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Fazit | Beitrag vom 12.10.2019

Nuuk Festival auf GrönlandPopkultur in der Abgeschiedenheit

Von Max-Marian Unger

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Der winterlichen Hafen von Nuuk (Grönland). (picture alliance / Mads Pihl / Visit Greenland A/S/dpa)
Der winterliche Hafen von Nuuk. An- und abreisen kann man nur per Schiff: Wer zum Nuuk-Festival kommt, kann so schnell nicht wieder weg. (picture alliance / Mads Pihl / Visit Greenland A/S/dpa)

Karge Natur, viele Gletscher, Schneestürme und wenig Vegetation: In dieser Umgebung findet in Grönlands Hauptstadt zum dritten Mal das Nuuk Nordisk Kulturfestival statt - ein popkultureller Mix aus Konzerten, Performance und Ausstellungen.

In sanften Wellen schwappt das Nordpolarmeer an den Strand der Hauptstadt der größten Insel der Welt. Eine Eisscholle treibt in der Bucht, Kinder spielen im Sand. Vom Strand aus kann man die Stadt in 30 Minuten mit dem Auto erfahren, im Kreis, an- und abreisen jedoch nur per Schiff oder Flugzeug. 

"Hier ist man in einer Umgebung, die es einem unmöglich macht, einfach zu gehen. Es ist kein Tagesausflug, weil: Es ist nicht mal möglich, am selben Tag aus Grönland an- oder abzureisen." Frei nach dem Motto, wenn man einmal da ist, kommt man nicht wieder weg.

Kontaktbörse für Kreative

Die Norwegerin Madelaine Gordon Graadahl leitet das diesjährige Nuuk Nordisk Kulturfestival. Die Veranstaltung ist eine kulturelle Plattform und Kontaktbörse für Künstler und Künstlerinnen der nordischen Kultur, mit dem Ziel die Verbindung dieser Länder zu stärken. In diesem Jahr findet es unter dem Motto "Welcome home" statt.
 
"Die Idee des Festivals war es, den ganzen Norden zu uns nach Hause einzuladen. Weil wir uns nicht ohne Anlass besuchen, haben wir einen richtig guten Grund gesucht, damit die Leute kommen. Was das Festival so besonders macht: Wir haben zum Beispiel die Schwimmhalle zu einem Veranstaltungsort gemacht. Und für die Eröffnung hatten wir das Einkaufszentrum zum Leben erweckt."

Einkaufszentrum als kultureller Ort

Umrandet von Rolltreppen, künstlichen Zierpflanzen und Bedarfsläden, eröffnet das Festival in einem Einkaufszentrum. Ein seltener kultureller Ort. Die Blicke der Leute zeigen aber, welche Bedeutung es für sie hat, dass sich ihr Land der Welt gegenüber öffnet. Auch wenn Trump in diesem Jahr die eigentliche PR für Grönland gemacht hat, die Kultur leistet ihren Teil. Schauspieler Klaus Geisler:
 
"Das Festival ist so wichtig für uns Grönlander, weil wir in einer immer globaleren Welt auch unseren Gästen von außerhalb all unsere Künste zeigen können – von Musik über Theaterstücke bis hin zu Ausstellungen. Denn, um ehrlich zu sein, weiß das südlichere Europa gar nicht, wo Grönland ist." 

Das Haus mit dem großen Graffiti ist Teil des Festivals, dort findet die Performance Narsarsuaq-Sletten statt. (Deutschlandradio / Max-Marian Unger)Das Haus mit dem großen Graffiti ist Teil des Festivals, dort findet die Performance Narsarsuaq-Sletten statt. (Deutschlandradio / Max-Marian Unger)
Geisler gehört zu einer Gruppe grönländischer Performance-Künstler, die mitten in Nuuk, im Narsarsuag-Sletten, eine fünfteilige Performance der dänischen Regisseurin Hanne Trap Fries aufführen. Die Darbietung steht exemplarisch für den popkulturellen Charakter des gesamten Festivals. Narsarsuaq, auf deutsch Sumpf, ist das Resultat der erzwungenen Urbanisierung Grönlands durch die dänische Regierung in den 60er-Jahren. Damals wurden vielen Dörfer entlang der Küste geschlossen und ihre Bewohner in Betonwohnblöcken der Großstädte zwangsangesiedelt. In Nuuk sind es die Blöcke 1-10, erzählt Regisseurin Fries:
 
"Weil dieses Areal mitten in der Stadt gebaut wurde, wollte ich, dass das Festival hier stattfindet. Ich wollte mit fünf unterschiedlichen Theaterformen mit professionellen Schauspielern die Wohnungen nutzen: Tanz, Performance, Monolog, Thriller und Tragödie. Und weil es um grönländische Geschichte geht, war für mich klar, dass es grönländische Schauspieler sein mussten."

True Crime als Performance

Zwei von ihnen erzählen in "Remember Lisa" die wahre Geschichte eines brutalen Mordes an einer Frau in den 80er-Jahren. Damals wird Lisa in einem der Wohnblöcke mit einem Hammer erschlagen. Es ist einer von drei grönländischen Morden, die bisher unaufgeklärt blieben. Die Polizei ermittelt noch immer und hofft auf neue Erkenntnisse durch die Performance. Klaus Geisler erzählt:
 
"Das war sehr intensiv, auch für uns als Schauspieler, denn wir wussten, dass im Publikum Familienmitglieder der Verstorbenen saßen, und waren besorgt, wie sie wohl reagieren würden. Tatsächlich habe ich nach einer Show noch nie so eine Stille erlebt. Es war sehr besonders und sehr hart. Wir arbeiten hier mit der Polizei zusammen, mit den Ermittlern und vielleicht wird herauskommen, wer sie getötet hat." 
 
Das Nuuk Nordisk setzt – rein von der Anzahl – einen klaren Fokus auf lokale Künstler, der sich durch die enge Zusammenarbeit aller Nationen im Erleben jedoch keinesfalls in den Vordergrund schiebt – weder bei einer Fotoausstellung, noch auf der Bühne. Es entsteht vielmehr ein Eindruck der Einheit, aus dem Tiefe und Ausgewogenheit in einer Art resultiert, die als Mitteleuropäer nicht leicht zu verstehen, doch aber sehr wohl zu spüren ist. Willkommen zu Hause.

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