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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.03.2013

Nur moderierte Chats für Kinder

Bayerische Jugendschützerin sieht Betreiber in der Bringschuld

Moderation: Joachim Scholl

Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, wie sie im Internet agieren. (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)
Eltern sollten mit ihren Kindern darüber sprechen, wie sie im Internet agieren. (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)

Schon Zehnjährige chatten im Internet und nutzen Skype, doch auch Pädokriminelle tummeln sich dort zuhauf. Die bayerische Jugendschützerin Verena Weigand plädiert für mehr Verantwortung seitens der Betreiber solcher Chats. Dazu gehöre auch die Registrierung nur mit Klarnamen und wirksame Kontrollen.

Joachim Scholl: Sie heißen knuddels.de oder wuschelchat.de – Internetforen für Kinder, leicht und kindgerecht zu bedienen. Und kinderleicht ist es auch für kriminelle Erwachsene, über diese Chatrooms Kontakte zu knüpfen. Dass dies leider Viele tun, hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem Undercover-Versuch jüngst nachgewiesen. Mit dem schockierenden Ergebnis, dass kein Kind davor gefeit ist, ja im Gegenteil, sowie sich ein kleines Mädchen als solches zu erkennen gibt, bekommt es einschlägige Post mit sexueller Anmache, Obszönitäten und auch Bildern. Am Telefon begrüße ich jetzt Verena Weigand, sie arbeitet als Jugendschutzreferentin bei der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien. Guten Morgen, Frau Weigand!

Verena Weigand: Guten Morgen!

Scholl: Was die Kollegen der "FAS" herausgefunden haben, verschlägt einem den Atem. Ihnen auch, Frau Weigand, oder seufzen Sie nur und sagen, kennen wir leider alles schon?

Weigand: Wir kennen es leider, und wir kennen es leider auch schon seit Jahren. Das heißt aber nicht, dass es einem da nicht trotzdem immer wieder den Atem verschlägt, wie diese ganzen Entwicklungen auch zunehmen und offensichtlich auch Eltern relativ wenig darüber wissen.

Scholl: Ausnahmslos jeder Chatversuch fand eindeutige sexuelle Antworten. Das heißt im Klartext, sowie sich ein Mädchen, ein Kind in einem solchen Chatroom tummelt, wird es zum Opfer?

Weigand: Das halte ich für sehr wahrscheinlich. Ob es jetzt wirklich zu 100 Prozent ist oder zu 90 Prozent, ist ja eigentlich egal. Allein die Tatsache, dass das in solchen Mengen auftritt, dieses Phänomen ist schlimm genug, und das können wir leider aus unserer Erfahrung heraus auch bestätigen.

Scholl: Nun betonen die Macher jener Foren, dass sie Kinderschutzsicherungen eingebaut haben. Warum reichen diese anscheinend nicht aus?

Weigand: Das hat verschiedene Gründe: Also man muss einmal sehen, es gibt natürlich seriöse Betreiber, es gibt aber auch weniger seriöse Betreiber, die sich trotzdem an Kinder richten und die dann etwas laxer mit diesen Notfallmaßnahmen umgehen. Und es ist natürlich auch so, dass bei so einer großen Menge von Kindern, die teilweise sich in diesen Chats bewegen – oder Menschen, muss man sagen, es sind ja eben nicht nur Kinder –, das auch relativ schwierig ist, da den Überblick zu behalten, also für einen Moderator beispielsweise, wenn denn der Chat moderiert ist.

Scholl: Was heißt das, moderiert, der Chat?

Weigand: Das heißt, es ist ein Erwachsener in dem Chat anwesend, der mitliest und der dann eben auch eigentlich dazu da sein sollte, solche Dinge zu unterbinden.

Scholl: Und das passiert zu wenig?

Weigand: Das passiert in manchen Chats gar nicht. Also das ist jetzt erst mal auch für Eltern so der erste Tipp, jüngere Kinder natürlich überhaupt nur in Chats zu lassen, die moderiert sind, aber es gibt auch Kinderchats, die überhaupt keinen Moderator haben.

Scholl: Wir haben gestern im Zuge unserer eigenen Recherchen mit etlichen Experten gesprochen, die alle sagten, genau so wenig, wie technisch etwas gegen diesen Missbrauch zu machen ist, oder genau so schwer, wie technisch etwas gegen diesen Missbrauch zu machen ist, so schwierig ist auch die juristische Verfolgung. Erklären sie es uns, Frau Weigand, und unseren Hörern, die jetzt automatisch fragen, dass solchen Kriminellen doch auf die Spur zu kommen sein muss.

Weigand: Na ja, also erst mal kommt es natürlich drauf an, was es für ein Ausmaß der Anmache oder der Anbahnung ist. Das heißt, es muss eben auch wirklich strafrechtlich relevant sein, was derjenige im Chat von sich gibt oder was er dort tut. Das ist nicht immer der Fall, und das zweite, was es schwierig macht, ist die Beweissicherung, das heißt also, man müsste von dem Chat einen Screenshot machen in dem Moment, muss sich genau die Zeit aufschreiben und das Datum und so weiter, und das ist natürlich für Kinder eine Überforderung, die in so einer Situation da gar nicht so kühlen Kopf bewahren können, das heißt, da müssten im Prinzip ja eigentlich Eltern dabei sein.

Dann ist ein weiterer Punkt, dass Kinder sich auch schämen, dass sie also auch gar nicht ohne Weiteres dann weiter damit konfrontiert werden wollen, sondern das Ganze wegdrücken und wegklicken. Also es gibt eine ganze Reihe von Schwierigkeiten hier bei der polizeilichen Verfolgung. Übrigens auch die Tatsache, dass in vielen Chats ja der Name gar nicht angegeben werden muss. Das heißt, man muss sich gar nicht registrieren, und dann ist es natürlich auch schwieriger, denjenigen zu ermitteln.

Scholl: Sexuelles Mobbing, Angriffe gegen Kinder im Internet – im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur ist die Jugendschutzreferentin der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien, Verena Weigand. Wenn uns jetzt Eltern zuhören, Frau Weigand, wie kann man Kinder vor solchen Erlebnissen schützen, was können Eltern tun?

Weigand: Ich fange jetzt mal so ganz grundsätzlich an und sage, man muss sich die Frage stellen: Ist es überhaupt notwendig, dass Kinder im Alter von zehn oder zwölf überhaupt in Chatrooms gehen? Was gibt es da eigentlich für einen Grund, dass sie mit völlig Fremden Kontakt aufnehmen und sich dort unterhalten? Dass Kinder das wollen, ist eine ganz andere Geschichte, wenn es andere machen, wollen sie es natürlich auch, aber warum ist das notwendig? Da würde ich zunächst mal versuchen, mit Kindern darüber zu sprechen, ob es nicht ausreicht, sich mit den realen Freunden und Freundinnen zu vernetzen und mit denen zum Beispiel über Mail oder andere Möglichkeiten sich zu unterhalten und eben nicht in diese öffentlichen Chatrooms zu gehen.

Wenn es jetzt so ist, dass man das nicht verhindern kann oder nicht verhindern möchte, weil man vielleicht selber das toll findet und schön findet, neue Kontakte zu knüpfen, dann sollte man auf jeden Fall auf ein paar Dinge achten: Das eine – schon angesprochen – ist der Moderator, das heißt, der Chat sollte moderiert sein, es müsste eine Ignore-Funktion geben, mit der man aus bestimmten Situationen sofort rauskommt durch einen Knopfdruck sozusagen, ein Notfallbutton, wobei da immer wieder die Frage ist, wird da auch drauf reagiert – da ist ja in dem Artikel auch drauf eingegangen worden …

Scholl: Das haben die Frankfurter Kollegen auch moniert, dass dieser Notfallbutton im Zweifelsfall überhaupt nicht funktioniert.

Weigand: Genau, das ist immer die Gefahr, und es sollte keinen Gastzugang geben. Das heißt also, es sollte sichergestellt sein, dass jeder User sich zunächst mal mit seinem Klarnamen registrieren muss. Er kann dann im Chat einen Nicknamen verwenden – das raten wir übrigens auch natürlich den Kindern, nicht unter dem eigenen Namen zu chatten, aber es sollte zumindest eine Registrierung erfolgen, also das sind so Anhaltspunkte, dass es ein einigermaßen seriöser Chat ist.

Scholl: Wie kann man Kinder darauf vorbereiten, wenn man sie jetzt also doch nicht davon abbringen kann, in solche Chatrooms zu gehen, weil sie sich das eben sehnlichst wünschen? Wie sollte man Kinder, was sollte man ihnen sagen? Kann man sie überhaupt vorbereiten auf solche Situationen?

Weigand: Ja, das ist eine gute Frage. Es ist auch eine echte Herausforderung für Eltern, weil natürlich muss man ihnen sagen, kein Alter angeben, keinen richtigen Namen angeben, gib deine Hobbys nicht an, keine Telefonnummer, keine Adresse und so weiter. Aber man weiß ja, wie Kinder auf solche Ermahnungen reagieren, und das führt ihnen möglicherweise noch nicht eindringlich genug vor Augen, was wirklich passieren kann. Und wenn sich jemand mit einem bestimmten Namen im Chat vorstellt, mit einer bestimmten Altersangabe, ist das für Kinder erst mal nicht das Naheliegende zu denken, der lügt. Aber im Chat wird halt gelogen, Chat ist zum Teil ja sogar dazu da, dass man etwas anderes vermittelt, als man eigentlich ist, ist ja auch zum Teil der Reiz dran, aber wenn sich Pädokrime in diesem Chat bewegen, wird es halt wirklich gefährlich. Wir haben in Bayern den Medienführerschein Bayern, der in Schulen umgesetzt wird, und da geht es auch schon im Grundschulalter um das Thema Chat, und da wird tatsächlich so ein Gespräch auch im Unterricht simuliert. Das heißt, man macht das dann sozusagen schriftlich, einfach auf einem Blatt Papier …

Scholl: Also ein Gespräch von solchen …

Weigand: Ein Testgespräch, genau, das dann langsam eben drauf hinausläuft, hier findet so eine sexuelle Anbahnung statt, und woran können Kinder das merken, ab welchem Punkt werden sie misstrauisch oder sollten sie misstrauisch werden, das heißt, da wird es ihnen so ganz anschaulich vor Augen geführt. Damit haben wir eigentlich gute Erfahrungen gemacht.

Scholl: Ich meine, nun sollen diese Kinderforen ja aber auch wirklich für Kinder sein, sie sollen da einen Freiraum haben, ungestört sein, weil als Kind will man ja auch nicht immer alles gleich Mama und Papa erzählen – Sie haben vorhin schon, Frau Weigand, jetzt gesagt, man soll erst mal reden, ob es überhaupt notwendig ist, aber wenn eben dieser Wunsch besteht, wie geht man denn mit diesem instinktiven Kinderverhalten um angesichts einer solchen Bedrohung, die das Kind ja dann doch vielleicht nicht einschätzen kann?

Weigand: Da ist halt ganz wichtig, dass man ein enges Vertrauensverhältnis hat. Das ist ja sowieso das A und O bei jeder Art von Medienerziehung, und bei diesem Thema ganz besonders. Wenn das Kind Angst haben muss, wenn es von einer unangenehmen Begegnung erzählt, dass es dann zum Beispiel gar nicht mehr ins Internet darf, oder dass die Eltern mit Verboten reagieren, dann ist das nicht so eine Art Vertrauensverhältnis, das man sich da wünschen würde. Das heißt, man muss es einfach schaffen, dass Kinder über so was sprechen, ohne Verbote zu fürchten, und einfach drauf hoffen, dass die Eltern dann irgendeinen Tipp haben, wie sie damit umgehen können. Es ist aber echt eine schwierige Situation.

Scholl: Sie haben vorhin gesagt, es gibt seriöse Anbieter und weniger seriöse Anbieter. Die Frage ist jetzt, weil sie ja auch vorhin bestätigt haben, dass es eigentlich keine Chatform in dieser Form gibt für Kinder, ohne dass es zu sexuellen Angriffen kommt, müsste man nicht eigentlich darüber diskutieren, ob man überhaupt solche Foren für Kinder grundsätzlich verbietet?

Weigand: Na, das wäre natürlich jetzt eine sehr weitgehende Maßnahme, aber was ich mir zum Beispiel durchaus vorstellen könnte, das wäre etwas, man muss ein Angebot für Kinder oder ein Chatangebot für Kinder zum Beispiel irgendwo registrieren lassen, und muss sozusagen deutlicher Verantwortung übernehmen als Chatbetreiber, und muss vielleicht auch mehr Personal einsetzen. Das ist ja auch immer eine finanzielle Frage: Wie gut moderiere oder überwache ich einen Chat – Personal kostet Geld –, wie viel ist mir das Wert, und wie viel riskiere ich? Und da könnte ich mir schon vorstellen, dass man da etwas dichtere Kontrollen einzieht.

Scholl: Das hieße also auch, ein entsprechender Führerschein für Forenbetreiber in diesem Sinne?

Weigand: Selbstverpflichtungen, zum Beispiel, genau, vielleicht auch Führerscheine, ja.

Scholl: Wie kann man Kinder im Internet vor pädophilen Kriminellen in Schutz nehmen? Das war Verena Weigand von der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Weigand: Gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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