Frage werdet, dann müsst ihr bei der nächsten Wahl den Preis dafür zahlen."

Vieles, was derzeit die Klimadiskussion umtreibt, die Verzichtsdebatte, die soziale Balance von getroffenen Maßnahmen, die mitunter Panikstimmung bei einigen erzeugt – es bleibt bei Rifkin irgendwie zweitrangig. Kann da ein primär ökonomischer Optimist überzeugen? Er wurde gefragt, was er zu Greta Thunberg sagen würde, wenn es mal zu einem Treffen käme. Die Antwort war kurz und voller Respekt: Keep going - mach weiter!

Jeremy Rifkin: "Der globale Green New Deal. Warum die fossil befeuerte Zivilisation um 2028 kollabiert – und ein kühner ökonomischer Plan das Leben auf der Erde retten kann"
Aus dem Englischen von Bernhard Schmid
Campus, Frankfurt / New York
319 Seiten, 26,95 Euro

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