Seit 22:03 Uhr Freispiel

Donnerstag, 23.01.2020
 
Seit 22:03 Uhr Freispiel

Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.01.2013

Noch nicht Schluss mit lustig

Die Oper "Don Giovanni. Die letzte Party" am Thalia Theater Hamburg

Von Bernhard Doppler

Podcast abonnieren
Die Schauspieler Gabriela Maria Scheide als "Zerlina" und Sebastian Zimmler als "Don Giovanni".  (picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz)
Die Schauspieler Gabriela Maria Scheide als "Zerlina" und Sebastian Zimmler als "Don Giovanni". (picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz)

Antú Romero Nunes Bearbeitung von Mozarts Don Giovanni ist sehr oft Mitmachtheater, manchmal denkt man auch einer Animation in einem Touristenclub folgen zu müssen. Etwas unfertig scheinen noch der zweite Teil und das schnelle Finale, aber die große komödiantische Energie der Darsteller reißt mit.

Kurz vor der Pause bittet Don Giovanni hundert Frauen unter den Zuschauern zu seiner Party auf die Bühne. Sekt wird angeboten und Masken sind bereitgestellt. Wie diese Party bei Don Giovanni dann abläuft, erfahren die zurückgebliebenen Männer nicht. Der eiserne Vorhang wird herabgelassen, ein Türsteher verwehrt nun mehr den Eintritt, man hört nur laute Discomusik hinter dem Vorhang, vermutlich wird getanzt. Auch nach der Pause im zweiten Teil des Abends bleiben jene hundert Zuschauerinnen weiter auf der Bühne und bekommen von dort also unmittelbar mit, wie der eifersüchtige Massetto (Bruno Cathomas) sich betrinkt, mit Zerline streitet und wieder versöhnt und schließlich sich Don Giovanni – durchaus im Einverständnis – mit dem schwarzen Commendatore (also mit Mozarts Komtur, gespielt von Karin Neuhäuser), dem Tod wohl, zurückzieht.

In Antú Romero Nunes Bearbeitung ist Mozarts Don Giovanni sehr oft Mitmachtheater, manchmal denkt man einer Animation in einem Touristenclub folgen zu müssen. Schon bei der Ouvertüre dirigiert Leporello (Mirco Kreibich) kein Orchester, sondern das Publikum – links und recht in Gruppen teilend oder Männer und Frauen - Wir müssen "Bla-Bla-Bla" in Variationen eine Tonfolge von Mozart singen. Denn Mozart singen – so die Devise des Abends – kann jeder und "macht glücklich!" Das Publikum geht sofort darauf ein.

Klassische Opern von Schauspielern aufführen zu lassen, ist nicht neu: Sebastian Baumgarten ("Tosca" in der Berliner Volksbühne) oder David Marton haben auf diese Weise die Möglichkeiten von Musiktheater de- und rekonstruiert. Antú Romero Nunes und sein musikalischer Kompagnon Johannes Hofmann bieten dabei eine durchaus neue Variante. Zwar steht nicht das Libretto von Lorenzo da Ponte im Mittelpunkt, sondern durchaus die Musik und die einzelnen musikalischen Nummern, doch - unterstützt von einer siebenköpfigen Frauenband - unternehmen die Schauspieler meist gar nicht erst den Versuch, Oper in Kleinformat zu singen. Es bleibt bei Versuchen, oft geradezu abenteuerlichen Versuchen, zu singen - manchmal auch nur einige Takte.

Und dennoch! Viele vertraute Szenen aus Mozarts Oper werden plötzlich überraschend prägnant und zeigen - manchmal zwischen Italienisch und Deutsch wechselnd - eindrucksvoll theatralische Komik: zum Beispiel bei der Registerarie: Leporellos Erklärung vor Donna Anna über Don Giovannis Verhalten. Oder: die Rivalität zwischen Elvira und Zerline oder der sich mit immer wieder neuen nicht enden wollenden Hinweisen auf seine Liebesfähigkeit brüstende Ottavio (André Szymanski), auch wenn er keine Belcanto-Arie singt.

Gegenüber Mozarts "Dramma giocosa" ist die "Bastardkomödie", wie Nunes seinen Don Giovanni nennt, eine Art Barock-Comic (Kostüme: Annabelle Witt) – und Mozart sehr nahe! Vor allem der frauensüchtig kindlich naive Held (Sebastian Zimmler) lässt an den Komponisten, wie er sich etwa in seinen infantil sexuell Briefen äußert, denken. Gegenüber dem naiven sich mit allen Frauen vereinigen wollenden Don Giovanni wirkt sein ebenfalls sehr junger Begleiter Leporello deutlich nachdenklicher.

Etwas unfertig scheinen noch der zweite Teil und das schnelle Finale (der Abgang Don Giovannis von seiner Party) zu sein - aber die große komödiantische Energie der Darsteller reißt mit. Und wenn man auch zunächst staunt, wie schnell und bereitwillig das Publikum in Nunes Mitmachtheater mitspielt – gehört am Ende ein Teil des Publikums zur Inszenierung? - , am Ende ist das Vergnügen über eine große lustvolle Theaterparty allgemein.

Mehr zum Thema finden Sie auf der Homepage des Thalia Theaters Hamburg.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsVom Sehnen nach den wilden Zwanzigern
Kabarett und Varieté: Ballett. Revue-Girls des Damenballetts Ehed Karina, Berlin.  (picture alliance/dpa/ akg-images)

Der Vergleich drängt sich natürlich auf: Die wilden, goldenen 1920er-Jahre - und die Dekade, die gerade angebrochen ist. Die "Zeit" lässt Florian Illies eifrig Metaphern darüber schmieden, wie die "alten" Zwanzigerjahre sich anfühlten und wie sie rochen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur