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Frühkritik | Beitrag vom 08.11.2019

Norbert Horst: "Bitterer Zorn"Die Stimmen der Angst

Von Tobias Gohlis

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Buchcover zu "Bitterer Zorn" von Norbert Horst. (Goldmann)
"Bitterer Zorn" zeigt, wie persönliches Vertrauen über Rechts- und Stammesvorschriften hinweg Leben retten kann. (Goldmann)

Blutfehden, Clankriminalität, Düsternis: Der Kriminalhauptkommissar und Schriftsteller Norbert Horst zeigt in seinem Krimi "Bitterer Zorn" erneut, wie aus echter Polizeiarbeit Literatur werden kann.

"Kein Licht" – so lautet der erste Satz in Norbert Horsts neuem Kriminalroman "Bitterer Zorn". Kein Licht, das bedeutet für jeden etwas anderes. Für zwei jugendliche Einbrecher aus Rumänien heißt das: Loslegen, niemand im Haus. Dunkelheit ist über die kleine Huriye hereingebrochen. Sie wurde entführt und dient als Geisel in der Blutfehde zweier verfeindeter Clans. Und Fuada hockt auch in tiefer Finsternis: Ihr Sohn kam bei einer anderen Racheaktion ums Leben – jetzt muss sie vereinsamt, in tiefer Trauer, die kleine Huriye hüten. Bis die Männer ihres Clans entschieden haben, was mit dem Kind geschehen soll.

Der Autor ist selbst Kommissar

Dunkelheit herrscht in Dortmund, im Herbst 2018. Dort ermittelt zum vierten Mal Thomas Adam, genannt der Steiger. Dieser Kommissar ist etwas Besonderes, denn er wurde von einem Schriftsteller erfunden, der selbst ein Kommissar ist. In unserer Literaturlandschaft ist Norbert Horst, Kriminalhauptkommissar in Bielefeld, eine einzigartige Erscheinung.

In den USA etwa gab es etliche Cops, die beeindruckende Autoren wurden, in Deutschland gibt es nur einen. Mehrfach mit deutschen Krimipreisen ausgezeichnet, versteht es Norbert Horst wie kein anderer Schriftsteller, aus der meist öden, selten aufregenden Arbeit der Kriminalpolizei Literatur zu machen, die fesselt. Und er zeigt – ohne Beschönigung – wie Polizeiarbeit funktionieren könnte, würde sie immer gut gemacht: Aufmerksam für menschliche Details, solidarisch mit den Kollegen, rechtsbewusst. Und wie schwer sie ist: abhängig von Dienstplänen, Kraftreserven, Vertrauen, Zufall.

Kenntnisreich erzählt 

"Bitterer Zorn" enthält viele, im Polizeialltag von Steiger und seinen Kollegen miteinander verwobene und verdichtete Fälle. Horsts Erfahrungen als Spezialist für Ausländerkriminalität sind in die Geschichte der jugendlichen Einbrecher und der im Clankrieg zum Opfer gewordenen Huriye eingegangen. "Bitterer Zorn" zeigt auch, wie persönliches Vertrauen über Rechts- und Stammesvorschriften hinweg Leben retten kann.

Das ist seelengenau und straßenreal, ohne Schmu, erzählt. Denn Norbert Horst kennt die Soziolekte, die Stimmen der Angst und der Hoffnung, der Täuschung und des Zutrauens. Es sind die Stimmen der Menschen um ihn und uns herum, nichts Exotisches. Und er kann sie ungemein spannend zum Erklingen bringen. Demnächst wird Horst übrigens nach mehr als 45 Jahren Polizeidienst pensioniert. Dann wird er mehr Zeit zum Schreiben haben - und hoffentlich nutzen. 

Norbert Horst: "Bitterer Zorn"
Goldmann-Verlag, 2019
320 Seiten, 13 Euro.

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