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Thema / Archiv | Beitrag vom 16.06.2011

"Nur die Geschmacksverstärker-Technik"

Terrence Malicks Film "The Tree of Life" spaltet die Kritik

Christiane Peitz und Rainer Rother im Gespräch mit Frank Meyer

Beim Filmfestival von Cannes erntete "The Tree of Life" sogar Buhrufe der Journalisten. Ist dieses Kino der letzten Fragen und schönen Bilder eine solche Provokation? Darüber streiten die Filmkritikerin Christiane Peitz und Rainer Rother, Direktor der deutschen Kinemathek.

Frank Meyer: Terrence Malick, der gilt als einer der Meisterregisseure des amerikanischen Kinos, obwohl er in den letzten 40 Jahren nur 5 Filme gedreht hat. Über "The Tree of Life" diskutieren jetzt im Deutschlandradio Kultur Christiane Peitz, Filmredakteurin des Berliner Tagesspiegel, und Rainer Rother, Direktor der deutschen Kinemathek. Seien Sie beide herzlich wilkommen!

Rainer Rother: Guten Tag!

Christiane Peitz: Guten Tag!

Meyer: Also, "ein Film wie ein langes Gebet, eine Gottessuche", das schreibt die "Süddeutsche Zeitung" zu "The Tree of Life". Wie stehen Sie zu diesem langen Gebet, Christiane Peitz?

Peitz: Mir hat das leider überhaupt nicht gefallen, was nicht daran liegt, dass ich mich im Kino nicht gerne überwältigen lasse, aber es muss mich dann auch im Inneren packen und nicht nur in äußeren Reizen schwelgen. Und in diesem Fall hat Terrence Malick das getan. Er kommt immer mit dem ganz Naheliegenden. Also, wenn es darum geht, die Schönheit, und wie die Familie dann auch mal fröhlich beieinander ist, zu zeigen, dann sieht man den Schmetterling im Sonnenlicht flattern, und der setzt sich dann auf die Handfläche der Mutter – das sind alles solche Bilder, die mich dann immer mal wieder an die Margarine-Reklame aus meiner Kindheit erinnert. Das ist für mich Werbeästhetik, die Naturaufnahmen, so schön wie sie sind, bleiben, finde ich, sehr kommerziell, das ist so National Geographic, Naturfilm, Naturfotografie. Er kommt mir mit dem Naheliegenden, er überrascht mich überhaupt nicht, er erstaunt mich nicht. Und da kippt dieses Hehre und Heilige doch sehr ins banale, in Platitüden.

Meyer: Wie ist es Ihnen gegangen, Rainer Rother?

Rother: Wir waren ja in der gleichen Vorstellung, und ich habe zu denen gehört, die den Film sehr fasziniert verfolgt haben. Mir ging das durchaus nicht so wie Christiane Peitz. Ich war einer der großen und bin einer der großen Fans. Ich glaube, dass der Film eine Zumutung für die Zuschauer darstellt. Das hat sich ja auch in den Reaktionen gezeigt, es gibt Bewunderer und Verächter, aber dazwischen ist eigentlich gar nichts möglich. Und das liegt daran, dass dieser Film sich vollständig von dem, was traditionell ist, erzählen eigentlich bedeutet, verabschiedet. Er gibt gar nicht mehr vor, eine Geschichte zu erzählen, und wenn man das als Geschichte sieht, hat man auch all diese Widerstände. Dann ist es zu kitschig, dann ist es zu schön, dann ist es auch zu aufgeladen mit Bedeutung. Ich habe den Film ein bisschen auch in der Konsequenz der anderen Malick-Filme gesehen, die ja schon immer sich sehr weit vom Narrativen entfernt haben, und er arbeitet hier mit radikalen Perspektivwechseln; der erste Teil – der Verlust des Sohnes – wird aus der Perspektive, und zwar aus der Erinnerungsperspektive der Mutter erzählt, dann gibt es diese Anrufung Gottes, die Infragestellung Gottes, dann gibt es das, was Christiane die National-Geographic-Version …

Peitz: … 40 Minuten lang!

Rother: … gefühlte 40 Minuten, wahrscheinlich, aber doch nur 20 oder 25 – also diese National-Geographic-Version der Entstehung der Erde gesehen hat. Und dann wird … der dritte Teil wird aus der Perspektive des ältesten Sohnes erzählt. Und diese Erinnerungsperspektive ist für mich die Rechtfertigung für diesen spezifischen Ton, weil Erinnerung überhöht, Erinnerung ist subjektiv, Erinnerung ist ein Arbeiten an der Vergangenheit und ein Verändern der Vergangenheit. Und aus diesem Verlust entsteht diese Perspektive.

Meyer: Viele haben sich ja offenbar an diesem Tonfall gestört und auch gesagt, das hat so etwas von Predigt, von Sonntagspredigt, ich werde da im Kino zweieinhalb Stunden lang angepredigt, und das geht mir letztlich auf die Nerven. Das ging Ihnen anders?

Rother: Ja, nun ist das ja ein Phänomen, das man im Kino selten hat, aber manchmal schon, dass man mit Glaubens- und Religionsfragen behelligt wird – mit den letzten Fragen des Lebens und Seins –, das ist bei Malick sicher auch im Hintergrund – Malick ist ja verheiratet mit einer Predigerin und durchaus auch gläubig, und für ihn ist das, glaube ich, auch ein Anliegen. Aber er versucht gar nicht, uns zu überzeugen! Das muss man, glaube ich, dass er Figuren hat, die mit einem Verlust nicht fertig werden und übrigens auch mit sich selber nicht fertig werden. Sean Penn muss sich radikal in Frage stellen in diesem Film.

Meyer: Christiane Peitz, da sagt im Prinzip Rainer Rother jetzt: Man muss sich hier auf einen anderen Blick einlassen als der uns vertraut ist, sowohl vom Erzählen her, aber vielleicht auch vom Weltanschaulichen, Religiösen her. Das ist Ihnen offenbar nicht gelungen, sich darauf einzulassen?

Peitz: Ich habe überhaupt nichts dagegen, eine andere Perspektive einzunehmen, das können durchaus Blickwinkel sein, die mir fremd sind! Wo kommen wir hin, wenn ich immer nur mein eigenes Weltbild bestätigt sähe, das fände ich selber auch ziemlich langweilig im Kino. Damit habe ich überhaupt keine Probleme. Und das mit diesen Perspektivwechseln ist natürlich sehr klug gesagt und sehr klug gesehen von Ihnen, Herr Rother. Aber wenn ich mich in diese Perspektive dieses Jungen zum Beispiel rein versetzen möchte, dann sollte mir dieser Junge auch irgendwie nahekommen. Wir haben den Film eben beide in Cannes morgens um acht Uhr 30 gesehen, ich hatte hinterher wirklich Probleme, erst mal auch diese Söhne auseinander zu sortieren. Ich erinnere mich, dass dann hinterher Scharen von Filmkritikern vor dem Kino standen, und sich darüber – wie war das jetzt? Wer war jetzt der im Korea-Krieg gefallene Sohn und wer jetzt der Sohn, der als Erwachsener dann von Sean Penn gespielt wird? –, also, diese Jungs bleiben mir völlig egal, weil Malick es nicht gelingt, sie mir nahe zu bringen, und deshalb interessiere ich mich auch für seine Perspektive nicht so.

Meyer: Weil Sie Cannes gerade ansprechen: Das Phänomen an diesem Film ist ja, dass der offenbar auch so eine Art Empörung hervorgerufen hat bei vielen der dort anwesenden Filmjournalisten, dass es da Buh-Rufe gab und so einen offenbar inneren Widerstand gegen diesen Film. Was meinen Sie, warum provoziert er so heftige Reaktionen, auch bei Ihren Kollegen?

Peitz: Ich kann nur von mir selber sprechen, und ich habe es ja am Anfang schon versucht zu erzählen: Es empört mich so, dass er mir mit solchem Banalitäten kommt, gerade weil er die letzten Fragen anspricht. Er kommt mir mit dem Naheliegenden, er kommt mir mit Smetanas Moldau, eine Musik, die jeder kennt! Das sind alles Schlager! Und die Bilder sind ganz genau so. Was wählt er als Ästhetik, um mir zu erzählen, dass der erwachsene Sean Penn, der sich zurückerinnert, ein entfremdeter, moderner Zeitgenosse ist? Er nimmt den modernen Großstädter vor anonymen Hochhausfassaden, der so einen gläsernen Fahrstuhl immer hochfährt und in kühl designten Innenräumlichkeiten sich aufhält – das ist das erste, was mir selber in meiner sehr beschränkten Fantasie einfällt für Entfremdung im 21. Jahrhundert. Und das empört mich dann!

Meyer: Da haben Sie eine positive Empörung für den Film, in ähnlicher Weise, wie das bei Christiane Peitz negativ ist, sind Sie eigentlich richtig begeistert davon?

Rother: Ja, ich bin richtig begeistert davon – ich würde prognostizieren, dass das einer der wenigen Filme ist, über die man sich in zehn Jahren noch unterhalten wird, weil er eine bestimmte Radikalität sucht. Das ist eine Radikalität, die ganz im Kopf sozusagen des Betrachters sich realisieren muss, weil sie auch ganz im Kopf der Figuren konstruiert ist. Das ist sicher in vielen Punkten eine Anmutung, die auch als Zumutung empfunden wird. Ich glaube nicht, dass es einen Film von Malick je zuvor gegeben hat, der es seinen Verächtern so leicht gemacht hat. Das ist eindeutig so, dass er hier ein Risiko eingeht, das nur wenige Filmemacher eingehen. Und es stimmt, die Moldau ist natürlich ein Schlager, und es gibt andere Schlager …

Peitz: Mahler, Brahms …

Rother: … ja, alle großen Namen der Klassik sind im Grunde versammelt. Aber wenn man einen Vergleich ziehen will, um die Erfahrung, die Malick tatsächlich ja versucht, im Zuschauer zu evozieren, noch mal zu verdeutlichen, dann kann man im Grunde tatsächlich nur "2001" heranziehen …

Meyer: Damit hat Rainer Rother auch noch "2001" und damit Stanley Kubrick ins Spiel gebracht. Terrence Malick ist der größte Visionär des Kinos seit dem Tod von Stanley Kubrick, das wurde jetzt auch im Blick auf diesen Film und die frühen Filme von Terence Malick geschrieben. Würden Sie denn da mitgehen, Christiane Peitz, diesen filmgeschichtlichen Rang von Terence Malick – auch angesichts dieser Enttäuschung jetzt?

Peitz: Na ja, Kubrick ist 40 Jahre her, also, diese überwältigenden Aufnahmen von Dingen, die wir noch nie gesehen haben – vor 40 Jahren war das noch eine andere Art der Sensation als heute, wo computergeneriert alles geht. Das andere – ich finde den Vergleich deshalb so interessant, weil man auch am Unterschied sehen kann, dass Kubrick damals schon mehr vermochte, als, für mich jedenfalls, als Malick vermag, weil er mich zum Staunen bringt. Er bringt Dinge zusammen, die ich noch nie zusammengedacht habe. Also, dieser berühmte Filmschnitt: Der Knochen, den die Menschenaffen in die Luft wirbeln, und dann wird das Raumschiff daraus, und dann kommt gleich dieser Donauwalzer. Das ist eine Kombination von Bildern und Musik, wo etwas ganz Neues, Eigenes, Drittes entsteht, wo es vielleicht um Schwerelosigkeit geht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Malick macht immer nur die Geschmacksverstärker-Technik: Ich sehe nur das, was ich kenne, und das besonders groß und besonders laut.

Meyer: Eine empörte, enttäuschte Filmkritikerin Christiane Peitz und ein begeisterter Rainer Rother, Direktor der deutschen Kinemathek – wir können die Diskussion jetzt nur abbrechen, das könnte wohl noch eine Weile weitergehen. Danke Ihnen sehr für das Gespräch hier über den Film "The Tree of Life – der Baum des Lebens" von Terrence Malick, ab heute ist der in unseren Kinos!

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"The Tree of Life"
"The Tree of Life" gewinnt Goldene Palme

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