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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.03.2020

Nullzinspolitik und ImmobilienmarktDänen sind stark verschuldet

Von Miriam Arndts

Eine Stadtansicht von Kopenhagen wurde aus Legosteinen nachgebaut.  (Getty Images/ Didier Messens)
Ein eigenes Heim ist für manche Dänen nur in der Legovariante erschwinglich. (Getty Images/ Didier Messens)

Die Dänen sind Europas Schuldenmeister: Laut EU-Statistik haben die dortigen Privathaushalte die höchsten Verbindlichkeiten im Vergleich zu ihrem Einkommen. Oft auch, um eine Immobilie zu kaufen. Ein Risiko für die dänische Wirtschaft.

Marco Berthelsens Haus ist eingeschossig, schlicht und gleicht dem seiner Nachbarn. Es liegt in einem dicht bebauten Vorort von Kopenhagen und erfüllt einfach seinen Zweck: Es bietet Berthelsen, seiner Frau und seinen drei Kindern Wohnraum. Marco Berthelsen ist 34 Jahre alt, arbeitet als Pädagoge in einer Grundschule und er ist, wie so viele Dänen, hoch verschuldet. Drei Millionen Kronen schuldet er der Bank, umgerechnet etwa 400.000 Euro. Um die Familienkutsche, die in der Einfahrt parkt, zu kaufen, hat Berthelsen außerdem eine Hypothek auf sein Haus aufgenommen. Über seine Schulden zu sprechen, macht ihm nichts aus.

"Ich finde, es kommt darauf an, welche Art von Schulden du machst. Ich halte nichts von unnötigen Krediten, die man aufnimmt, um über seine Verhältnisse zu leben. Aber wenn man einen Kredit aufnimmt, um seiner Familie und seinen Kindern ein Leben und ein Heim zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen, dann ist das absolut kein Tabu, dann sind Schulden eine Notwendigkeit. Ich möchte meinen, dass 80 Prozent meiner Freunde und Bekannten ähnlich hohe Schulden haben wie ich. Vielleicht sind es sogar mehr."

Privatschulden als Risikofaktor für die Wirtschaft

Genau wie Berthelsen haben auch seine Freunde Kredite aufgenommen, um eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Wohneigentum zu besitzen, hat in Dänemark Tradition. Mietwohnungen sind Mangelware – gerade in Großstädten wie Kopenhagen, wo es nicht ungewöhnlich ist, dass Wohnungssuchende 20 bis 30 Jahre auf Wartelisten stehen, bis sie an eine erschwingliche Mietwohnung kommen.

"Meine Frau und ich wollten eigentlich keinen Kredit aufnehmen. Aber es gab für uns keine Alternative. Letztendlich war es die richtige Entscheidung zu kaufen, denn unsere monatlichen Abgaben, die Kreditzinsen eingerechnet, sind niedriger als sie es wären, wenn wir eine Wohnung mieten würden."

Dabei profitiert Berthelsen auch von den Zinssätzen, die in Dänemark zurzeit ähnlich niedrig sind wie in ganz Europa. Wirtschaftsautor Magnus Barsøe sieht die hohen Privatschulden der Dänen als Risikofaktor – sowohl für den Einzelnen als auch für die dänische Wirtschaft und Gesellschaft.

"In Zeiten von Hochkonjunktur und Niedrigzinsen, wie wir sie jetzt sehen, kann der Verbraucher mit hohen Schulden leben. Wenn der Zinssatz um die Null liegt oder es sogar Negativzinsen gibt, wirkt es fast dumm, keinen Kredit aufzunehmen. Das Problem ist nur, dass wir nicht wissen, wie sich die Zinsen entwickeln. Stell dir vor, das Coronavirus aus China hat einen negativen Einfluss auf den internationalen Handel, die Konjunktur verschlechtert sich und plötzlich eskalieren die Schulden, die dir gestern noch nichts ausgemacht haben, zu einem riesigen privatökonomischen Problem, was dann wiederum die gesamte Wirtschaftslage verschlechtert."

Die Finanzkrise hat Dänemark hart getroffen

Magnus Barsøe ist Redakteur bei der Tageszeitung "Politiken" und hat ein Buch über das fast sorglose Verhältnis der Dänen zu Schulden geschrieben. Er fühlt sich heute an die Zeit vor der Finanzkrise 2007 erinnert, die Dänemark besonders hart getroffen hat. Ein wenig Hoffnung hat er aber doch.

"Ich erinnere mich deutlich an die euphorischen Nullerjahre. Jeder brauchte eine freistehende Kücheninsel, die Leute haben ihre Wohnungen zweimal im Jahr renoviert. Konsum war das Einzige, was zählte. Aber ich glaube, die Dänen haben auch aus der Krise gelernt, wir sind sparsamer geworden. Das ist gesund und es war bitter nötig. Es muss ja nicht jeder Handwerker in einem Porsche herumfahren."

Expresskredite zu extrem hohen Zinsen

Konsum spielt aber auch heute noch eine wichtige Rolle. Ein Viertel aller jungen Dänen nehmen einen Kredit auf, um ihren Verbrauch zu finanzieren. Seit einigen Jahren erfreut sich besonders eine neue Form von Konsumkrediten großer Beliebtheit: sogenannte Kurzzeit- oder Expresskredite. Werbung dafür ist in Dänemark allgegenwärtig, unter anderem in Bussen und Bahnen.

In einer Reklame sieht man, wie ein junger Mann, dem beim Date das Geld fehlt, um die Rechnung zu bezahlen, mit wenigen Klicks sofort 10.000 Kronen auf sein Konto überwiesen bekommt. Diese Kredite mit extrem hohen Zinsen und schwer durchschaubarem Kleingedruckten halten heute zigtausende Dänen in einer Schuldenspirale fest. Nach massivem öffentlichem Druck hat die dänische Regierung kürzlich angekündigt, Obergrenzen für Zinssätze einzuführen und Werbung für die Sofortkredite zu regulieren.

Jahrzehntelang die Schulden abbezahlen

Für Marco Berthelsen käme ein Konsumkredit nie in Frage. Er ist mit einem spielsüchtigen Vater aufgewachsen, dessen Schulden die Mutter auch viele Jahre nach der Scheidung noch mit abbezahlen musste.

"Ich habe gesehen, was Schulden mit einem Menschen machen können. Ich bin in Sachen Geld extrem vorsichtig, fast schon an der Grenze zum Geizigen. Einfach, weil ich weiß, wie wichtig es ist, dass man seine Finanzen im Griff hat."

Das bringt er auch seinen Kindern bei. Wenn alles nach Plan läuft, hat Marco Berthelsen sein Haus in 30 Jahren abbezahlt und ist dann schuldenfrei.

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