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Studio 9 | Beitrag vom 24.11.2014

ObdachloseÜber und unter den Gleisen zuhause

Dieter Starker war Gleisfeger und ist jetzt wohnungslos

Von Gerhard Richter

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(Deutschlandradio / Gerhard Richter)
Dieter Starker (Deutschlandradio / Gerhard Richter)

"Die Unsichtbaren" heißt eine Ausstellung im Berliner Hauptbahnhof. Darin sind die Porträts von 53 Obdachlosen zu sehen. Einer von ihnen ist Dieter Starker. Der 61-jährige versucht, sein Schicksal mit Humor zu meistern.

Dicke Lederschuhe, eine schwarze Lederhose, und eine dick gefütterte braune Nappalederjacke. Die Sachen stammen aus der Kleiderkammer der Bahnhofsmission. Sie sind zwar zusammengewürfelt, aber sehr praktisch für ein Leben draußen. Für ein Porträt ist sein Gesicht wie geschaffen: über einem frisch gestutzten grauen Vollbart strahlen zwei unglaublich hellblaue Augen. Die gehören schon immer zu ihm, genau wie sein Name.

Dieter Starker: "S-T-A-R-K-E-R"

Ansonsten besitzt er wenig. Dieter Starker ist 61. Er kommt täglich zur Bahnhofsmission, um an einem der braunen Resopal-Tische kostenlos und warm zu essen. Die meisten, die zum Essen kommen, schlafen draußen, manche in Hauseingängen, in Kellern oder sonstwo. Dieter Starker hat Glück. Er hat ein Zimmer in einem Obdachlosenwohnheim.

"Da kann ich mich nämlich Tag und Nacht aufhalten. Also auf Deutsch gesagt, ich brauch nicht am Tage raus, wenn ich das nicht möchte. "

Er möchte aber und er muss auch. Jeden Tag zieht er los, und sucht nach Pfandflaschen. In seiner Tüte sind heute grade mal zwei. Aber er hat Glück gehabt und einen Fünf-Euro-Schein gefunden. Viel Geld für ihn. Er lebt von Hartz IV und bessert damit seine Kasse auf. 270 Euro hat er im Monat. Deshalb kennt er noch mehr Orte, wo man günstig oder kostenlos essen kann. Im Franziskanerkloster in Pankow beispielsweise.

"Ich sag immer – wenn ich kein Geld habe, bin ich katholisch."

Ein einfacher und fröhlicher Mensch

Dieter Starker ist ein einfacher und ein fröhlicher Mensch. Seine Lebenssituation trägt er mit einem angeborenen Frohsinn.

"Ist ein Hobby von mir. Ich höre gerne Karnevalsmusik. Hab ich zuhause den Ernst Neger, Margit Sponheimer, Millowitsch, die Höhner, de Black Föß, also auf deutsch gesagt, alles was einen Namen auf sich gemacht hat. Und manch einer fragt dann, wer ist denn ditte. Und ich sag dann: Hast du die Melodie noch nie gehört? Humbahumbatäterä, RuckiZucki, Heile HeileGänsje und all sowas."

Dieter Starker lebt am sogenannten "unteren Ende der Gesellschaft". Auf der schattigen Rückseite des Bahnhofs. Seine lichtblauen Augen sehen jeden Tag das soziale Elend: Alkoholiker, gestrandete Einwanderer und psychisch Kranke. Hier in der Bahnhofsmission werden sie mit dem Nötigsten versorgt.

Mutter und die Reichsbahn

Als Kind geht Dieter Starker auf die Sonderschule. Mit 15 Jahren nimmt ihn seine Mutter mit zur Reichsbahn. Darauf ist er stolz. Sechs Generationen vor ihm waren schon bei der Bahn. Auch sein Vater, der sich aber nicht um ihn kümmert. Dieter Starkers Familie besteht aus seiner Mutter und der Bahn. Seine berufliche Karriere ist schnell erzählt.

"'68 hat alles angefangen, am Berliner Ostbahnhof als Bahnhofsfeger, also Bahnhofsreiniger, dann bin ich umgestiegen Neunzehnhundert ... ja 74, zur Reichsbahndirektion als Pförtner, ja, war ein besseres Leben. Und zum Schluss wieder Bahnhofsreinigung."

1983 zieht Dieter Starker in einen neugebauten Wohnblock, als einer der ersten Mieter. 1998 verliert er nach 30 Berufsjahren seine Arbeit. Der Abstieg beginnt. 2004 stirbt seine Mutter, die sich um ihn gekümmert hat, 2006 muss er aus der Wohnung raus.

"Ich bin wirklich nicht mehr in der Lage gewesen, das zu bezahlen."

Der Wohnblock wird auch gleich ganz abgerissen. Wo früher Heimat war, sind jetzt Trümmer. Es bleiben ihm Erinnerungen an eine gesicherte Existenz und ein Haufen Mietschulden. Zum Glück vermittelt man ihm ein Obdachlosenheim und eine Betreuung, die ihm aus dem gröbsten Schlamassel heraushilft. Mit seinen 61 Jahren hofft Dieter Starker immer noch auf Arbeit, er hat sich auch mal für einen Job beworben.

"Ich hatte mal versucht anzufangen, als Zeitungsverkäufer. Da warte ich heute noch drauf, auf den Bescheid, dass ich ihn kriegen soll."

Porträt in Lebensgröße

Die Hoffnung hält ihn aufrecht und die tägliche Routine führt ihn mit seiner riesigen roten Pfandflaschensammeltüte zur Bahnhofsmission. Dort steht er eine Stunde in der Kälte für eine warme Mahlzeit an. Über ihm rattern die Züge mit den Reisenden durch. Hunderttausende Fahrgäste sind an ihm vorbeigeeilt, über den Bahnsteig, den ER gefegt hat.

Aber kaum einer hat in seine hellblauen Augen geblickt. Jetzt wird der Unsichtbare sichtbar, sein Porträt wird im Bahnhof ausgestellt. Dieter Starkers Gesicht in Lebensgröße. Der nimmt's mit Humor.

"Dann kann ich immer sagen, guck mal, kennst du den?"


Die Ausstellung Die Unsichtbaren ist vom 24. bis 30. November im Berliner Hauptbahnhof zu sehen und zieht danach weiter in die Bahnhöfe Görlitz, Essen, Frankfurt, Hamburg Dammtor.

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