Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
Mittwoch, 27.01.2021
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Literatur | Beitrag vom 10.01.2021

NocturnesDie schlaflosen Nächte der Schriftsteller

Von Uta Rüenauver

Beitrag hören Podcast abonnieren
Friedrich in der Siegesnacht von Torgau auf den Altarstufen der Dorfkirche von Elsnig Depeschen und Befehle schreibend, Farbdruck nach Carl Röchling  (picture alliance / akg-images)
Auch Friedrich der Große wusste anscheinend die nächtlichen Stunden zum Schreiben zu nutzen. (picture alliance / akg-images)

Nicht wenige Schriftsteller und Schriftstellerinnen sind nachts wach. Manche können nicht schlafen, weil es in ihnen weiterschreibt; andere wollen nicht schlafen, um zu schreiben. Im Dunkel ist das Schreiben anders. Wenn man denn schreiben kann.

Schlaf ist lebensnotwendig, sein Entzug eine Foltermethode. Die meisten, die die gesuchte Erquickung nicht finden, fechten den Kampf mit dem Plumeau wortlos und verzweifelt aus. Die Literaturgeschichte jedoch ist voll vom Leiden schlafloser Schriftsteller und ihrer rotäugigen Figuren.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)
Hermann Hesse wollte sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen, um den durchwachten Nächten zu entkommen. Der Rumäne Emil Cioran behauptete, gar nicht mehr zu schlafen und die Nächte mit Spaziergängen auf Friedhöfen und dem Verfassen von "Syllogismen der Bitterkeit" zu verbringen. In Ulrike Kolbs Roman "Die Schlaflosen" fühlen sich die Übernächtigten als Versager. Denn sie sind nicht imstande, das Alltägliche und Notwendige zu leisten: Die heilige Trias von – so nennt es ein Zyniker unter ihnen – "Schaffen, Scheißen, Schlafen" zu erfüllen.

"Große, mich aufreißende Zustände"

Es hilft, außerordentlich zu wissen, warum man nicht schlafen kann. Franz Kafka wusste es und vertraute es seinem Tagebuch an:

"Ich glaube, diese Schlaflosigkeit kommt nur daher, daß ich schreibe. Denn so wenig und so schlecht ich schreibe, ich werde doch durch diese kleinen Erschütterungen empfindlich, spüre besonders gegen Abend und noch mehr am Morgen, das Wehen, die nahe Möglichkeit großer mich aufreißender Zustände, die mich zu allem fähig machen könnten und bekomme dann in dem allgemeinen Lärm, der in mir ist und dem zu befehlen ich keine Zeit habe, keine Ruhe."

Allerdings hätte Kafka am Tag gar nicht schreiben können: Die hellen Stunden des Versicherungsangestellten gehörten dem Büro.

Die dunklen erlauben manchmal ein anderes Schreiben. Nachts sind die Zwänge gelockert, ist die Kontrolle vermindert und der Pragmatismus verabschiedet. Man merke es den Texten an, wenn sie in der Nacht entstehen, meint Ulrike Almut Sandig. Sie kann nur in der Nacht den alltäglichen Verpflichtungen entkommen und hat zur Einstimmung in die Zeit des Mondes ein Ritual gefunden, das sie wachhält.

"Ein schlafloser Dichter bin ich manchmal, ich bin es nicht immer", sagt Norbert Hummelt von sich und weiß von seinem Glück. Aris Fioretos kennt das Leiden auch – aber die Nacht bewusst aufzubleiben, nicht schlafen zu wollen, um zu arbeiten, sei mit großer Freude und Neugier verbunden.

Zu nachtschlafender Zeit 

Für die Lyrikerin und Essayistin Monika Rinck ist Schlaflosigkeit dagegen ein lästiges, ästhetisch eher unfruchtbares Übel. Die "Löschmaschine" Schlaf sei von zentraler Bedeutung, ebenso wie die "rites de passage" des Einschlafens und Aufwachens. Den Schlaf nennt sie in ihrer Münsteraner Poetikvorlesung "eine tägliche Einübung in die Differenz". Ein Feature von Uta Rüenauver zu beinahe nachtschlafender Zeit über eine Volkskrankheit und ihre Konsequenzen für Literatur und Literaten.

(pla)

Das Manuskript zur Sendung können Sie hier herunterladen.

Die Zitate, deren Urheber in der Sendung nicht genannt wurden, stammen von Novalis, Ossip Mandelstam, Anne Sexton, Sappho, Charles Simic, Wislawa Szymborska, Christine Lavant und Mascha Kaleko.   

Es sprechen: Maria Hartmann, Cornelia Schönwald, Tonio Arango und Frank Arnold
Ton: Martin Eichberg
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Redaktion: Jörg Plath

Mehr zum Thema

Drifting Away - Von Schlaf und Traum (Teil 5) - Eine kleine Kulturgeschichte der Schlaflosigkeit
(Deutschlandfunk, Freistil, 03.12.2017)

Ralf Rothmann: "Hotel der Schlaflosen" - Im Herz der Finsternis
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 26.10.2020)

Schlaflos in Deutschland - Ohne Smartphone ins Bett
(Deutschlandfunk, Sprechstunde, 27.06.2017)

Literatur

AnsteckungSeuchen in der Literatur
Historische Zeichnung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert. (Getty Images / DEA Picture Library / De AgostiniEditorial)

Seuchen überfordern den Verstand. Je tödlicher die Epidemie verläuft, desto verzweifelter der Versuch, ihr die Stirn zu bieten. Dann wird sie zur Prüfung, zum Strafgericht oder Selbstverrat - oder zur Erfindung, die zu leugnen ist.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur