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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 02.12.2020

Nürnberg ohne ChristkindlesmarktWirtschaftliche Katastrophe und kreative Alternativen

Von Tobias Krone

Blick auf den Nürnberger Hauptmarkt, auf dem nicht - wie jedes Jahr - der Christkindlesmarkt stattfindet. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)
Wegen der Coronapandemie abgesagt: der Christkindlesmarkt, der sonst jedes Jahr auf dem Nürnberger Hauptmarkt stattfindet. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Jedes Jahr im Advent ist der Nürnberger Hauptmarkt voller Buden mit Lebkuchen, Bratwürsten und Weihnachtsschmuck. Wegen des Coronavirus fällt der Christkindlesmarkt in diesem Jahr aus. Das trifft viele ökonomisch hart – aber es gibt auch Hoffnungszeichen.

"Also bei uns war das immer so. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, ich bin auch komplett nicht in Stimmung für Weihnachten, weil mir das wirklich fehlt."

Der Advent fällt für Helga Scheller dieses Jahr still aus. Sehr still ist es in ihrem nüchternen Wohnzimmer im nüchternen Reihenhaus im nüchternen Nürnberger Süden. 

"Dieses ganze Drumherum, das Aufbauen, das Dekorieren. Das Ganze, was mit dem Christkindlesmarkt zu tun hat, ist komplett weg. Ja, wie wenn sie mir ein Bein rausreißen, ganz komisch."

So muss es sich anfühlen, wenn in der Hauptstadt des Christkindlesmarkts der Christkindlesmarkt ausfällt. Auf gewisse Weise ist Helga Scheller der Nürnberger Christkindlesmarkt. Das liegt an ihrer Ware: dem Zwetschgenmännla, einem Männchen aus Zwetschgen und Feigen mit einer Nuss als Kopf. Neben Lebkuchen und Bratwurst die Nürnberger Spezialität, die sie seit Generationen an ihrem Stand verkauft.

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"Also ich hab eine Uroma, die hieß Müller. Die hat angeblich den Zwetschgenmännla die Kleidung angezogen, weil die ganz früher alle nackig waren. Dann hat das ihre Tochter weitergemacht, das ist dann meine Oma. Die hieß Gretchen Bart, dann mein Vater, der Hans Fischer. Und dann an mich weiter."

Seit sie denken kann, basteln Helga Scheller und ihre Familie, das ganze Jahr an den Männchen mit den Knubbelaugen und dem Strubbelbart. Es gibt sie auch in weiblich, als Fußballspieler oder sogar mit Punkertolle. In Nürnberg sind sie Sammelobjekte. Gerade bevölkern sie Helga Schellers Esstisch.

Porträtaufnahme von Helga Schaller mit den von ihr und ihrer Familie produzierten Zwetschgenmännla. (Deutschlandradio / Tobias Krone)Statt auf dem Christkindlesmarkt auf dem Esstisch: Helga Schallers Zwetschgenmännla (Deutschlandradio / Tobias Krone)

"Ich habe meinen Christkindlesmarkt zu Hause, in meinem Wohnzimmer auf dem Esszimmertisch aufgebaut, dass ich irgendwas habe, woran ich mich erfreuen kann."

Im Keller wartet noch viel mehr von der verderblichen Ware, die in diesem Jahr ein kleiner Ruin werden könnte – wenn nicht noch ein Weihnachtswunder kommt. Was nicht ganz ausgeschlossen ist. Dazu später mehr.

Mehr als zwei Millionen Gäste

Robert Horka dagegen glaubt schon länger nicht mehr an irgendein Wunder. "Also, Geschenke wird es keine geben, denke ich." Auch bei Horka ist gerade niemand da. Stille in der Lobby unter dem silbernen Geweih.

"Ich betreibe das Hotel Elchboutique seit 20 Jahren, hier in der Altstadt von Nürnberg, ziemlich zentral am Nürnberger Hauptmarkt, in einer kleinen Seidenstraße."

Man muss dem Franken das weiche "D" verzeihen. Die "Seidenstraße" ist eigentlich eine Seitenstraße. Doch auch hier würde sich in normalen Dezembern ein internationales Völkchen tummeln.

"Normalerweise sind wir in der letzten Novemberwoche mit der letzten großen Messe in Nürnberg beschäftigt, die dann Donnerstag abschließt. Dann geht es flutschend weiter, Freitag dann in den Prolog."

Damit sei quasi für vier Wochen der Ausnahmezustand eröffnet. "Ganz viele Menschen aus aller Welt kommen in unsere tolle weihnachtliche Stadt mit der schönsten Weihnachtsatmosphäre weltweit und wollen diese aufsaugen und genießen."

Während touristisch im Advent an vielen Orten eher tote Hose ist, blüht die Hotellerie in Nürnberg auf. Wegen des Christkindlesmarktes mit seinen mehr als zwei Millionen Besucherinnen und Besuchern.

Viele Investitionen waren umsonst

"Wir wären hier in der Altstadt bis unters Dach voll. Ja, das stimmt. Eine glückliche Lage." Aber was viele nicht wüssten: "Das Weihnachtsgeschäft – egal, ob im Handel oder im Tourismus – das ist natürlich ein super Umsatz. Dieses Geld nimmt man in den Januar mit." Denn der sei eine Saure-Gurken-Zeit. "Dieses Geld wird benötigt, um diese ruhigere Zeit zu überstehen."

Normalerweise ist es so in Nürnbergs Hotelbranche: Im Juli kommen die Städtetouristinnen und Touristen wegen der Burg und des NS-Reichsparteitagsgeländes, im Dezember der globale Weihnachtsmarkt-Jetset. Dazwischen kommen die großen Messen mit Tausenden Gästen. 70 Prozent der Übernachtungen in Nürnberg sind geschäftlich. Dementsprechend herrscht hier im Coronajahr schon seit dem 16. März Saure-Gurken-Zeit. Klar, der Schutz vor dem Virus gehe vor, sagt Hotelier Horka. Doch gibt es Frust in der Branche.

"Ich habe viele Kollegen, die haben noch im Oktober, durch den Cashflow, den sie, Gott sei Dank, im Sommer ein bisschen machen konnten, wieder Geld in die Hand genommen und ihre Terrassen mit Zelten und Heizungsanlagen winterhart gemacht."

Er habe Bekannte, die zwischen 30.000 und 50.000 Euro investiert hätten. "Drei Tage später gibt es eine Konferenz und dann heißt es: So, jetzt machen wir wieder alles dicht."

Porträtaufnahme des Nürnberger Hoteliers Robert Horka im leeren Foyer seines Hotels. (Deutschlandradio / Tobias Krone)Keine Gäste in der Altstadt: Statt eines vollen Hauses hat Robert Horka in diesem Advent Leere in seinem Hotel. (Deutschlandradio / Tobias Krone)

Gehofft hatten sie auf einen dezentralen Weihnachtsmarkt. Gehofft hatte auch Michael Fraas, Wirtschaftsreferent der Stadt. Sonst stünden auf dem Hauptmarkt knapp 180 Buden, sagt er. Das sei sehr eng: drei Meter Abstand in diesen Budengassen.

"Wir wollten ursprünglich diesen Christkindlesmarkt auf vier Plätze verteilen. Dann hätte man mehr Platz und mehr Abstand gehabt", erläutert Fraas. Schon im Spätsommer hätten sie auf dem Hauptmarkt ein Einbahnstraßensystem und Maskenpflicht geplant. "Wir haben gedacht, komm, wir kriegen das hin, diesen dezentralen Markt."

Zwetschgenmännle jetzt im Laden

Doch dann kam die zweite Welle und alles musste dichtmachen. Die wenigen Menschen auf dem Hauptmarkt an diesem frostigen Abend nehmen es mit Fassung.

"Das ist einfach der Vernunft geschuldet. Dass man sagt: Ja, lieber dann nächstes Jahr wieder alles an gewohnter Stelle mit doppelter Freude. So sehe ich das. Wir gehen jetzt nach Hause und trinken einen Glühwein."

Manche gehen nicht heim zum Glühweintrinken. An einem Imbiss am Rand stehen sie und fühlen sich ohne den Rummel ganz wohl.

"Ich bin anerkannter Christkindlesmarkthasser. Ich will nicht mit Australiern, Neuseeländern und vor allen Dingen Japanern um den Glühwein kämpfen. Über die Qualität könnte man Doktorarbeiten schreiben, machen wir jetzt aber nicht. Wir saufen das Zeug und weg ist es."

Und Helga Scheller mit ihren Kisten Zwetschgenmännla im Keller? Sie hat Hoffnung. Nicht nur, weil ihr Sohn Figur für Figur ablichtet und auf Instagram zum Versand anbietet, sondern auch wegen Leuten wie Charlotte Grunow.

"Wir haben uns einiges Neues einfallen lassen", sagt die. "Wir haben jetzt sozusagen einen Mini-Christkindlesmarkt hier bei uns im Laden aufgebaut. Zum Beispiel die Zwetschgenmännle von der Frau Scheller, die auch auf dem Christkindlesmarkt Nachbarin von uns ist."

Deshalb bekommt man jetzt die skurrilen Figuren, ohne die seit Jahrhunderten niemand vom Markt nach Hause geht, in Frau Grunows edler Papeterie "Anemoi" gleich beim Hauptbahnhof. Für Helga Scheller ein Beweis dafür, wie sie hier zusammenhalten.

"Es sind unwahrscheinlich liebe Menschen, die echt total zusammenhalten und den Kopf für den anderen hinhalten. Das hätte ich nie gedacht und ich feiere das unendlich. Ich bin da richtig glücklich drüber."

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