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Studio 9 | Beitrag vom 12.11.2015

Nürnberger ProzesseSein Lebensziel ist Gerechtigkeit

Von Bernd Sobolla

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Benjamin Ferencz (picture alliance / dpa / Robin Utrecht)
Benjamin Ferencz (picture alliance / dpa / Robin Utrecht)

Benjamin Ferencz, heute 93 Jahre alt, war der Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess gegen Mitglieder der SS. Die Filmemacherin Ullabritt Horn hat ihn in "A Man Can Make a Difference" porträtiert.

"Jemand hat mich gefragt einmal: Warum sind alle die Kameras da. Und ich habe gesagt: Ja, haben Sie nicht gehört? Ich bin ein berühmter amerikanischer Komiker. Hat er gesagt: "Ja, das habe ich mir gedacht."

Ein Komiker ist der US-Amerikaner Benjamin Ferencz eher nicht, aber einen gewissen Galgenhumor hat er – nicht ohne Grund. Der heute 93-jährige Jurist erlebte das Desinteresse der Deutschen an den Nürnberger Kriegsprozessen und war überrascht, für einen Krieg, der mindestens 60 Millionen Tote gefordert hatte, nur 22 Hauptangeklagte zu sehen.

"Warum 22? Weil es im Nürnberger Gerichtssaal nur 22 Sitze gab."

Telford Taylor, der Chefankläger des Hauptprozesses, beauftragte Ferencz, nach weiteren Beweisen in den Archiven zu stöbern. Ferencz fand drei Hefter mit Ereignismeldungen aus der UdSSR und von der Ostfront – mit Beweisen für tausende Erschießungskommandos. So wurde Ferencz mit 27 Jahren der jüngste Chefankläger im größten Mordprozess der Geschichte gegen weitere 3.000 Männer, wie Regisseurin Ullabritt Horn erläutert:

"Diese zwölf Nachfolgeprozesse hatten die Intention, erstens Täter zu bestrafen und zweitens, aber viel wesentlicher, eine pädagogische Funktion, den Deutschen zu zeigen: Es waren nicht nur Göring und Ribbentrop und Speer und sonstige Verbrecher, sondern es war ein ganzes Geflecht. Und das waren Prozesse fast nach Berufsgruppen: von Finanzämtern über Ärzte, über Richter, alle möglichen Bereiche und die SS selber."

Der Film "A Man Can Make a Difference" schildert, wie Ferencz recherchierte, Beweise sammelte und die Angeklagten damit konfrontierte. Und wie die Kommandeure der Erschießungskommandos genau über ihre Morde Buch führten. Denn je "erfolgreicher" sie ihre Arbeit machten, desto eher konnten sie mit einer Beförderung rechnen. Das allein ist schon erschreckend faszinierend genug. Aber die Filmemacherin Ullabritt Horn geht noch weitere spannende Schritte und blickt z.B. in Benjamin Ferencz' Vergangenheit: Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und wird 1920 in Rumänien geboren. Die jüdische Familie emigriert in die USA, weil es schon damals in Rumänien antisemitische Übergriffe gibt. Und so wächst Ferencz in der New Yorker Bronx auf, wie Ullabritt Horn betont:

"Er hat mir mal erzählt, dass für ihn dieses Aufwachsen zwischen Gangs in einem total kriminell und gewalttätigen Milieu, dass ihn das unheimlich geprägt hat im Sinne von ein Kampf für Gerechtigkeit und auch im Sinne einer Prävention. Also eine Mischung aus Sozialarbeit und juristischer Fürsorge."

In Vietnam vergaßen die USA die Lehre aus Nürnberg

So versteht man, warum Ferencz' Kampf für Gerechtigkeit und gegen Unterdrücker zu seinem Lebensziel wird. Wobei er weiterhin mit Telford Taylor zusammenarbeitet, zum Beispiel als jener aus Vietnam kommt und das Buch "Nürnberg und Vietnam" schreibt:

"Seine Hauptthese war, dass die USA die Lehren von Nürnberg, die sie den Rest der Welt lehren wollten, vergessen hatten. Und die Lehre aus Nürnberg war, dass Angriffskrieg ein Verbrechen ist, das schlimmste internationale Verbrechen."

Deshalb fordert Benjamin Ferencz die Gründung eines Internationalen Strafgerichtshofs, wo die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen und Genozid angeklagt werden können. Das Interesse der Großmächte ist gleich Null. Doch Ferencz gibt nicht auf: Er schreibt Bücher über die Definition eines Angriffskrieges und über die Durchsetzung des Völkerrechts. Und als in den 90er Jahren rund 10.000 Frauen während des Jugoslawien-Kriegs vergewaltigt und in Ruanda 800.000 Tutsi ermordet werden, verändert sich die Situation. Gegen das Nein der USA wird 1998 in Rom die Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs mit den Stimmen von 120 Ländern beschlossen.

"A man can make a difference" ist ein sehenswerter Dokumentarfilm über einen Mann, der sein Leben einem einzigen Ziel gewidmet hat. Sein Sohn Don, ebenfalls Jurist, hat sich mittlerweile ebenfalls in das große Lebensthema des Vaters eingearbeitet. Er liefert eins der wichtigsten Zitate des Films:

"Es gibt ein Zitat von Reichsmarschall Göring: 'Es ist so leicht für die Führer einer Nation, ihr Land in den Krieg zu führen. Die Führer müssen den Leuten nur erzählen, dass sie angegriffen werden. Und denjenigen, die dagegen sind, mangelnden Patriotismus und die Gefährdung des eigenen Landes vorwerfen.'"

Filmhomepage

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