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Länderreport | Beitrag vom 08.01.2021

Norddeutsche WirtschaftDurch Corona hat der Brexit seinen Schrecken verloren

Von Axel Schröder

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Luftaufnahme vom Hamburger Hafen, mit Containerbrücken und Containern, während der Coronavirus-Pandemie am 12. August 2020 . (Getty Images / Christian Ender)
Nach dem Stillstand der Fabriken in Fernost sank der Umschlag am Containerterminal im Hamburger Hafen deutlich. (Getty Images / Christian Ender)

Hamburg pflegt traditionell enge wirtschaftliche Verbindungen mit England. Die Furcht vor dem Brexit war daher groß. Doch selbst durch Corona hat die Wirtschaft weniger gelitten als gedacht. Da kann der Brexit auch nicht so schlimm werden.

Die Erholung im Hamburger Hafen kam schneller als gedacht. Heute werden fast so viele Container wie in Vor-Corona-Zeiten an Land gehievt oder für den Export auf Schiffe verladen. Der Rückblick auf das letzte Jahr falle zwar durchwachsen, aber gar nicht so schlimm aus wie befürchtet, sagt Ingo Egloff von "Hafen Hamburg Marketing".

"Wir werden am Ende, verglichen mit 2019, ich schätze mal, zwischen acht und neun Prozent weniger Umschlag gemacht haben. Das ist noch ein richtig gutes Ergebnis angesichts der Situation. Wir haben das nicht mehr aufgeholt, was wir in den ersten sechs Monaten verloren haben. Aber das zweite Halbjahr hat dazu geführt, dass der Verlust nicht zweistellig geworden ist. Auch daran gemessen sind wir mit einem blauen Auge davongekommen, würde ich sagen."

Deutsche Getreidehändler haben erheblich exportiert

Nach dem ersten harten Lockdown im Frühjahr 2020, nach dem Stillstand der Fabriken in Fernost, sank die Zahl der umgeschlagenen Container genauso wie die Importmengen von Kohle und Erz. Denn auch in deutschen Fabriken wurde die Produktion heruntergefahren. Die Industrie brauchte weniger Strom aus Kohlekraftwerken. Stark profitiert hätte dagegen der Getreidehandel, erklärt Ingo Egloff.

"Auch das ist eine Auswirkung von Corona gewesen. Länder wie Russland und Frankreich haben ihre Exporttätigkeiten bei Getreide eingestellt. Wahrscheinlich, um nationale Reserven zu behalten. Und da sind die deutschen Getreidehändler eingesprungen und haben ihre Lager leergeräumt und haben in erheblichem Maße exportiert. Ich glaube, im ersten Quartal hatten wir eine Steigerung von 177 Prozent im Bereich Getreide. Hat aber den Rest nicht ausgeglichen."

Güter- und Containerumschlag im Hamburger Hafen Hafen. (imago images / Markus Tischler)Der Umschlag ist in allen deutschen Seehäfen gesunken - aber nicht so stark wie befürchtet. (imago images / Markus Tischler)

Ganz ähnlich ist die Situation in allen deutschen Seehäfen. Der Autoexport über den Emder Hafen brach im Frühjahr 2020 zeitweise um 50 Prozent ein. Mittlerweile steigen die Zahlen wieder. Viele Unternehmen hätten aus den Erfahrungen des Frühjahrs gelernt, sagt Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

"Geholfen hat sicherlich auch, dass dieser zweite Lockdown die Industrie nicht vollkommen unvorbereitet getroffen hat, man sich also darauf einstellen konnte, dass Lieferbeziehungen in Schwierigkeiten geraten, dass bestimmte Vorleistungen vielleicht nicht verfügbar sind und dass man sich entsprechend mit Lagerhaltung auf diese Situation vorbereitet hat, um die Produktionstätigkeit aufrechtzuhalten."

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Welche Bereiche besonders hart von der Coronakrise getroffen wurden und welche nicht, erklärt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

"Tatsächlich hat diese Krise, die Pandemie, die Wirtschaft nicht symmetrisch getroffen, sondern sehr unterschiedlich. Und das ist auch nicht besonders überraschend. Die konsumnahen Dienstleistungen, die waren natürlich besonders stark getroffen, die mussten sofort runterfahren: Gastronomie, Hotellerie, Tourismus, der Flugverkehr blieb natürlich am Boden. Das waren die Bereiche, die unmittelbar und sehr hart getroffen waren."

Warnungen vor existenzieller Bedrohung

Schon vor dem zweiten, dem leichten Lockdown ab November 2020 hatte der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband gewarnt: Neuerliche Einschränkungen würden rund ein Drittel der Restaurants und Hotels existenziell bedrohen. Die Politik reagierte mit weiteren Bundeshilfen, mit Zuschüssen für die notleidende Branche. An der hingen auch etliche Arbeitsplätze, die gar nicht direkt zum Gastgewerbe zählen, sagt Dr. Fabian Kruse, der Chef des Norddeutschen Unternehmensverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistung, kurz AGA.

"Großwäschereien, die darauf spezialisiert waren, die Hotelwäsche, Blumenläden, die sich darauf spezialisiert hatten, hauptsächlich Bouquet-Schmuck für Hotels und Veranstaltungen zu machen. Alle Großhändler, die sich darauf spezialisiert hatten, Lebensmittel und Getränke in diesen Bereich zu liefern. Dann Messe und Events, Messebauer, Sicherheitsfirmen, die sich darauf spezialisiert hatten, da ihre Dienste anzubieten. Dort ist vieles weggefallen!"

Geld aus dem Füllhorn

Nur neun Prozent der im AGA organisierten Firmen waren auf die sogenannten "Novemberhilfen" der Bundesregierung angewiesen. Diese Zuschüsse seien zwar oft überlebenswichtig, würden aber eine Gefahr bergen, so Fabian Kruse.

"Wir müssen immer im Hinterkopf behalten, dass wir im Augenblick mit dem Füllhorn Geld verteilen – was gut ist! Aber wir dürfen nicht drogenabhängig werden. Und wir müssen hinterher auch wieder einen Weg da raus finden."

Nur wenige Fluggäste sind in der Abflughalle im Terminal 2 am Flughafen Hamburg.  (picture alliance / dpa / Christian Charisius)Leere Abflughalle: Normalerweise heben in Hamburg 150 Flieger pro Tag ab. Zurzeit sind es nur etwa 30. (picture alliance / dpa / Christian Charisius)

Kein Gedränge, keine langen Schlangen beim Check-in. Der Hamburger Flughafen ist im Minimalbetrieb. Nur eine von zwei Abflughallen ist geöffnet, erklärt Sprecherin Janet Niemeyer im menschenleeren Terminal 2.

"Die Schließung des Terminal 2 ist eine unserer vielen Maßnahmen, die wir ergriffen hatten am Anfang, als Corona losging, weil wir natürlich die Kosten runterfahren mussten."

Nur noch ein Fünftel der Flüge

Von den 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Hamburg Airport Gruppe wurden 80 Prozent in Kurzarbeit geschickt. Nicht mal ein Viertel der sonst üblichen Passagiere planten ihre Reise im letzten Jahr über den Helmut-Schmidt-Airport.

Weniger Fluggäste heißt: Es starten und landen weniger Flugzeuge in Hamburg-Fuhlsbüttel. Und das wiederum trifft das Geschäftsmodell der AFS, der "Aviation Fuel Service". Geschäftsführer Dr. Georg Pissarski steht rund 300 Meter vom Rollfeld entfernt. Helm und gelbe Warnweste, vor ihm einer der weißroten, langgestreckten Tankwagen der AFS-Flotte.

"In Hamburg haben wir im Normalfall in etwa 150 Flieger, die wir pro Tag betanken. Jetzt sind wir hier ungefähr bei 30 dieser Tage. Und das ist eigentlich für einen Flughafen noch relativ gut. Wir haben Flughäfen, zum Beispiel München, wo es wirklich auf zehn Prozent der Ursprungskapazität runtergegangen ist."

Hoffen auf den Sommer

Das einzige Konkurrenzunternehmen auf dem Hamburger Flughafen musste schon aufgeben. Und bei der AFS, mit 13 Standorten der Marktführer in Deutschland, arbeitet der Großteil der Belegschaft mittlerweile in Kurzarbeit.

"Nichtsdestotrotz: Wir alle in der Luftfahrt, da kann ich für viele sprechen, gehen einfach davon aus, dass wahrscheinlich im nächsten halben Jahr auch nach wie vor nicht viel los sein wird. Aber alle hoffen auf den Sommer und auf das zweite Halbjahr 2021, dass es dann wirklich wieder losgeht!"

Zwei teilweise verpackte Flugzeuge stehen auf dem Gelände von Airbus in Finkenwerder. (picture alliance / dpa / Georg Wendt)Beim Airbuswerk in Finkenwerder stehen nagelneue Flugzeuge zur Abholung. Doch die Fluggesellschaften haben im Moment keinen Bedarf. (picture alliance / dpa / Georg Wendt)

Die Belegschaft des größten Hamburger Industriebetriebs, Airbus, wird die Auswirkungen der Coronakrise eher langfristig spüren. Bei Airbus in Finkenwerder läuft die Produktion auch im harten Lockdown weiter.

Größere Probleme mit der Zulieferung von Bauteilen habe es nicht gegeben, sagt der Leiter des Werks in Finkenwerder, André Walter in seinem Büro. Allerdings musste mit den Fluggesellschaften darüber verhandelt werden, wann die fabrikneuen Jets zur Abholung bereitstehen.

"Es ist so ähnlich als wenn Sie ihr Auto abholen wollen und Sie sagen: 'Ich habe jetzt in den nächsten vier Wochen keinen Bedarf oder keine Zeit!' Und genauso verhandeln wir mit unseren Kunden."

Freiraum für Neuerungen

Insgesamt wurden im letzten Jahr rund 100 nagelneue Airbus-Jets bei den Fabriken und auf extra angemieteten Flughafenstellplätzen geparkt. Diese Parkplätze sind mittlerweile wieder leer. Heute werden in Finkenwerder aber nicht mehr die ursprünglich geplanten 60 A320-Maschinen pro Monat fertiggestellt, sondern nur noch 40.

Die Umstellung auf Videokonferenzen war für die Airbus-Belegschaft kein Problem. Schon vor Corona liefen viele Absprachen des europäischen Konzerns über Online-Meetings, erklärt André Walter. Und das leichte Herunterfahren der Produktion hätte auch Freiraum für Neuerungen gebracht.

"Wir haben aufgrund der Tatsache, dass wir hier und da auch längere Taktzeiten haben in den Hallen, auch Möglichkeiten, Dinge umzusetzen, die vorher einfach auf der Strecke geblieben sind. Und das Ziel ist natürlich, diese Zeit zu nutzen, um unsere Fertigung in Summe zu optimieren."

Airlines kaufen weniger Flugzeuge

Trotz dieser Anstrengungen werde die Auftragslage des Flugzeugbauers auch auf lange Sicht unter den Folgen der Pandemie leiden, analysiert Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

"Die Airlines selbst sind jetzt natürlich in erhebliche Liquiditätsprobleme geraten. Und da müssen wir erwarten, dass die Airlines aus dem Cashflow heraus, aus ihrem operativen Geschäft heraus kaum neue Flugzeuge in Auftrag geben werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren. Auf jeden Fall deutlich weniger als geplant."

Zu den Gewinnern der Krise zählen Einzelhändler, die ihre Waren online verkaufen können und auch die Kupferhütte Aurubis ist mit satten Gewinnen durch die Krise gekommen. Ihr Rohstoff kommt in allen elektronischen Bauteilen zum Einsatz, in E-Motoren für Pkw oder in Generatoren von Windkraftanlagen.

Der Brexit hat seinen Schrecken verloren

Eine Vorhersage über anstehende Insolvenzen sei aber schon deshalb schwierig, weil im Zuge der Pandemie die Meldepflicht für Firmenpleiten aufgehoben wurde, erklärt Claus Michelsen vom DIW. Klar sei aber, welche Wirtschaftsbereiche im Laufe des Jahres in Schwierigkeiten geraten könnten.

"Das sind vor allem diejenigen, bei denen die Eigenkapitaldecke dünn wird. Das sind vor allem Dienstleistungen mit geringen Beschäftigungszahlen, also Unternehmen unter 20 Beschäftigten in der Dienstleistungsbranche, im Service-Sektor, Hotellerie und Gastronomie. Dort sind die Krisenpuffer relativ schnell aufgebraucht und da kann man dann eben auch erwarten, dass diese Unternehmen leider nicht überleben. In welchem Umfang das passiert, das kann man seriös kaum abschätzen."

Klar ist aber: Der lange Zeit so gefürchtete Brexit macht den Händlern im Vergleich zu den wirtschaftlichen Verwerfungen durch die Corona-Krise längst keine Angst mehr.

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