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Interview / Archiv | Beitrag vom 25.01.2020

ObjektsexualitätVerliebt in eine Boeing 737-800

Kathrin Ahäuser im Gespräch mit Shanli Anwar

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Eine Frau liebkost ein Flugzeugteil, das in einem Bett liegt. (Kathrin Ahäuser)
Filmstill aus "Michèle und Schatz": Zu den Objektophilen, mit denen Kathrin Ahäuser gesprochen hat, gehört auch eine Frau, der es ein bestimmter Flugzeugtyp angetan hat. (Kathrin Ahäuser)

Mit einem Flipperautomaten flirten oder eine Beziehung zu einem Laptop führen: Geht das? Objektophile sagen, ja. Für eine Ausstellung hat die Künstlerin Kathrin Ahäuser Betroffene interviewt und kam zu dem Schluss: "Aus meiner Sicht ist es definitiv wahre Liebe."

Shanli Anwar: Liebe kennt keine Grenzen, heißt es doch so schön. Und so kann es Menschen geben, die verliebt sind, aufrichtig verliebt und in einer Beziehung, zum Beispiel mit einem Klaviernotenständer oder mit einem Flipperautomaten oder auch mit einem Laptop:

"Also, sein Betriebssystem ist in Bezug auf meine Gefühle zu ihm vollkommen irrelevant, auch wenn er jetzt Windows 98 hätte, das spielt in unserer Beziehung keine Rolle. Da ist was jenseits des Betriebssystems – er hat für mich eine Seele, da ist was jenseits der Platinen, der Festplatte, des Motherboards. Es ist sein Wesen."

Anwar: Auch wenn es erst mal vielleicht skurril klingt - diese Liebschaften waren jetzt alle nicht ausgedacht. Die Fotografin und Filmemacherin Kathrin Ahäuser hat diese Menschen, diese Frauen porträtiert. Ihre Arbeit ist jetzt in Leverkusen im Museum Morsbroich zu sehen – ab morgen in der Ausstellung "Liebes Ding – Object Love". Wenn Sie jetzt an diese Begegnungen denken mit den Frauen, die Sie porträtiert haben, die lieben wirklich Dinge, Objekte. Ist das wahre Liebe aus Ihrer Sicht?

Ahäuser: Ja, aus meiner Sicht ist es definitiv wahre Liebe, weil sich die Personen wirklich sehr emotional nur auf diesen einen konkreten Gegenstand beziehen und diesen Gegenstand lieben.

"Das passiert eigentlich ganz zufällig"

Anwar: Die Frau, die wir gerade gehört haben, die schmust wirklich mit ihrem Laptop. Das sieht sehr liebevoll aus, wie sie ihn in der Hand hält, wie sie ihn an ihr Gesicht hält, ganz, ganz behutsam auch. Wie entwickelt sich so was, die Liebe zu einem Gegenstand? Haben Sie Erklärungen gehört?

Ahäuser: Das passiert eigentlich ganz zufällig. So wie sich andere Menschen in Menschen verlieben, so verlieben sich diese Menschen in Objekte. Das kann der eine Gegenstand sein, und es kann paar Jahre später der andere Gegenstand sein, das ist reiner Zufall.

Anwar: In der Ausstellung sind vier Filme von Ihnen zu sehen, über vier Frauen, die Sie gemacht haben, vier Frauen, die Objekte lieben. Wie haben Sie diese Frauen inszeniert, begleitet, was sieht man da in der Ausstellung?

Ahäuser: Ich habe die Personen, die Frauen persönlich getroffen in ihrem privaten Umfeld, wo sich der Gegenstand auch meist befindet, und habe dann ein, zwei oder mehrere Tage mit dieser Person verbracht, um sich kennenzulernen. Und man sieht Multimediafilme, das heißt, es sind einmal Filmausschnitte und einmal Fotos, beides gemischt, und der O-Ton der Person, also jede Person spricht über ihre Zuneigung zu dem Gegenstand.

"Das kann auch erotische Aspekte haben"

Anwar: Man sieht zum Beispiel auch eine Frau, die in ein bestimmtes Flugzeugmodell verliebt ist, und fragt sich ja dann schon, auch wenn sie jetzt lauter Modelle dieses Flugzeugmodells gesammelt hat, es ist eine einseitige Liebe oder vielleicht auch praktisch, weil der oder die Geliebte ja nicht wirklich widersprechen kann.

Ahäuser: Das empfinden die Frauen nicht so, die haben schon das Gefühl, dass da eine Form von Liebe oder Nähe zurückkommt, also dass das nicht einseitig ist. Es kann Wärme sein, zum Beispiel wenn sie den Gegenstand anfassen, eine gedankliche Zuneigung, also sie fühlen sich nicht irgendwie isoliert zu ihrem Objekt.

Anwar: Und es trifft ja nicht nur Frauen – auch Männer gibt es, die objektsexuell sind. Hat das Ganze auch erotische Aspekte?

Ahäuser: Das kann auch erotische Aspekte haben. Das kann natürlich auch eine ganz große körperliche Anziehung geben zwischen Objekt und Mensch.

Anwar: Ich kann mir vorstellen, dass viele Hörerinnen und Hörer, die das jetzt vielleicht zum ersten Mal so hören, so ein bisschen verwundert sind, Stirn runzeln und so überlegen, was ist das denn, ist das überhaupt ernst gemeint oder nicht. Aber man kann sich mal vielleicht selbst an die eigene Nase fassen, ob man nicht selbst objektophil ist. Viele haben Lieblingspullis, -tasse, -sessel, -auto, und oft geht eben der erste Blick am Morgen nicht zu einem Menschen, sondern erst mal zum Smartphone, das man zärtlich in die Hand nimmt. Ist das auch Ihr Eindruck, dass wir alle so ein bisschen, was Gegenstände angeht, mehr Emotionen haben und regen?

Ahäuser: Ich glaube schon, dass wir heutzutage ganz anders auf Gegenstände fixiert sind als vor vielen Jahrzehnten, sag ich mal. Durch den Konsum, den es gibt, und die Technik, die wir haben, ganz klar haben wir da schon eine große Anziehung auch zu Gegenständen. Aber da gibt es natürlich dann einen Unterschied, sag ich mal, zu Objektsexualität.

Zeigen, wie vielfältig Liebe sein kann

Anwar: Weil jeder von uns besitzt, in der westlichen Welt zumindest, im Schnitt ungefähr 10.000 Gegenstände, wenn da jetzt irgendwie Emotionen aufkommen würden für jeden Gegenstand, das wäre auch schwierig. Also, wie sieht es aus mit Ihrem Blick eigentlich für das Gefühl der Liebe, hat sich das durch Ihre ganze Recherche rund um das Thema Objektophilie eigentlich verändert?

Ahäuser: Nein, meine Wahrnehmung Gegenständen gegenüber hat sich überhaupt nicht verändert, sondern das war einfach …

Anwar: Nicht die Wahrnehmung gegenüber Gegenständen, gegenüber dem Gefühl der Liebe. Also haben Sie einen neuen Liebesbegriff für sich jetzt entwickelt oder entdeckt, dass es einfach auch andere Formen von Liebe geben kann, so meinte ich das.

Ahäuser: Ja, auf jeden Fall hat mich das Thema ja selbst überrascht, dass es so etwas gibt, und mir einfach gezeigt, wie vielfältig Liebe sein kann, ja.

Anwar: Ja, vielfältig und zu sehen in der Videoarbeit von Kathrin Ahäuser, dass es wirklich verschiedene Formen von Liebe geben kann. Zusammen mit anderen Kunstwerken ist das Ganze zu sehen in der Ausstellung "Liebes Ding – Object Love" im Museum Morsbroich in Leverkusen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die Ausstellung "Liebes Ding – Object Love" im Museum Morsbroich in Leverkusen ist vom 26.1. bis 26.4.2020 zu sehen. Lesen und hören Sie hier unsere Ausstellungskritik.

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