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Friedhofsbesuche mit Schriftstellern / Archiv | Beitrag vom 30.08.2013

Nora Iuga

Bellu-Friedhof, Bukarest, Rumänien

Von Tobias Wenzel

Nora Iuga auf dem Bellu-Friedhof (Tobias Wenzel)
Nora Iuga auf dem Bellu-Friedhof (Tobias Wenzel)

Wieso freute sich Nora Iuga schon als Kind, wenn ihre Großmutter sie auf den Friedhof mitnahm? Und warum küsste die Dichterin dort einmal einen jungen Mann?

Eine Beerdigungszeremonie auf dem größten und bedeutendsten Friedhof der rumänischen Hauptstadt: Zwei Dutzend Menschen nehmen Abschied von einem Toten. Nur einen Steinwurf davon entfernt sitzt die Dichterin Nora Iuga auf einer Bank und blickt auf eine Frauenstatue aus weißem Marmor:

"Ich liebe diese Frau sehr. Sie gehört ja zu meinen intimsten Kindheitserinnerungen."

Die von einem italienischen Bildhauer gemeißelte Frau ist großbürgerlich gekleidet, hat die Haare hochgesteckt und hält in der linken Hand, wie einen Spazierstock, einen geschlossenen Schirm. Als Nora Iuga sieben war, nahm ihre Großmutter sie zum ersten Mal mit auf den nach einem Baron benannten Bellu-Friedhof und danach regelmäßig:

"So hat die Oma gesagt: 'Wir gehen jetzt zur Dame mit dem Schirm.' Es ist ja viel schöner, dass man das einem Kind sagt als: 'Komm, wir gehen jetzt zum Friedhof.')"

Wie Nora Iuga da so auf der Bank sitzt und vor Vergnügen ihre Beine baumeln lässt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, sie sei keine Frau Jahrgang 1931, sondern das siebenjährige Mädchen von einst, das fasziniert von dieser Frauenskulptur war:

"Man vermutet, dass es eine unglückliche Liebesgeschichte war und dass sie entweder Selbstmord begangen hat oder von einem Mann, der sehr eifersüchtig war, getötet wurde."

Nora Iuga auf dem Bellu-Friedhof (Tobias Wenzel)Nora Iuga auf dem Bellu-Friedhof (Tobias Wenzel)


Genaueres über diese in Marmor verewigte Frau, deren Gebeine vermutlich dort irgendwo unter der Erde liegen, weiß man nicht mehr. Große metallene Buchstaben waren ursprünglich an der halbrunden Mauer hinter der Skulptur angebracht und verrieten wohl den Namen der Frau, ihre Geburts- und Sterbedaten. Aber die Buchstaben sind, seit Nora Iuga denken kann, von Dieben abgesägt worden. Überhaupt wurden auf diesem in der Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten Friedhof fast alle wertvollen Edelmetalle geraubt. Noch heute werden hier Gräber geplündert.

"Hier unten, sehen Sie, wo die Mauer ist, war ein Platz wie ein Tal. Dieser Platz hieß ‚valea plingerii‘, das Tal des Weinens, weil es gerade hier in der Nähe des Friedhofs war. Es war wie eine Wüste."

Nora Iuga ist über den Friedhof spaziert und verschwindet nun kurz im Gestrüpp, um einen Blick über die Mauer nach draußen zu werfen, um zu sehen, was aus dem Tal geworden ist:

"Hier ist jetzt ein Weg! Und ein See! Es ist jetzt ein Park!"

"Ich glaube, sterben ist viel leichter, als wir uns vorstellen. Wir werden es schaffen, ich sage dir! Wenn es alle Menschen geschafft haben ..."

Ihre Großeltern, bei denen Nora Iuga als Kind viele Jahre aufwuchs, hatten keine Angst vor dem Tod. So hat es bis heute auch Nora Iuga selbst empfunden. Genauso wenig fürchtet sie Friedhöfe. Nur ein einziges Mal hatte sie Angst auf einem Friedhof. Sie war damals eine 18-jährige Studentin und spazierte mit einem Kommilitonen über ebendiesen Bellu-Friedhof, als ein heftiges Unwetter aufkam:

"Es war ja schrecklich und hat geblitzt und so. Und: 'Komm, wo verstecken wir uns jetzt?' Und dann sind wir hinuntergegangen in eine Gruft. Dort sind wir dann eine Stunde lang geblieben, bis sich dann das Gewitter gelegt hat. Und weil das so dunkel war und weil wir so Angst hatten und weil es so kalt war – was hätten wir machen sollen, damit wir uns erwärmen? Und da haben wir uns umarmt und geküsst. Und eine Stunde lang standen wir dort wie zwei Geliebte, obwohl wir überhaupt nicht ineinander verliebt waren."

"Nora Iuga, Bellu-Friedhof, Bukarest, Rumänien"


Als ich Nora Iuga fotografiere, sind wir beide äußerst nervös, schauen uns immer wieder um. Wir haben Angst, von den Friedhofswärtern entdeckt zu werden. Sie verbieten nämlich den Besuchern, besonders Ausländern, hier Fotos zu machen. Meist bedeutet das ausgesprochene Verbot allerdings nur eins: "Bestich mich mit genügend Geld, dann gibt es kein Verbot mehr."
Korrupte Mitarbeiter des Friedhofs sollen immer wieder für rund 10 000 Euro unter der Hand einen Grabplatz nach dem anderen verkaufen. Dabei ist der beliebte Bellu-Friedhof, der trotz des Verfalls noch an das ehemals prunkvolle Bukarest erinnert, schon seit vielen Jahren ausgebucht.
Als die Fotos gemacht sind und ich die Kamera im Rucksack verstaut habe, fällt unsere Anspannung mit einem Mal ab. Nora Iuga lacht ihr kindliches Lachen.

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