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Zeitfragen | Beitrag vom 28.06.2018

Ökobilanz von Recycling-StoffenAus Plastikmüll wird Mode

Von Susanne Billig

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Eine Plastiktüte schwimmt im Meer. (epa)
Millionen Tonnen Plastikabfall landen Jahr für Jahr im Meer. (epa)

Ein Pulli aus einer alten PET-Flasche oder ein T-Shirt aus weggeworfenem Spielzeug: Aus Plastikmüll lässt sich neue Kleidung herstellen. Das schont die Umwelt und spart Ressourcen. Oder? Wie sieht die Ökobilanz von Recycling-Mode aus?

Acht Millionen Tonnen Plastikabfall landen jährlich in den Weltmeeren, riesige Müllhaufen treiben im Pazifik, 80 Prozent der Plastiktüten, Einwegflaschen, Kinderspielzeuge oder kaputten Fischernetze sinken auf den Meeresboden, wo sie allmählich verschleißen oder in den Bäuchen von Fischen und anderen Meeresbewohnern landen. Alternativen müssen deshalb her.

Nicole Jäckle: "Das sind hier diese T-Shirts, die auch eben sehr günstig sind, finde ich. Mit zwölf Euro ist das durchaus zumutbar vom Preis."

Nicole Jäckle und ihr Partner betreiben den Laden "supermarché" in Berlin-Kreuzberg. Dort gibt es seit etlichen Jahren ein Vollsortiment fair produzierter Kleidung aus ökologischen Materialien – von der Socke über T-Shirts, ein breites Angebot an Jeans bis hin zur Badebekleidung.

"Und die sind hergestellt aus reinem Müll. Also 40 Prozent ist recyceltes Polyester aus alten PET-Flaschen, 60 Prozent ist recycelte Bio-Baumwolle – und daraus werden dann diese T-Shirts und diese schicken Sweater."

Ein Kilo Kleidung - ein Kilo Chemie

T-Shirts aus recycelten Plastikflaschen? Alternative Materialien für Kleidung müssen auch deshalb her, weil die gängigen Chemiefasern und Baumwolle gigantische ökologische Fußabdrücke hinterlassen. Pro Kilo Kleidung wird im Schnitt ein Kilo Chemie eingesetzt – zum Glätten, Färben und zum Veredeln von Oberflächen. Dazu kommen giftige Verunreinigungen und Baumwolle, auch in Bio-Qualität, ist ein schlimmer Wasserräuber – ein Kilo braucht die Menge von 200 Badewannen.

Darum experimentieren vor allem kleine Hersteller nicht nur mit Fasern aus Bambus, Bananen- und Ananasblättern, sondern auch aus Algen, Milch, Lachshaut und Krabbenpanzern. Und natürlich liegt die Idee nahe, die Riesenberge Plastikmüll einer neuen, sinnvollen Nutzung zuzuführen.

"Zum Beispiel gibt es für Badebekleidung, das ist jetzt relativ neu, ein Material, das ist recyceltes Nylon. Aus Abfällen, die aus dem Meer gefischt werden, wird das hergestellt. Fischernetze, die am Meeresgrund liegengeblieben sind oder irgendwelche Teppichreste – aus denen wird ein neues Material gemacht und daraus kann man Badebekleidung oder Strumpfhosen machen."

Die Flaschen oder Verpackungen werden gereinigt, anschließend geschreddert und die so entstandenen Schnipsel werden dann zu einem feinen Garn eingeschmolzen. Ein Kilo dieses Garns enthält acht PET-Flaschen. Die Ökobilanz solcher Verfahren kann sich also sehen lassen: Der Energie- und vor allem der Wasserverbrauch ist um ein Vielfaches geringer als bei herkömmlichen Chemiefasern oder auch bei konventionell erzeugter Baumwolle, die mit viel Pflanzenschutzmitteln, Dünger und Wasser heranwächst.

"Da sind halt viele Aspekte daran dann gut. Man hat das Meer ein bisschen gereinigt, es sind natürlich immer nur kleine Schritte, weil wir sind sehr klein, die Marken sind sehr klein. Aber man hat eben Müll genommen, der ist, wo er nicht sein soll, und hat daraus was Tolles, Neues gemacht und musste keinen neuen Stoff verbrauchen."

Noch mehr Mikroplastik durch Recycling?

Das wichtige und bei öko-fairer Kleidung inzwischen weit verbreitete Siegel "GOTS" – für "Global Organic Textile Standard" – erlaubt einen Kunststoffanteil von 30 Prozent in zertifizierten Kleidungsstücken, wenn es dabei wirklich um Recycle-Material aus alten Flaschen oder Verpackungen geht.

Dabei wollen die Siegelmacher auch helfen, den Markt für nachhaltige Textilien weiter zu entwickeln. Denn der Markt für Kleidung aus reiner Naturfaser ist rückläufig, auch im Outdoor-Bereich, wo viele Käuferinnen und Käufer umweltbewusst und guten Willens sind, aber die gewünschten Eigenschaften lassen sich mit reiner Naturfaser einfach nicht erzeugen.

Dennoch gibt es an der Kleidung aus recyceltem Plastik auch Kritik. Kunststoffhaltige Textilien, auch wenn sie aus alten Flaschen oder Fischernetzen stammen, könnten bei der Wäsche kleine Plastikpartikel ins Wasser abgeben, die dann als gefährliches Mikroplastik in Flüssen und Meeren landen, warnen die Kritiker.

Allerdings mahnt hier das Umweltbundesamt zur Besonnenheit: Die Kläranlagen in Deutschland arbeiteten effizient, und ohnehin gebe es keine belastbaren Daten, wie viele Fasern tatsächlich über das Abwasser ins Meere fließen. Brigitte Zietlow ist die Expertin des Amtes für Textilien:

"Es ist natürlich immer gut, Müll wieder einzusammeln. Oft, wenn man die Kunstfasern recycelt, konzentrieren sich auch die Schadstoffe darin. Und das kann am Ende auch wieder so ein Gegeneffekt sein. Das muss man auch gut ausbalancieren. Als Beispiel sag ich mal Antimon, ist ja auch ein gefährlicher Stoff, der in Polyester enthalten ist, und durch dieses Recycling wird der halt konzentriert."

Und wer prüft bei der Kleidung aus wiederverwertetem Müll, ob da nicht Gifte auf der Haut landen?

"Es gilt ja nach wie vor das Produktsicherheitsgesetz. Im Grunde sind die, die es in den Verkehr bringen, auch verantwortlich dafür zu prüfen, ob es die Gesundheit des Menschen nicht gefährdet."

Schluss mit "fast fashion"

Darum führt an der Eigenverantwortung kein Weg vorbei: Wer sich neue Hosen, Blusen, T-Shirts oder Unterwäsche kauft, sollte nachhaken und nachfragen. Laut EU-Recht ist es ein verbrieftes Recht, innerhalb von 40 Tagen vom Hersteller eine Antwort auf die Frage nach Giftrückständen in der Kleidung zu erhalten.

Eigenverantwortung – die gilt auch für ein weiteres Problem, das auch noch so engagiert hergestellte Kleidung aus Plastikmüll nicht löst: Wenn es weiter bei dem Trend zur "fast fashion" bleibt, dann landen der kaum getragene Pulli aus der PET-Flasche, der Bikini aus dem Teppich oder die Badehose aus dem alten Fischernetz am Ende doch wieder – als Plastikmüll im Meer, zumal sich Stoffgemische aus Natur- und Kunstfasern sowieso nicht mehr recyceln lassen.

Exotisches und gut gemeintes Material allein reicht im Umgang mit Mode und Kleidung also nicht aus, das betonen auch die Expertinnen.

Brigitte Zietlow: "Die Verbraucher und Verbraucherinnen sollten schon informiert sein, wach, sich bewusst dessen, was sie tun, auch den Textilien eine Wertschätzung entgegenbringen sozusagen, nicht nur die Textilien als Wegwerfprodukte sehen."

Nicole Jäckle: "Das ist ein Punkt, der mir auch sehr wichtig ist: Das so der Wert von Kleidung und der Wert von Arbeit total verloren geht. Also es kann einfach nicht sein, dass ein T-Shirt billiger ist als ein Capuccino im Café. Dann stimmt was nicht mit der Welt und dann stimmt auch irgendwas mit dem Denken der Menschen nicht mehr."

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