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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.07.2016

Nuran Calis inszeniert "Gold"Zoff im Garderobencontainer

Michaela Steiger in der Rolle der Lotte Jünger (Brünhild die Ältere) bei der Probe für das Stück "Gold. Der Film der Nibelungen" der Nibelungen-Festspiele am 12.07.2016 in Worms (Rheinland-Pfalz). (dpa / picture alliance / Andreas Arnold)
Sorgt für jede Menge streit am fiktiven Filmset: Brünhild - gespielt von Michaela Steiger. (dpa / picture alliance / Andreas Arnold)

Für die Uraufführung von "Gold. Der Film der Nibelungen" bei den Festspielen Worms wurde die Freiluftbühne zum Filmset. Autor Albert Ostermaier erzählt von einem Dreh, bei dem der Königinnenstreit der Nibelungensage eskaliert: eine funkelnde Inszenierung mit Lust am Spektakel.

Einen Film zu drehen, heißt es einmal in Albert Ostermaiers zweitem Stück in seiner Nibelungen-Trilogie für Worms, das sei wie mit einem Drachen zu kämpfen. In "Gold" handelt es sich allerdings um ein besonders furchteinflößendes, weil vielköpfiges Ungetüm. Wenn der Film der Drache ist, sind seine Macher dessen Häupter: der Regisseur, die Schauspieler, der Drehbuchautor oder der Produzent - sie alle speien Gift und Galle.

Konkurrenzkampf zweier Diven

"Gold" ist ein Making-of-Drama, bei dem der Wormser Dom zur Kulisse für den Dreh zu einem Nibelungen-Fantasy-Film wird, auf den ein trashiger Trailer schon mal einen Vorgeschmack gibt. Der Videoclip ist auf einer Großleinwand zu sehen, die die rechte Hälfte des Bühnenbilds von Irina Schicketanz beherrscht, während sich links auf einem Podest ein gläserner Garderobencontainer erhebt, der zugleich wie ein Käfig für die Schauspieler wirkt. Wie Raubtiere wüten sie darin, immer kurz davor, einander zu zerfleischen. Wohlgemerkt: Nicht die Fernseh- und Theaterstars Uwe Ochsenknecht, Josef Ostendorf oder Dominic Raacke, die in Worms in ihren Rollen als Produzent, Drehbuchautor oder Society Reporter auf der Bühne stehen, fallen übereinander her, sondern die fiktiven Filmstars und übrigen Film-People, die sie in "Gold" spielen.

Medienprobe bei den Wormser Nibelungen-Festspielen. (dpa / Andreas Arnold)Glitter-Inszenierung: "Gold" bei der Wormser Nibelungen-Festspielen. (dpa / Andreas Arnold)

Die Nibelungensage gibt es diesmal nur in Fragmenten, in kurzen Kameratakes, wobei sich die beiden Handlungsebenen von Ostermaiers Stück überlagern. Wenn sich beispielsweise beim Dreh der Streitszene zwischen Brünhild und Kriemhild, wem der Vortritt in den Wormser Dom gebührt, die Königinnen in die Haare bekommen, spiegelt sich in dieser Filmhandlung auch der Konkurrenzkampf der beiden Diven, die sie verkörpern. So übersetzt Ostermaier die Leidenschaften des urdeutschen Sagen-Personals, dessen Eifersucht, Rachegelüste und Ränkespiele in die Emotionen heutiger Figuren.
Ganz offenkundig hat der Münchner Dramatiker dazugelernt. "Gemetzel", sein erstes Wormsers Stück aus dem vergangenen Jahr, hatte zwar einen reißerischen Titel, bot aber eher ein Gemetzel der Seelen als ein freilichtbühnenwirksames Blutbad.

Eine grobe, laute, saftige Filmset-Satire

"Gold" nun ist eine Filmset-Satire - gröber, lauter, saftiger, voller Seitenhiebe auf die Film- und Fernsehbranche und damit auch selbstironisch im Umgang mit den Nibelungen Festspielen, die in den nunmehr 15 Jahren ihres Bestehens stets auf TV-Prominenz im Ensemble gebaut haben. Dabei scheut Ostermaier weder Kalauer noch Klischees. Der Regisseur - gespielt von Vladimir Burlakov im bruchlos gleichbleibend aasigen Modus - ist ein Egomane, der Drehbuchautor ein verkanntes Genie - und bei Josef Ostendorf ein wunderbar tragikomischer Trauerklos -, während von den Diven die eine besorgt ist um ihre Porno-Vergangenheit, die auffliegen könnte - Katja Weitzenböck als tränenreiche Tragödin -, und die andere das armselige Musterbeispiel einer Schnapsdrossel abgibt - schön abgehalftert: Michaela Steiger.

Mit Lust am großen Spektakel

Nuran David Calis hat das alles mit Lust am Spektakel als großen Filmzirkus inszeniert, wobei eine live-aufspielende Balkan-Brass-Band die Handlung vorantreibt. Deren satter Sound schafft zwar einen Sog, die Wahl der Musikrichtung aber wirkt seltsam beliebig. Was die Bläsercombo am Filmset verloren hat, erschließt sich nicht. Gleichwohl: Wirkungssicherheit kann man Calis nicht absprechen. Was auf der cinemascope-breiten Domplatzbühne nicht das Schlechteste ist.

Grell funkelnde, satirische Zerrbilder

Schade nur, dass die gefällige Oberfläche alles überstrahlt, wo doch Text und Inszenierung stellenweise auch Tiefe zu bieten haben. Albert Ostermeier hat allen Figuren Augenblicke der Innenschau geschenkt. Monologe, in denen er hineinzoomt in die Abgründe der Charaktere und so die hochtourige Handlung durch wohltuende Ruhepole strukturiert. Auch Calis hält für diese Bekenntnisse das aufgeputschte Treiben an und zeigt die Schauspieler auf der Großleinwand in Close-ups: Livebilder, die er mit vorproduzierten Portraitaufnahmen der Sprecher überblendet. Es sind Momente, in denen Menschen hinter den fratzenhaften Masken und satirischen Zerrbildern hervortreten. Momente wie Geschenke an die Darsteller aber auch die Zuschauer. Bloß, dass diese Momente in eine Inszenierung verpackt sind, die wie goldglänzendes Geschenkpapier so grell funkelt und laut knistert, dass der kostbare Inhalt kaum zur Geltung kommt.

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