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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.06.2011

"Ökologische und spirituelle Aussöhnung"

Über die Rolle der kleinen Religionen in Europa

Manfred Böckl im Gespräch mit Ralf bei der Kellen

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Böckl rügt die "Diskreditierung" kleiner Religionen. (AP)
Böckl rügt die "Diskreditierung" kleiner Religionen. (AP)

Baptisten, Aleviten oder Neuheiden: Kleine Religionen gibt es viele in Europa. Ihre Glaubensinhalte sind oft unbekannt. Der Autor Manfred Böckl, als Neukelte selbst Anhänger einer solchen religiösen Minderheit, informiert in seinem aktuellen Buch "Die kleinen Religionen Europas" über Geschichte und Gegenwart dieser Glaubensgemeinschaften.

Ralf bei der Kellen: An einen oder mehrere Götter glauben – das taten bereits die Menschen in der Steinzeit. Von den Göttern der Kelten und Griechen über die großen monotheistischen Religionen bis zu den sogenannten Neureligionen – geglaubt wurde immer, aber auch immer wieder anders. Dabei entstanden im Lauf der Jahrhunderte auch viele kleine Glaubensgemeinschaften, die heute noch aktiv sind – wie zum Beispiel die Baptisten, die Altkatholiken, die Bahai oder die Aleviten.

Der Schriftsteller Manfred Böckl hat jetzt ein Buch über die prominentesten dieser kleinen Glaubensgemeinschaften geschrieben. Der Titel: "Die kleinen Religionen Europas. Woher sie kommen und welchen Einfluss sie haben." Ich habe vor der Sendung mit dem Autor gesprochen und wollte zunächst von ihm wissen, ob es so etwas wie einen roten Faden gibt, der sich durch die Geschichte fast aller kleinen Religionen zieht?

Manfred Böckl: Ich denke, das wird wohl die Suche nach einem spirituellen Weg abseits der großen etablierten Religionen sein. Und das wichtigste Motiv für diese Suche ist im christlich-islamischen Bereich vermutlich das Unbehagen über Befehlentwicklungen in den großen Religionsgemeinschaften. Aus Protest über diese Fehlentwicklungen suchte und sucht man nach neuen Wegen, was ja auch, wie ich denke, verständlich ist, wenn man sich ansieht, was so im Christentum, speziell in der katholischen Kirche, aber auch im Islam an Irrwegen oft gegangen wird.

Bei der Kellen: Die von Ihnen beschriebenen kleinen Religionsgemeinschaften mit jüdischen, christlichen und islamischen Wurzeln, sind ja vor allem als Gegenentwurf zu einer Glaubenspraxis entstanden, die von vielen dann eben als verkrustet, verhierarchisiert und vielleicht auch korrumpiert wahrgenommen wurde. Im Fall der kleinen Religionen mit christlichen Wurzeln war immer wieder eben auch die Glaubenspraxis der katholischen Kirche der Auslöser – Sie hatten es ja schon erwähnt –, aber auch die Bahai waren und sind ja bestrebt, den Islam zu erneuern. Könnte man diese Abspaltung von den großen monotheistischen Kirchen auch als eine Art glaubensgeschichtlich notwendiges Korrektiv betrachten, mit dem man immer wieder zum ursprünglichen Weg zurückfinden wollte?

Böckl: Ich denke, das ist schon öfters so. Wenn man sich die Religionsgeschichte betrachtet, dann sieht man ja immer wieder, dass da brutal gegeneinander gekämpft wurde, dass versucht wurde, die anderen sogar auszurotten, Beispiel Kreuzzüge, und bei einigen kleinen Religionen ist das völlig anders. Die Bahai zum Beispiel wollen keinen Kampf zwischen den Religionen, sondern ein friedliches, konstruktives und tolerantes Miteinander zum Wohl der gesamten Menschheit. Und ich bin mir sicher, darin lässt sich auch ein ursprünglich religiöser Weg erkennen, nämlich der jesuanische mit seiner umfassenden Menschenliebe. Ähnliche Bestrebungen zur Versöhnung zum Miteinander gibt es in einigen anderen kleinen Religionen. Ich würde da besonders die christlichen Waldenser nennen oder auch die neuheidnischen Wicca-Gläubigen, die konsequent für religiöse Toleranz eintreten. Leider aber werden diese kleinen Religionen immer wieder von den großen Religionen im Christentum und Islam bekämpft.

Bei der Kellen: Auf der anderen Seite bergen ja solche Zurück-zu-den-Wurzeln-Bewegungen ja auch immer ein Einfallstor für den Fundamentalismus, wie man eben an den vielen kleinen evangelikalen Glaubensgemeinschaften sehen kann. Ist Ihnen das bei einigen dieser kleinen Religionen auch begegnet?

Böckl: Dieser Fundamentalismus ist mir bei den Recherchen begegnet. Fundamentalistisch und damit gefährlich sind etwa die islamischen Salafisten. Die Schlimmsten unter ihnen streben eine militärische Rückeroberung von Teilen Südeuropas an, wo einst der Islam herrschte. Das ist indiskutabel. Für fundamentalistisch in einem anderen Sinn halte ich aber auch die Zeugen Jehovas, denn sie lehren ja letztlich eine apokalyptische Vernichtung aller gottfernen Menschen, wie sie das ausdrücken, und so was ist grausam alttestamentlich gedacht.

Bei der Kellen: Welche Rolle könnten denn diese kleinen Kirchen jetzt für die Ökumene spielen? Die scheinen da ja relativ wenig Berührungsängste mit anderen Religionsgemeinschaften zu haben.

Böckl: Die Berührungsängste wurden so in den letzten Jahrzehnten abgebaut. Zum Beispiel haben sich die Altkatholiken in dieser Zeit zu ökumenischen Bestrebungen durchgerungen. Das gilt auch für andere kleine Religionen wie etwa die Baptisten, die Mennoniten und die Methodisten. Sie können, weil sie oft urchristliche Wege gehen, wichtig für eine christliche Ökumene und damit für eine Erneuerung des Christentums sein. Doch man kann immer wieder beobachten, dass gerade die katholische Kirche diese ausgestreckten Hände zurückweist. Im Zweiten Vatikanischen Konzil hat man ja versucht, auf die anderen zuzugehen, aber heute entfernen sich die führenden Theologen immer weiter von diesem Konzil und erkennen nicht, wie wichtig eine Rückkehr zur urchristlichen, ich meine damit zur jesuanischen Lehre für die Einheit der Christen wäre.

Bei der Kellen: Fassen wir den Gedanken der Ökumene doch noch mal ein bisschen weiter. Inwiefern könnten denn zum Beispiel die Aleviten oder die Bahai, also zwei in Europa stark vertretene kleine Religionen mit muslimischen Wurzeln, inwiefern könnten die als Mittler zwischen Christentum und Islam fungieren?

Böckl: Das ist jetzt wirklich eine sehr gute und konstruktive Frage. Von ihrem Denkansatz her könnten die Aleviten und Bahai sehr gut zwischen Christentum und Islam vermitteln, denn beide haben urchristlich-humanes Gedankengut in ihren muslimischen Traditionen integriert. Doch dem Ausgleich stehen leider wieder mal die erstarrten Machtblöcke der christlichen und islamischen Großreligionen entgegen. Besonders im Islam werden ja die Bahai ganz brutal blutig verfolgt, und für die Aleviten gilt das Gleiche. Die leben ja hauptsächlich in der Türkei und sind auch da bis heute immer wieder ganz scharfen Verfolgungen ausgesetzt. Und ich denke, durch diese Verfolgungen wird etwas sehr Wertvolles verhindert, nämlich der Ausgleich zwischen den Großreligionen – Christentum und Islam.

Bei der Kellen: Und welche Chance geben Sie den Gläubigen der Welt, dass diese Machtblöcke doch noch mal aufgeweicht werden?

Böckl: Na ja, ich denke, wir sind auf dem Weg dorthin. In den demokratischen Gesellschaften funktioniert einfach dieses Autoritäre, das von den Großreligionen ausgeht, das funktioniert nicht mehr so. Und wir können es ja beobachten, dass die Macht der Großkirchen Zug um Zug schwindet und die Menschen andererseits immer mehr geistige Freiheit für sich reklamieren und dann eben auch eigene Wege gehen.

Bei der Kellen: Sie schreiben im Vorwort zu Ihrem Buch, ich zitiere Sie jetzt mal: "Heute ist Europa ein Kontinent, wo die religiöse Freiheit ähnlich wie einst in der toleranten Antike selbstverständlich ist. Gewisse Einschränkungen gibt es allerdings weiterhin. Die Großkirchen betrachten die kleinen Glaubensgemeinschaften oft mit Argwohn, was in Deutschland unter anderem durch die Existenz der katholischen und evangelischen Sektenbeauftragten deutlich wird, die Andersdenkende zu überwachen versuchen." Das klingt jetzt ein wenig so, als ob Sie die Sektenbeauftragten gerne abgeschafft sähen – ist dem so?

Böckl: Ja, das ist in der Tat so. Ich halte nämlich diese Schnüffelei durch die Sektenbeauftragten sogar für verfassungswidrig. Schließlich garantiert unser Grundgesetz ja die freie und unbehinderte Religionsausübung, und daran ist nicht zu deuteln und zu rütteln. Und deshalb sollte es auch keine Bespitzelung und keine Diskreditierung der kleinen Religionen durch Sektenbeauftragte der Großkirchen geben. Wenn ich ganz offen sein soll, ich sehe in diesen Sektenbeauftragten ein Relikt der Inquisition, und ich hoffe, dass dieses Relikt möglichst bald verschwindet.

Bei der Kellen: Manfred Böckl, was denken Sie, werden einige dieser kleinen Religionen in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft, wie es Europa ja ist, in Zukunft als echte Alternativen zu den großen monotheistischen Religionen erscheinen, oder ist das zu hoch gegriffen?

Böckl: Für die meisten der kleinen Religionen trifft das wahrscheinlich nicht zu, ich denke aber, dass die Bahai und auch die Aleviten diese Chance haben könnten, weil sie verbindend wirken, weil sie undogmatisch sind und tolerant sind. In einem anderen Bereich, den ich in dem Buch auch behandelt habe, im neuheidnischen Bereich, könnten die kleinen Religionen wie Wicca oder auch das keltische Neuheidentum ebenfalls eine echte Chance haben. Denn das sind quasi grüne Religionen, sie betrachten die Mutter Erde als wirkliches Wesen und streben die ökologische und spirituelle Aussöhnung mit ihr an, und da sehe ich jetzt einen ganz neuen spirituellen Weg, der vielleicht sogar sehr zukunftsträchtig sein könnte.

Literaturhinweis:
Manfred Böckl: "Die kleinen Religionen Europas. Woher sie kommen und welchen Einfluss sie haben"
Patmos Verlag
165 Seiten, 17,90 Euro

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