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Länderreport | Beitrag vom 07.01.2020

Obdachlose Frauen Ein verstecktes Leben ohne eigene Wohnung

Von Stephanie Gebert

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Eine Obdachlose Frau schiebt im Bezirk Mitte auf dem Alexanderplatz bei einbrechender Dämmerung ihre Habe in zwei Einkaufswagen über den Platz.  (picture alliance/dpa/Wolfram Steinberg)
Zu wenig Wohnraum, fehlende soziale Absicherung und geringe Einkommen sind oft Gründe für Wohnungslosigkeit. Frauen sind besonders betroffen. (picture alliance/dpa/Wolfram Steinberg)

Frauen sind auf besondere Weise von Obdachlosigkeit bedroht. Wenn eine Beziehung zerbricht oder die Rente nicht reicht, verlieren manche von ihnen die Wohnung. Hilfsangebote können sie unterstützen, aber es gibt zu wenige, beklagen Sozialarbeiter.

"Dann ist hier eine Kleiderkammer, es gibt auch viel Spenden und so, die wir dann hier anhängen", erklärt Iris. Zu Besuch im Frauentreffpunkt Sophie in Berlin-Mitte. "Dann sind hier die Duschen." Werden die viel genutzt? "Ja, sehr viel. Ach ja, und hier sind Waschmöglichkeiten."

Die Sophie – eine Anlaufstelle für Frauen, die mit ihrem Geld kaum über die Runden kommen. Hier gibt es etwas Warmes zu essen, etwas zum Anziehen und Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung. Studentinnen nutzen die Sophie genauso wie Alleinerziehende und Rentnerinnen.

Iris – die ihren vollständigen Namen lieber nicht sagen möchte – weist alle Neuankommenden ein. Die 53-Jährige kennt viele der Besucherinnen und ihre bewegenden Schicksale. Auch aus eigener Erfahrung weiß sie, wie es ist, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Es ist nicht lange her, dass die hochgewachsene Frau mit dem festen Händedruck selbst am Ende ihrer Kräfte war: Ihr Partner schlug und quälte sie. "Mein Selbstbewusstsein war ganz tief im Keller. Ich habe immer nur ja und Amen gesagt – zu allem, hab schön gehorcht. Bis dann irgendwann der Punkt kam, wo die Gewalt sehr nah an mir war, mit Feuer und so, wo ich dann gesagt habe: Nein!"

Trennung von gewalttätigem Mann

Nach zehn Jahren Beziehung trennte sich die gebürtige Berlinerin endlich von dem gewalttätigen Mann. Vorher war Iris unzählige Male aus der gemeinsamen Wohnung in Neustadt in Rheinland-Pfalz geflohen: "Ich hab dann auch draußen geschlafen oder bei minus 20 Grad mich irgendwo im Schuppen versteckt und hab da geschlafen, damit er mich nicht findet."

Sicherer fühlte sich Iris im Auto. Dort hatte sie immer eine Tasche mit Kleidung liegen – für den Notfall. Besonders in den Nächten war der Wagen ein gutes Versteck – vor der Gewalt und vor neugierigen Blicken.

"Immer das Auto abgeschlossen auch von innen und kein Radio an. Nichts, ich habe immer hinten im Sitz gelegen, damit mich keiner sieht", sagt sie. "Und teilweise habe ich das auch mit den Decken abgedeckt. Ich habe mich immer so in die Ecken gestellt oder in die bestimmten Straßen gestellt, wo keine Leute lang laufen."

Unsichere Wohnsituation für Frauen

Häusliche Gewalt ist ein Grund, warum Frauen ihre Wohnung verlieren. Ein weiterer Grund ist die unsichere Wohnsituation vieler Frauen, weiß Katja Caliebe aus Erfahrung.

Die rothaarige Frau mit den vielen Sommersprossen im Gesicht arbeitet seit Jahren als Sozialarbeiterin in der Obdachlosenhilfe: "Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie faktisch wohnungslos sind. Also wenn sie jetzt eine Partnerschaft eingehen und zu dem Mann ziehen und gar nicht im Mietvertrag drinstehen. Und wenn jetzt die Partnerschaft in die Brüche geht, heißt das: Die Frau hat keinen Platz mehr zum Wohnen."

Und sie hat kein Recht, zu bleiben. Also muss eine neue Unterkunft her. Nach häuslicher Gewalt wäre das Frauenhaus eine Lösung. Allerdings gibt es zu wenige Plätze in Deutschland und die sind meist belegt. Wer sich dann auf die Suche nach einer eigenen, bezahlbaren Wohnung macht, wird schnell desillusioniert, sagt Caliebe und zuckt mit den Schultern, besonders in den Großstädten.

"Es sind zu wenige Wohnungen vor allem für alleinstehende Menschen da", erklärt sie. "Also: Alleinstehenden Menschen steht ein Wohnraum von 50 Quadratmetern zu. Und was drüber ist, da ist fraglich, ob Sozialamt oder Jobcenter das dann finanzieren. Die haben eine Obergrenze."

Beengter Unterschlupf bei Freunden

Auch Ilse Kramer fand lange keine neue Bleibe. Die 63-jährige Kölnerin hatte erst ihren Job und dann die Wohnung verloren, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnte.

Den Tag, als die Kündigung auf dem Tisch lag, im November 2007, wird sie so schnell nicht vergessen: "Ziemlich schockreich. Zumal ich hab die Kündigung bekommen und bin dann zum Wohnungsamt und die haben gesagt: Drei Monate Verlängerung, mehr nicht. Zu der Zeit war ich aber noch ein bisschen blöd und habe da nicht weiter drüber nachgedacht."

Die Naivität half der kleinen Frau mit dem leicht gebückten Gang nicht. Sie musste raus aus der Wohnung. Ilse Kramer fand Unterschlupf bei Freunden. Erst nahm ein ehemaliger Nachbar sie für ein paar Monate auf, dann eine Bekannte mit kleinen Kindern. Aber es waren beengte Verhältnisse. Meist bliebt nur das Sofa für die Nacht und ein bisschen Platz für ein paar Habseligkeiten.

"Du hattest keinen eigenen Raum", sagt sie. "Du warst halt drauf angewiesen: Hoffentlich ist die jetzt nicht besoffen, so dass du da nicht in die Wohnung reimkommst. Oder du musst aufpassen, du darfst die nicht sauer machen. Und du darfst nicht anecken."

Prostitution für eine Übernachtung

Monatelang ging es für Ilse Kramer so weiter: Übernachten in der U-Bahn-Haltestelle oder im Park kam für sie nicht infrage und deshalb zog sie von Sofa zu Sofa, von Unterkunft zu Unterkunft. Couchsurfing ist ein bekanntes Phänomen bei weiblichen Wohnungslosen und ein Grund, warum von verdeckter Obdachlosigkeit die Rede ist.

Das Übernachten bei Bekannten schützt die Frauen vor Übergriffen in aller Öffentlichkeit. Aber auch bei dem ständigen Wechsel der Wohnung können neue Abhängigkeiten entstehen.

Ilse Kramer berichtet von Frauen, die sich prostituieren, um eine Nacht in einem Bett schlafen zu können: "So lange ich weiß, dass ich zehn Freunde habe, wo ich jeweils drei Nächte schlafen kann, ist das alles in Ordnung, Wenn ich aber drei Mal die Woche abends in irgendeine Kneipe gehen muss, und darauf hoffe, dass ein Typ mich abschleppt oder so, dann wird es gefährlich. Und parierst du nicht, bist du draußen."

Auch diesen Weg musste Ilse Kramer niemals gehen. Sie fand nach 14 langen Monaten ohne eigenes Dach über dem Kopf ein neues, bezahlbares Zuhause. Die Initiative Wohnen, Bauen, Arbeiten vermietet auf einem ehemaligen Kasernengelände in Köln Ein-Zimmer-Wohnungen für einen kleinen Preis. Dort kam Ilse Kramer unter.

Keine speziellen Hilfsangebote für Frauen

Weil die weibliche Wohnungslosigkeit oft verdeckt abläuft, existierten in Deutschland lange keine speziellen Hilfsangebote für Frauen. Erst Mitte der 1990er-Jahre gab es wissenschaftliche Untersuchungen über die Bedürfnisse von Frauen auf der Straße und dann auch entsprechende Anlaufstellen.

Hier haben Männer aus guten Gründen keinen Zutritt, findet Sozialarbeiterin Katja Caliebe vom SKF, Sozialdienst katholischer Frauen in Köln: "Da spielen Gewalterfahrungen dann auch oft eine Rolle. Entweder haben die Gewalterfahrungen zur Wohnungslosigkeit geführt oder sie sind später mal Gewalterfahrungen begegnet oder mussten sie durchleiden. Ich glaube, dass das Schutzbedürfnis von Frauen dementsprechend höher ist."

Katja Caliebe ist beim SKF für das Quartier 67 zuständig – eine Art WG für ehemals wohnungslose Frauen über 60 im Kölner Westen.

Tendenz zum Verwahrlosen

Gerade ist Aufbruchsstimmung in der WG: Gemeinsam wollen die Frauen um die Ecke in ein Café zum Waffeln essen gehen. Unternehmungen in der Gruppe – ein Erlebnis, das viele Bewohnerinnen lange Zeit in ihrem Leben entbehren mussten, erzählt die Sozialarbeiterin des Quartiers.

In dem Haus haben sechs Frauen Platz. Jede hat ihr eigenes Zimmer mit Küchenzeile und Bad und es gibt einen Gemeinschaftsraum mit Sofa und Bücherregal. Bei Bedarf hilft eine Hauswirtschafterin beim Aufräumen und Wäschewaschen. Denn nach vielen Jahren auf der Straße haben einige Bewohnerinnen die Tendenz, zu verwahrlosen.

Außerdem gibt es eine Krankenschwester, wenn eine der Seniorinnen Medikamente nehmen muss. Auf diese Hilfe ist Heide bislang nicht angewiesen. Die kleine, drahtige Frau mit dem Pagenkopf ist 69 Jahre alt. Sie möchte ihren Nachnamen lieber nicht im Radio hören.

Nachdem Heide von Berlin nach Köln zog, fand sie keine Bleibe, die sie mit ihrer Rente bezahlen konnte. Das Wohnungsamt steckte die Seniorin monatelang in eine feste Wohnunterkunft für Obdachlose. Von den Betreibern werden diese Häuser beschönigend Hotel genannt. Heide kann darüber nur lachen. Sie sagt, in Köln seien es oft trostlose, heruntergekommene Zimmer, die schon lange niemand mehr renoviert hat.

Diesen Raum müssten sich die Wohnungslosen mit anderen teilen: "Immer mit einem auf dem Zimmer, mit dem einen nichts verbindet. Und man muss wirklich sich vor dem ausziehen, waschen und … Man muss alles mit dem teilen, als wenn man mit dem verheiratet wäre. Selbst meinen Ehemann will ich nicht Tag und Nacht um die Ohren haben."

Wieder ein normales Leben führen

Nach Monaten in der Unterkunft wurde der Platz für Heide im Quartier 67 frei. Seitdem hat die Rentnerin das Gefühl, wieder ein "normales" Leben zu führen, wie sie sagt: "Ich kann selber bestimmen, was ich tue, wann ich es tue. Ich bin ja auch nicht mehr berufstätig. Das heißt, ich kann über die Zeit und den Raum, den ich zur Verfügung habe, frei verfügen. Wenn ich mal zu nichts Lust habe, dann mach ich nichts. Und wenn ich nachts basteln will, dann bastle ich nachts. Ich störe niemanden."

Rückblickend erinnert sich Heide kaum, wie sie die Tage rumbekommen hat, als sie ohne eigenes Zuhause war. Sie habe viel gelesen, sagt die Rentnerin, und sich gerne in der Kölner Stadtbibliothek aufgehalten. Wichtig war ihr, nicht als Obdachlose erkannt zu werden. Heide hat nach eigener Aussage penibel auf ihr Aussehen geachtet: saubere Kleidung, keine großen Einkaufstüten mit Kleidung dabei, nur leicht geschminkt.

Ebenfalls ein Spezifikum wohnungsloser Frauen, weiß Sozialarbeiterin Caliebe: "Ich kenne viele wohnungslose Frauen, denen sieht man das gar nicht an. Die würden niemals auffallen und die sind auch sehr bedacht darauf. Auch die Würde zu bewahren, darum geht das auch. Ich glaube, bei Frauen ist dieses Bedürfnis noch viel größer."

Oft landen ältere Frauen auf der Straße

Ihr Projekt für Seniorinnen, das Quartier 67, ist ein einmalig in Nordrhein-Westfalen. Dabei ist der Bedarf groß, kritisiert Caliebe. Nach jüngsten Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gibt es in Deutschland mindestens 59.000 wohnungslose Frauen. Tendenz steigend. Und auch die Zahl der älteren Frauen ohne Obdach steigt.

"Als ich in der Wohnungslosenhilfe angefangen habe zu arbeiten, war ich überrascht, es sind vor allem ältere Frauen", sagt sie. "Ich habe gedacht, es sind die jüngeren, die auf der Straße leben. Aber es sind vor allem die älteren Frauen, die vielleicht gar nicht auf der Straße gelebt haben, sondern in einem Wohnraum waren und dann kann der plötzlich nicht mehr finanziert werden."

Etwa weil der Partner verstorben ist oder der Elternteil, der gepflegt wurde, so Caliebe weiter. Und dann kann es passieren, dass die Wohnung zu groß und die Rente zu klein ist. Nach Jahren des eigenständigen Lebens ist es für die betroffenen Frauen oft besonders hart, sich einzugestehen, dass sie Hilfe benötigen.

"Das heißt, die Frau müssten dann den Gang zum Sozialamt machen und diese ganzen Anträge stellen und da durchgehen", sagt Katja Caliebe. "Und viele Frauen wissen das entweder nicht oder sie schämen sich auch dafür zu sagen: Jetzt muss ich ja von anderen leben."

Und nicht nur die Scham, auf Kosten anderer Leben zu müssen, hält viele Frauen davon ab, sich Hilfe bei den Ämtern zu holen.

Demütigende Erfahrungen

Zurück im Frauentreffpunkt Sophie in Berlin-Mitte. Es ist ein typischer Novembertag. Ein gutes Dutzend Frauen haben sich vor dem nasskalten Wetter inzwischen in den gemütlichen Kellerraum der Einrichtung geflüchtet. Sie sitzen am langen Tisch vor einer Küchenzeile – einige essen und unterhalten sich, andere starren ins Leere, schlafen oder sind in ein Buch vertieft.

Iris, die sich nach langer Odyssee von ihrem gewalttätigen Freund getrennt hat, eröffnet das Mittagsbüffet: Es gibt gefüllte Zucchini mit Brot und Reis. Die 53-Jährige hat nach Monaten auf der Straße eine eigene Wohnung in Berlin gefunden. Die Sozialarbeiterin in der Sophie hat sie dabei unterstützt.

Und sie hat ihr auch einen Job angeboten. Als Köchin und erste Ansprechpartnerin für Besucherinnen kann Iris in der Einrichtung der Koepjohannschen Stiftung ein bisschen Geld dazuverdienen.

Beim Jobcenter und bei anderen Ämtern hat sie bislang vor allem demütigende Erfahrungen gemacht: "Wenn man schon selbst kein Selbstbewusstsein mehr hat oder die Stärke gar nicht hat und man geht da irgendwo hin und möchte Hilfe haben und die Frau dort dann so mit dir spricht, dann sagst du automatisch: Da geh ich nicht mehr hin, dann bleib ich lieber auf der Straße."

Um genau das zu verhindern, gibt es Einrichtungen wie den Frauentreffpunkt Sophie. Hier begleiten Sozialarbeiter die Frauen zu Ärzten und Ämtern. In Deutschland gibt es solche Angebote allerdings meist nur in den Ballungsgebieten und in Großstädten, beklagen Sozialdienste. Dabei können ein geschützter Raum und professionelle Unterstützung für Frauen wie Iris, Heide oder Ilse Kramer ein Rettungsanker sein, um zurückzufinden in einen geregelten Alltag mit Würde und eigenem Dach über dem Kopf.

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