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Religionen / Archiv | Beitrag vom 20.10.2012

Nur ein "Corvo"

Der Vatikan will die Vatileaks-Affäre ad acta legen

Von Thomas Migge

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Der frühere Papst-Diener Paolo Gabriele steht seit dem Urteil am 6. Oktober in seiner Wohnung im Vatikan unter Hausarrest.  (picture alliance / dpa / Osservatore Romano)
Der frühere Papst-Diener Paolo Gabriele steht seit dem Urteil am 6. Oktober in seiner Wohnung im Vatikan unter Hausarrest. (picture alliance / dpa / Osservatore Romano)

Am 6. Oktober wurde der ehemalige Kammerdiener des Papstes wegen schweren Diebstahls zu 18 Monaten Haft verurteilt. Für einige Journalisten ist die Vatileaks-Affäre um den "Corvo", den diebischen Raben, damit aber noch nicht beendet: Denn anscheinend gab es Hintermänner.

"Im Namen seiner Heiligkeit Benedikt XVI., der glorios herrscht, verkündet das Gericht folgendes Urteil: der Angeklagte Paolo Gabriele wird für schuldig befunden."

Giuseppe Della Torre hat im Namen des Papstes Recht gesprochen. Seit dem Urteil am 6. Oktober steht der ehemalige Kammerdiener in seiner Wohnung im Vatikan unter Hausarrest. Widerspruch gegen das Urteil im Fall Vatileaks will er nicht einlegen. Damit ist der Fall Paolo Gabriele für den Vatikan erledigt. Offiziell jedenfalls. Die extrem kurze Prozessdauer von nur einer Woche und die Strafmilde - die Staatsanwaltschaft hatte eine wesentlich höhere Haftstrafe gefordert – wird von Vatikanexperten als Zeichen dafür gedeutet, dass der für den Kirchenstaat peinliche Fall des diebischen und verräterischen Kammerdieners ad acta gelegt werden soll. Schnell und dauerhaft. Der Vatikan will von den wahren Hintergründen des Falls Gabriele ablenken, davon ist Marco Politi überzeugt. Er ist Vatikanexperte bei der Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano":

"Bleiben wir doch bei den Fakten. In diesen Tagen hat man im Kirchenstaat mit einer Kampagne begonnen, um die öffentliche Meinung in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken: ob es nämlich legal ist, geheime Dokumente, die einem zugespielt werden, zu veröffentlichen oder nicht."

Für den Journalisten Marco Politi ist die Sache klar: Sind diese gestohlen Dokumente authentisch, müssen sie auch abgedruckt werden. Politi findet diese Diskussion unnötig. Viel interessanter ist für ihn und eine breite italienische Öffentlichkeit die Frage, wer die möglichen Hintermänner des sogenannten "Corvo", des diebischen Raben sind, wie Paolo Gabriele genannt wird. Die scheint es nämlich zu geben.

Bei einem Verhör am vergangenen 6. Juni nannte der in U-Haft einsitzende Gabriele dem Staatsanwalt gegenüber zwei Namen. Sie hätten, so der Ex-Kammerdiener, von seinen Diebstählen gewusst und sie in gewisser Weise begrüßt – immer natürlich mit Blick auf den, so rechtfertigte sich Gabriele, Schutz der Person des Heiligen Vaters. Die Rede ist zum einen von Kardinal Angelo Comastri. Der Kardinal ist Erzpriester der Petersbasilika, Präsident der Dombauhütte von Sankt Peter und Generalvikar für den Heiligen Stuhl. Ein hochkarätiger Kirchenmann also. Dann ist da Kardinal Paolo Sardi. Als sein Beichtvater, so erklärte der Angeklagte während des Prozesses, sei er über die Diebstähle informiert gewesen. Bis 2011 arbeitete Sardi in führender Position im Kardinalstaatssekretariat, der weltlichen Regierung des Kirchenstaates. Ihr steht Tarcisio Bertone vor, als Kardinalstaatssekretär die Nummer zwei im Vatikan. Ein bei vielen Vatikanbürgern verhasster Mann. Mit dem Wissen um den in den letzten Monaten bekannt gewordenen Konflikt um die Person Bertones bekommt der Fall des Kammerdieners und seiner möglichen Hintermänner ein ganz besonderes Gewicht.

Marco Politi: "Es ist doch wichtig, dass die Katholiken erfahren, was innerhalb der Zentralregierung des Kirchenstaates vor sich geht, und dass die öffentliche Meinung darüber informiert wird, was in der Kirche los ist. Im Zentrum der gestohlenen und veröffentlichten Dokumente steht immer wieder der Konflikt zwischen Staatssekretär Kardinal Bertone und anderen Persönlichkeiten der Kurie. Das machen diese Dokumente klar."

Interessant ist, dass die brisantesten Dokumente, die Gabriele stahl und an italienischen Medien weiter leitete, immer wieder auf die Person des Kardinalstaatssekretärs zu sprechen kommen. Unter diesen Dokumenten befinden sich auch verschiedene Briefe von Carlo Maria Viganò. Der Erzbischof ist seit Ende 2011 vatikanischer Nuntius in den USA. Ab 2009 bekleidete er das hohe Amt eines Sekretärs der Gouverneursverwaltung im Kirchenstaat. In dieser Funktion kontrollierte er die gesamte Ausgabenpolitik des päpstlichen Staates. Dabei wurde Viganò auf finanzielle Ungereimtheiten aufmerksam.

Vatikanexperte Marco Politi:

"Viagano kritisierte Fälle von Korruption und schlechter Führung der Kurienverwaltung. Ein Beispiel von vielen. Die traditionelle Krippe auf dem Petersplatz kostete vor Viganos Amtsantritt 500.000 Euro, dann kam er, und die Kosten reduzierten sich auf die Hälfte. Also da hatte sich doch wohl jemand bereichert."

Kontrolleur Vigano teilte diese undurchsichtigen Geschäftspraktiken nicht etwa seinem direkten Vorgesetzten mit, das war Kardinalstaatssekretär Bertone, sondern direkt dem Papst. In diesen Briefen fielen auch die Namen Comastri und Sardi. Auch sie sollen die Geschäftspraktiken des Kardinalstaatssekretärs kritisiert haben.

Die Folge von Viganos kritischem Vorpreschen: Bertone fühlte sich verraten und machte seinen Einfluss geltend. Der Briefschreiber wurde als Nuntius nach Washington weggelobt.

Das Bekanntwerden dieser und anderer Hintergründe rückte Bertone in kein gutes Licht. Bekannt wurde auch, dass Vigano und anscheinend auch die mit dem Kammerdiener bekannten Kardinäle und Bischöfe zu einer Anti-Bertone-Front innerhalb der Kurie gehören. Ihr Ziel sei es gewesen, so Vatikanexperten, den immer mächtigeren Staatssekretär zu stürzen. Mit Hilfe von gezielt in italienischen Medien lancierten Geheiminformationen vom Schreibtisch Benedikt XVI. Der Papst, so hatte Paolo Gabriele während seiner Vernehmungen immer wieder gesagt, musste geschützt werden.

Da Gabriele mit Personen Umgang pflegte, die entschieden gegen Bertone eingestellt sind, wird jetzt ein Tatmotiv deutlich. Er bestahl den Papst, um, zusammen mit anderen, mögliche krumme Touren von Staatssekretär Bertone anzuprangern und so seinen Sturz zu provozieren. Bei diesem Handeln scheinen, so Fachleute für den Vatikan, auch Eigeninteressen der Kardinäle im Spiel gewesen zu sein, denn es ist bekannt, dass Kardinal Comastri nur zu gern Bertone in seinem Amt ablösen würde.

Ein Komplott also, resümiert Ferruccio Pinotti, Vatikanexperte der Tageszeitung "Corriere della sera":

"Hier geht es um einen Zusammenstoß von Machtsphären im Innern des Vatikans, der seit längerer Zeit zu beobachten ist. Der Grund dafür liegt meiner Meinung nach in Personalentscheidungen, die Papa Wojtyla traf. Der Kampf zwischen bestimmten Gruppierungen und Personen im Kirchenstaat ist so intensiv geworden, weil beide Seiten immer mehr Einfluss haben."

Da sind also auf der einen Seite mächtige Kardinäle und Bischöfe der römischen Kurie, die untereinander ihre Gefechte austragen, bei denen es um Macht und Einfluss geht, und auf der anderen Seite Paolo Gabriele, ein Laie. Er wird als einziger Spitzbube vorgeführt. Wahrscheinlich spricht Benedikt XVI. in seinem Fall bald schon eine Begnadigung aus. Dann wird Gabriele in irgendeinem Büro des Kirchenstaates unterkommen, wo er keine Schäden anrichten kann. Dass er auch weiterhin von der vatikanischen Gendarmerie beschattet wird versteht sich von selbst.

Die möglichen Hintermänner Gabrieles werden im Vatikan nicht thematisiert. Und wenn, dann unter Ausschluss der nichtvatikanischen Öffentlichkeit. Es sei denn, ein anderer "Corvo" wird aktiv und informiert die Medien mit Insiderinformationen vom Schreibtisch des Papstes.

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