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Kompressor | Beitrag vom 09.07.2014

"Normcore"-ModeNormal ist das neue Hip

Auf der Suche nach einem ominösen Trend

Von Marietta Schwarz

Jeans, Schuhe, Mode (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Jeans und Turnschuhe, ganz normal - und jetzt auch total angesagt? (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Seit einiger Zeit geistert ein neuer Begriff durch das Internet: Man liest von "Normcore", dem Trend, sich ganz normal anzuziehen. Und das soll plötzlich hip sein? Eine Spurensuche auf der Berliner Fashion Week.

Die Schauen der Berliner Fashion Week sind in diesem Jahr im Bezirk Wedding. In einem Eisstadion. Ziemlich raue Gegend. Man könnte aber auch sagen: für Berlin ziemlich normal. C- und D-Promis entsteigen mit ultrahohen Pumps den schwarzen Bussen und Limousinen. Ein exaltiertes Sehen und Gesehenwerden. Modisch gekleidet, mitunter auch verkleidet, sind hier alle. Allerdings nicht als Normalo. Normcore - existiert dieser Trend überhaupt?

Ja, sagt ein zierlicher Zaungast aus New York. Normcore, das ist Anti-Mode, man zieht sich ganz normal an: Ausgewaschene Jeans, Trecking-Sandalen, Turnschuhe, die explizit nicht modisch sind. Er selbst trägt enge Stoffhosen und ein schmal geschnittenes Hemd.

Anti-Mode sei jetzt Mode! So verstehe er das jedenfalls. In Brooklyn sei das der neue Hipster-Style. Aber sonst wo habe er den Look noch nicht gesehen.

Eine junge Frau mit weißem T-Shirt und hellen Jeans mit hohem Bund hastet vorbei. Das könnte er doch sein, der neue Normalo-Style, oder? Die Frau ist Modebloggerin, doch von "Normcore" hat sie noch nie was gehört.

"Es kommt mir darauf an, dass ich mich wohlfühle, vielleicht eben auch in Mom-Jeans."

Birkenstock-Schlappen mit Coolness-Faktor

Mom-Jeans – ganz wichtiger Begriff, wenn man über "Normcore" spricht. Jeans, die es in der Damenabteilung von Kaufhäusern gibt, für die reife Frau, die auch schon mal ein bisschen Speck im Hüftbereich zu verpacken hat.

Da! Ein Asiate, weißes Hemd, weite helle Jeans, hochgekrempelt. Und Birkenstock-Schlappen. Total normal! Er sagt:

"Birkenstocks trage ich schon seit acht Jahren."

Und behauptet: Modisch oder nicht, das interessiere ihn nicht. Wenn das mal kein modisches Statement ist!

"Das ist ja das Schöne an der Mode: Dieses ständige Spiel, ein Trend wird immer größer, die Leute sind langweilig, und dann kommt wieder was Neues. Der Motor der Mode ist: Ich möchte ein Individuum sein und ich will zu einer Gruppe dazugehören. Wenn alle in meiner Gruppe gleich aussehen, muss ich wieder sagen: He, ich bin besonders und mache irgendwas anders."

So erklärt sich Modeexperte Joachim Schirrmacher, freiwillig ans Mikrofon herangeeilt, den modischen Umschwung zum Normalen, den ich bei der Fashion Week zu entdecken suche. Beim "Normcore"-Look, soviel habe ich inzwischen verstanden, geht es aber doch gerade um Gleichheit und nicht um Exklusivität. Cool ist es doch, so auszusehen wie alle, oder nicht?

Bei der Bread & Butter, der Streetwear-Messe im alten Flughafen Tempelhof, sehen tatsächlich alle ziemlich gleich aus. Turnschuhe ja, aber wo sind die Trecking-Sandalen, die Basecaps, die Mom-Jeans, und die Dad-Jeans, die gibt es schließlich auch?

Hauptsache hässlich

Keiner kennt "Normcore" hier auf der Messe. Nicht mal die Labels, die in diesem Zusammenhang immer genannt werden. Jetzt fange ich an, denen zu erklären, was das ist: Der Versuch, so normal auszusehen wie möglich.

Und dann endlich ein Erfolg: Sarah Hendrikson, Marketingfrau der Turnschuhfirma K-Swiss, ich sage bewusst "Turnschuh" und nicht "Sneaker", weiß, worum es bei "Normcore" geht:

Normcore bewegt sich weg von luxuriöser Mode, sagt sie. Der Look ist schlichter, keine Logos. Ein Gegentrend. In der Branche gelte: Wenn ein Trend bei den Müttern ankomme, sei er für deren Kinder verbrannt. Klar – deshalb ziehen die Kinder dann an, was ihre Mütter tragen sollten.

Sarah zeigt mir Normcore-Turnschuhe: Einfarbig. Weißes oder graues Leder, ziemlich dick und schwer. Nicht die bunten Dinger, wie sie gerade noch hip sind. Sondern 90er-Jahre-mäßig.

Und natürlich empfiehlt auch Sarah die 90er-Jahre-Mom-Jeans zu solchen Schuhen. Boah ist das hässlich. Oder ein Shirt von "Fruit of the Loom". Diese Firma ist auf der Messe aber nicht vertreten, wie überhaupt die großen Labels in diesem Jahr fehlen – ein schlechtes Omen – doch beim Skater-Ausstatter WESC werde ich fündig:

"Allein so ein Rucksack hier, den hätte doch vor 10 Jahren niemand getragen! – Nee, den hätte jemand vor 25 Jahren getragen, von Eastpack."

2014 minus 25 macht 1989 – das passt! Und hässlich ist er auch. Hinten in der Ecke gibt es einen Vintage-Stand von Levis. Die müssten doch was Normales/Hässliches, 90er-Jahre-Mäßiges haben?! Große Enttäuschung auch hier: 1870 bis 1970 ist der Zeitraum, mit dem man sich beschäftigt. Kichern. Ich solle doch am besten in 20 Jahren noch mal vorbeikommen...

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