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Fazit | Beitrag vom 26.07.2020

Norbert Lammert über Hans-Jochen Vogel"Orientierungsfigur einer demokratischen Streitkultur"

Moderation Britta Bürger

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Hans Jochen Vogel argumentiert mit erhobenem Zeigefinger. (imago images / Michael Westermann)
Eine "beinahe legendäre Figur" - CDU-Politiker Norbert Lammert über den verstorbenen SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel. (imago images / Michael Westermann)

Hans-Jochen Vogels Karriere sei von der Haltung geprägt gewesen, dass Grundsätze im Zweifel wichtiger seien als Parteipolitik, sagt der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert. Diese Einstellung mache den SPD-Politiker zu einer Orientierungsfigur.

Der im Alter von 94 Jahren verstorbene SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel war Oberbürgermeister in München, Regierender Bürgermeister in Berlin, er war Partei- und Fraktionsvorsitzender, Minister verschiedener Ressorts und Kanzlerkandidat.

Diese Bandbreite an Tätigkeiten hätte auch für zwei oder drei politische Laufbahnen gereicht, sagt der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der jetzt Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung ist.

Vielseitig und gleichzeitig einheitlich 

Vogel sei für ihn eine "beinahe legendäre Figur", so Lammert: "Mir fallen kaum Parallelen einer politischen Biografie ein, die so vielseitig und gleichzeitig in der Haltung so einheitlich gewesen und geblieben ist wie bei Hans Jochen Vogel."

Schon, dass er mit 34 Jahren Oberbürgermeister von München wurde, als "Sozialdemokrat im schwarzen Bayern" und dass Vogel die Olympischen Spiele 1972 nach Deutschland geholt habe, mache ihn unabhängig von seinen späteren Aufgaben und Funktionen zu einer ganz ungewöhnlichen Persönlichkeit, betont Lammert.

Der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert lächelt versonnen. (imago images / Sven Simon)"Er stand mit seiner ganzen Person für das ein, was er vortrug", sagt Norbert Lammert über den Redner Hans-Jochen Vogel. (imago images / Sven Simon)

Vogels "Klarsichthüllenregiment"

Vogel sei oft Pedanterie vorgeworfen worden, erzählt Lammert. Tatsächlich habe der SPD-Politiker für alles einen eigenen Vorgang angelegt: "Meist in Form von Klarsichthüllen, in denen er dann einzelne Zettel oder dazu gehörende Unterlagen sortiert hatte." Bei Konferenzen habe Vogel diese dann aus der Tasche gezogen, sagt Lammert: "Als Nachweis einer sorgfältigen Vorbereitung."

Im Zweifelsfall stehen parteipolitische Interessen zurück

Auch wenn Vogel nicht der klassische große Redner gewesen sei, habe er viele eindrucksvolle Reden gehalten, sagt Lammert: "Weil er mit seiner ganzen Person für das einstand, was er vortrug."

Diese Konsequenz habe Vogels Haltung bestimmt, so Lammert: "Bei aller Leidenschaft für die eigenen Überzeugungen und für die eigene Partei, hatte er Grundsätze, die er nicht nur nicht zur Disposition zu stellen bereit war, sondern gegenüber denen auch parteipolitische Interessen im Zweifelsfall zurückstehen mussten."

Insofern gehöre Vogel zu den "Orientierungsfiguren einer überzeugenden demokratischen Streitkultur", betont Lammert. Für diese Streitkultur habe sich Vogel auch nach seinem Rückzug aus der Parteipolitik eingesetzt. Zum Beispiel in der Vereinigung "Gegen Vergessen - Für Demokratie", die sich nach den rassistischen Anschlägen von Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen gegründet hat.

"Das spricht für ihn und seine besondere Haltung", betont Norbert Lammert.

(beb)

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