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Studio 9 | Beitrag vom 16.11.2019

Obdachlose in Los AngelesEine Laufgruppe gegen Sucht und Einsamkeit

Von David Bedürftig

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Die Laufgruppe des Skid Row Running Club in Los Angeles am noch du noch dunklen frühen Morgen. (Mark Hayes / Deutschlandradio)
Laufen gegen Sucht und Perspektivlosigkeit: der Skid Row Running Club. Hier joggen Obdachlose an der Seite von Bankern und anderen Gutverdienern. (Mark Hayes / Deutschlandradio)

Mitten in Los Angeles liegt das Viertel Skid Row, in dem etwa 15.000 Obdachlose leben. Viele sind drogenabhängig, etliche waren im Gefängnis. Eine Laufgruppe hilft, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen - und eine Art von Geborgenheit zu finden.

"Ich habe Drogen genommen, seit ich ein Kind war. Als ich 23 war, habe ich mir mein Genick bei einem Autounfall gebrochen und wurde abhängig vom Schmerzmittel Oxycodon. Von da an ging es wirklich bergab", sagt Ted Maguire - Komponist, mittelgroß, mit tätowierten Armen.

Er ist 38 Jahre alt und noch sichtlich gezeichnet von der langen Drogenabhängigkeit: Nervös fummelt er an seiner Uhr herum, die ums rechte Handgelenk baumelt, die linke Hand fährt durchs Gesicht oder kratzt die Nase, der Kiefer mahlt. Im Januar 2019 bringt ihn ein Freund zur Hilfsunterkunft Midnight Mission in Skid Row.

Der "Judge" kennt viele Läufer aus dem Gerichtssaal

Teil des angebotenen Hilfsprogramms dort ist eine Laufgruppe: Der Skid Row Running Club. Zweimal pro Woche treffen sich Drogensüchtige und Ex-Straftäter mit Menschen aus komplett anderen gesellschaftlichen Kreisen, um gemeinsam zu joggen. Ins Leben gerufen hat den Laufklub vor acht Jahren ausgerechnet ein Strafrichter. Craig Mitchell – braungebrannt, drahtiger Körper, die grauen Haare nach hinten gegelt, Anfang 60 – wird von allen nur "Judge" gerufen.

Der Richter Craig Mitchell hat die Laufgruppe für Obdachlose in Los Angeles ins Leben gerufen. Er trägt die Haare zurückgegelt und einen schwarzen Jogginganzug. (Mark Hayes / Deutschlandradio)Lauftgruppen-Gründer Craig Mitchell kennt viele der obdachlosen Mit-Läufer aus dem Gerichtssaal. (Mark Hayes / Deutschlandradio)

Viele der Schicksale seiner Läufer kennt er aus dem Gerichtssaal. Er sagt:

"Ich wusste, wie wichtig Laufen für meine körperliche und mentale Gesundheit ist. Und so schlug ich vor, den Laufklub zu starten.  Laufen kreiert chemische Reaktionen im Gehirn, die den Drang, Drogen zu nehmen, verdrängen."

Die Ultra-Reichen wohnen gleich um die Ecke

Um 5 Uhr morgens steht die Laufgruppe im Dunklen vor der Midnight Mission. Dehnübungen in bunten Laufklamotten neben schlafenden Obdachlosen. Zelt an Zelt reiht sich in der dunklen Straße im Zentrum von Los Angeles. Der ultrareiche Bankendistrikt liegt gleich um die Ecke. Es stinkt nach Urin. Im Bezirk Skid Row leben etwa 15.000 Obdachlose auf der Straße. In Zelten, Papphütten – oder eben einfach auf dem Gehweg.

Um 5.30 Uhr setzen sich die 20 Läufer in Bewegung: Drogenabhängige, Doktoren, verurteilte Verbrecher, IT-ler. Beim Laufen sind alle gleich.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal mache"

Lorenzo, ein ehemaliger Drogenabhängiger, der es dank des Laufklubs aus der Skid Row heraus schaffte, hat eine kleine Boombox für die Musik dabei. Langsam färbt sich der Himmel orange.

Ted Maguire sagt: "Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal machen würde. Früh aufstehen und Laufen gehen wäre normalerweise das Letzte, was ich gerne tun würde. Aber wenn ich meine Füße auf den Asphalt setze und loslaufe ist es, als würden meine Probleme verschwinden. Das ist ein Weg für mich, um aus der Realität zu flüchten."

Die anderen Läufer als Ersatzfamilie

Judge Mitchell nennt den Bezirk "die amerikanische Mülldeponie für Menschen, deren Leben den Bach runtergegangen ist". Aber er glaubt nicht, dass ein gewalttätiger Akt eine Person in ihrer Gesamtheit definiert. Mit seiner Laufgruppe will er die unterstützen, die gewillt sind, sich zu verändern: "Der Skid Row Running Club sorgt bei den Leuten hier für ein Gefühl der Gemeinschaft. Sie haben aufgrund ihrer Abhängigkeit mit ihren Familien gebrochen, haben Ehen und Jobs verloren. Jetzt gibt es hier eine Gruppe von 20 bis 30 Leuten, die sich um sie kümmern und sie schätzen."

Ein Geburtstagsständchen erklingt. "Heute gab es zum Beispiel einen Geburtstagskuchen für einen der Läufer. Oftmals ist das die einzige Geburtstagsfeier, die sie bekommen. Wir versuchen auch Geschenke, wie neue Laufschuhe, zu organisieren. Dadurch fühlen die Läufer sich gut. Sie merken, dass sie nicht komplett vergessen wurden. Wir sind zwar kein Ersatz für eine wirkliche Familie, aber wir sind nah dran."

"Ich hatte lange keine Freunde mehr"

Ein Jahr muss Ted Maguire clean bleiben, darf die Mission nur für bestimmte Aufgaben verlassen. Draußen dreht sich das Leben weiter, für Maguire steht es still. Der 38-Jährige hat nicht viel, auf das er sich freuen kann. Die Joggingeinheiten sind sein einziges Highlight, sagt er.

"Richter Mitchell sagt mir ‚Hallo‘ am Morgen, und alle Leute geben mir die Hand. Dann laufen wir und quatschen darüber, was in unseren Leben gerade so los ist. Ich hatte lange keine Freunde mehr und war kein Teil von etwas. Durch den Skid Row Running Club habe ich wieder Leute, die mich wertschätzen."

Er nennt den Laufklub sein "spirituelles Erwachen", einen "eye-opener". Für Richter Mitchell ist er noch mehr: "Es ist eine Erfahrung, die zutiefst verändert, wie Menschen sich betrachten und begegnen. Wenn man sich nach einem Lauf umschaut, wie alle sich umarmen und miteinander lachen: Das zeigt, wie gleich wir eigentlich alle sind."

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