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Lesart | Beitrag vom 19.06.2018

Norwegens Literatur-ZugNächster Halt – Buch

Von Katharina Borchardt

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Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen (dpa / picture alliance / Albert Nieboer)
Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen (dpa / picture alliance / Albert Nieboer)

In jedem Frühjahr fährt ein Literaturzug drei Tage lang durch Norwegen. Schirmherrin, Ausstatterin, Kuratorin und Fahrgast in einem ist Mette-Marit, die Kronprinzessin. Sie repräsentiert das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019.

"Jetzt sind wir in Südnorwegen, in einem Literaturzug, den die Kronprinzessin von Norwegen organisiert hat."

Eine Fahrt, die sich Halldór Guðmundsson nicht nehmen lassen wollte. Mal raus aus dem Büro in Oslo, von wo aus er den norwegischen Gastlandauftritt im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse organisiert. Die Fahrt führt von Kristiansand – dort in Nähe wohnte einst Knut Hamsun – nach Stavanger. Erster Stopp: das Dörfchen Marnardal.

Die Bewohner von Marnardal haben sich gründlich auf die Ankunft des Zuges vorbereitet. Schließlich kommt Mette-Marit ja nicht ständig vorbei. Ein hellblonder Kinderchor hat sich aufgereiht, singt und schwenkt norwegische Fähnchen, als die Kronprinzessin aussteigt. Ihre persönliche Zugtür ist mit einem Krönchen geschmückt. Auf dem Bahnsteig liegt ein roter Teppich.

Die Bibliothek der Kronprinzessin

Der Zug besteht aus fünf Waggons. Darin findet man Mette-Marits Bibliothek, ein Bistro-Café und vielerlei Sitzgelegenheiten. Bei jedem Stopp öffnen sich die Türen für die Bevölkerung. Mette-Marit setzt sich dann gern in die Bibliothek, ist schnell umringt von Kindern und spricht mit ihnen über ihre Lieblingsbücher. Oft steigen so viele Menschen ein, dass man das Gefühl hat, ein ganzes Dorf verschwände im Zug.

Zum Abschluss des royalen Besuchs gibt das Jugendblasorchester Marnardal nochmal alles. Mette-Marit mag Kinder. Das sieht man sofort. Kurz vor Abfahrt des Zuges in Kristiansand stattete sie auch ihrer ehemaligen Schule einen Besuch ab und las vor den versammelten Schülern sichtlich amüsiert aus einem ihrer alten Schulhefte vor.

"Ein normaler Tag" heißt der Aufsatz – ein normaler Tag im Leben der 14-jährigen Mette-Marit. Sie steht auf, geht zur Schule, trifft sich mit Freundinnen. Und am Abend so eines total normalen Tages putzt Mette-Marit sich die Zähne und geht ins Bett. Und liest dann noch ein wenig. Schon damals.

Die Schüler in der Aula grinsen.

Die Geschichte habe etwas Jon-Fosse-Artiges, sagt Mette-Marit fröhlich: Es würde darin irgendwie fast nichts passieren! Ungefähr so wenig wie in der Landschaft, die der Zug durchquert: Wälder, Hügel und Seen.

Der Staat kauft 700 Exemplare pro Buch

Norwegen ist dünn besiedelt, fast so groß wie Deutschland und hat doch nur fünf Millionen Einwohner. Bibliotheken aber gibt es auch in kleinen Ortschaften, sagt Halldór Guðmundsson:

"Überall gibt es Bibliotheken. Und die Norweger haben eine Ordnung, wo der Staat von jedem so genannten 'kulturell wertvollen Buch' ungefähr 700 Exemplare kauft und sie auf die Bibliotheken verteilt. Und das heißt, die meisten Bibliotheken sind wirklich gut ausgestattet und sind an vielen Orten das Kulturzentrum des Ortes."

17 Bücher liest der Durchschnittsnorweger pro Jahr. Was viel ist. Aber wie kauft er seine Bücher, wenn er irgendwo in aller Abgeschiedenheit lebt, mitten in den Bergen oder hinter den sieben Fjorden?

Halldór Guðmundsson: "Es wird sehr viel online bestellt. Der Verkauf von digitalen Büchern und der Verkauf von Hörbüchern geht aufwärts, aber es gibt noch immer ein gutes Buchhandelssystem. Und das sind also Buchhandelsketten sowohl wie auch selbstständige Buchhändler überall im Lande. Aber das Allerwichtigste bei der Verteilung von Büchern hier in diesem Lande, das ja so ausgestreckt ist, dass es von Oslo bis in die Finnmark genauso weit ist wie von Oslo nach Rom, das läuft über die Bibliotheken."

Royale Moderatorin

So ist es auch die Bibliothek des Städtchens Mandal, die Mette-Marits Abendveranstaltung mit dem vielfach ins Deutsche übersetzten Autor Dag Solstad ausrichtet.

Am nächsten Morgen geht es dann gleich weiter in der gut besuchten Bücherei im nahegelegenen Egersund. Dort tritt die Kronprinzessin zusammen mit der Autorin Monica Isakstuen auf, die einen Scheidungsroman geschrieben hat, der kürzlich auch auf Deutsch erschienen ist.

Ab und zu führt Mette-Marit bloß in eine Veranstaltung ein, meist moderiert sie diese aber selbst.

Auch mit dem Autor Carl Frode Tiller, von dem gerade eine Romantrilogie ins Deutsche übersetzt wird, spricht sie eine Stunde lang: auf einem gut besuchten Ausflugsdampfer, der von Stavanger aus eine Tour durch die Fjorde der Umgebung macht. Die Hafenstadt Stavanger ist die letzte Station der literarischen Zugfahrt in diesem Jahr.

Er sei doch etwas aufgeregt gewesen, bekennt Carl Frode Tiller anschließend. Denn man wüsste ja nie, wie so ein Abend verliefe. Aber es sei eine schöne Veranstaltung gewesen: Seine royale Moderatorin sei entspannt und interessiert gewesen und habe sein letztes Buch auch gründlich gelesen.

Sie sei sehr stolz auf die einheimischen Autoren, sagt die Gastgeberin später noch an Deck, bevor der Dampfer mit stampfendem Motor in den Hafen von Stavanger zurückkehrt. Sie freue sich sehr, dass sich Norwegen nächstes Jahr mit vielen neuen Übersetzungen auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren wird.

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